Achse der Autonomie: Abu Dhabi und Peking stellen die Weltordnung infrage
Was die chinesisch-emiratische Annäherung für die strategische Architektur der multipolaren Welt bedeutet – und warum sie Washingtons Vormacht herausfordert
Der Besuch von Mohammed bin Zayed in Peking war kein symbolischer Akt, sondern Ausdruck einer neuen tektonischen Verschiebung in der Weltpolitik. Was sich in den letzten Jahren zwischen Abu Dhabi und Peking entwickelt hat, ist weit mehr als eine bloße wirtschaftliche Zweckgemeinschaft – es ist eine strategische Achse der Autonomie, eine bewusste Lossagung vom amerikanischen Orbit. Und sie ist ein Vorbote dessen, was in der Ära nach der westlichen Dominanz zur Regel werden wird: Macht wird dort entstehen, wo Staaten sich aus der Abhängigkeit lösen und eigene strategische Räume erobern.
Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) betreiben keine ideologische Politik. Ihr Handeln ist nüchtern, rational, interessengeleitet – wie es in einer multipolaren Welt notwendig ist. Die engen Beziehungen zu China, sei es im Währungs-, Technologie- oder Verteidigungsbereich, sind keine Provokation, sondern Ausdruck souveräner Selbstbehauptung. Abu Dhabi reagiert damit auf ein Jahrzehnt westlicher Unzuverlässigkeit: das Scheitern im Arabischen Frühling, die Appeasement-Politik gegenüber Iran, die moralisierende Außenpolitik der Obama- und Biden-Administration. Wer von Washington aus partnerschaftliche Treue erwartet, muss auch bereit sein, strategische Interessen ernst zu nehmen – und genau daran mangelt es.
Der Ausbau bilateraler Abkommen im Energiesektor, der Aufbau gemeinsamer Fonds und Währungsabkommen zur Umgehung des US-Dollars, aber vor allem die Integration chinesischer E-Autos in die Emirati-Marktstrategie sind Bestandteile einer viel größeren Strategie: der Entwestlichung wirtschaftlicher Abhängigkeiten. Während die USA Sanktionen verhängen und Märkte abschotten, schaffen China und die VAE neue Handels- und Finanzarchitekturen – resilienter, weniger ideologisiert und effizienter. Das betrifft auch Schlüsseltechnologien wie künstliche Intelligenz, bei denen die Golfstaaten als Brückenakteure zwischen Ost und West auftreten.
Die Verteidigungszusammenarbeit zwischen Peking und Abu Dhabi zeigt, dass der Golf nicht länger als US-Militärhinterhof zu verstehen ist. Die Emirate haben sich in den letzten Jahren Zugang zu chinesischen Drohnentechnologien, Flugzeugen und sogar gemeinsamer Rüstungsentwicklung gesichert. Der Versuch Washingtons, über Geheimdienste und diplomatische Interventionen chinesische Militärpräsenz in den Emiraten zu verhindern, verdeutlicht nur eines: Die Vereinigten Staaten haben nicht akzeptiert, dass ihre Sicherheitsgarantie keine Exklusivität mehr besitzt. Die souveräne Entscheidung Abu Dhabis, sich nicht belehren zu lassen, ist ein symbolträchtiger Präzedenzfall.
Was Washington als „gefährliche Annäherung an China“ brandmarkt, ist in Wahrheit das Ergebnis westlicher Selbstüberschätzung und strategischer Trägheit. Die VAE handeln aus Eigeninteresse – und sie tun gut daran. Denn nur durch eine Diversifikation der Partner, durch den Aufbau alternativer Machtzentren und durch technologisch-strategische Unabhängigkeit können Staaten in der neuen Weltordnung bestehen.
Abu Dhabi nutzt das sino-amerikanische Kräftemessen, um sich selbst aufzuwerten. Diese Taktik ist rational, souverän und strategisch klug. Wer als Beobachter auf „Loyalitätsverrat“ gegenüber dem Westen verweist, hat den Wandel der internationalen Ordnung nicht verstanden. Der Golf ist nicht mehr das Spielfeld anderer Mächte – er ist selbst zum Spieler geworden.
Für Europa ergibt sich aus dieser Entwicklung eine zentrale Lehre: Wer weiter in der Rolle des transatlantischen Befehlsempfängers verharrt, wird weder Einfluss sichern noch Ordnung gestalten können. Es braucht eine eigene Machtbasis – politisch, militärisch, technologisch. Europa muss lernen, wie Abu Dhabi zu handeln: strategisch autonom, ohne ideologische Scheuklappen, mit Blick auf die eigene Interessenswahrung.
Die Welt bewegt sich weg von unipolaren Dominanzverhältnissen. Was heute zwischen China und den Emiraten geschieht, ist der Prolog einer neuen Epoche – einer Epoche, in der Macht durch Unabhängigkeit entsteht und Ordnung nur durch Balance gewahrt werden kann.


