Achse Moskau–Peking: Die tektonische Verschiebung der globalen Ordnung
Chinas diplomatische Offensive, Lavrovs Peking-Reise und das strategische Vakuum des Westens
Wenn sich Xi Jinping persönlich mit einem Außenminister trifft – und nicht mit einem Staatsoberhaupt –, dann geschieht das nicht beiläufig, sondern signalisiert strategische Bedeutung. Die Audienz für Sergej Lawrow in Peking ist genau ein solches Signal. Sie zeigt: Das chinesisch-russische Bündnis wird zum zentralen Pfeiler der neuen multipolaren Weltordnung. Und Europa? Es steht abseits – politisch fragmentiert, strategisch abhängig und sicherheitspolitisch naiv.
Dass sich China und Russland öffentlich und demonstrativ abstimmen, während die USA mit erhobenem Zeigefinger nach Peking reisen, ist kein Zufall. Es ist Ausdruck einer tektonischen Verschiebung. Washingtons Drohkulisse – sekundäre Sanktionen gegen chinesische Unternehmen – mag kurzfristig Wirkung entfalten, aber sie ändert nichts an der strukturellen Realität: Russland ist für China ein strategischer Hebel gegen den Westen, und umgekehrt ist China für Russland das ökonomische Überlebenselixier inmitten westlicher Sanktionen.
Die sogenannte „Friedensinitiative“ Chinas – vage, selektiv und klar pro-russisch – ist kein neutraler Vermittlungsversuch, sondern Teil einer geopolitischen Konterstrategie gegen die westliche Ordnung. Wer sich die zwölf Punkte genau ansieht, erkennt den Subtext: Kritik an der NATO, Ablehnung einseitiger Sanktionen, Warnung vor der Politisierung von Lieferketten – alles Themen, die nicht dem Frieden dienen, sondern Chinas Großmachtprojektion absichern sollen.
Und dennoch ist es aus russischer Sicht nachvollziehbar, diesen Plan zu bevorzugen: Er sichert den status quo ab, legitimiert territoriale Gewinne und schafft Verhandlungsmasse – ohne die Forderung nach einem Rückzug. Auch Peking hat kein Interesse an einem „gerechten Frieden“ im westlichen Sinne. Ein eingefrorener Konflikt schwächt die USA, destabilisiert Europa und bindet Ressourcen des Westens.
Das Gipfeltreffen in der Schweiz ist deshalb keine echte Friedensinitiative, sondern ein Propagandaforum westlicher Ohnmacht. Die Abwesenheit Moskaus ist erwartbar, und Chinas Teilnahme – wenn sie denn kommt – dient vor allem dazu, Präsenz zu zeigen und den Westen an seine strukturelle Verwundbarkeit zu erinnern. Denn Peking weiß: Die Zeit arbeitet für Russland. Die USA verlieren an innenpolitischer Entschlossenheit, Europa an militärischer Substanz, und die Ukraine an strategischer Durchhaltefähigkeit.
Was ist also zu tun?
Erstens: Europa muss endlich aufhören, sich moralisch zu überhöhen und stattdessen geopolitisch zu denken. Der Krieg in der Ukraine ist kein Kampf zwischen Gut und Böse, sondern Ausdruck einer verschobenen Machtbalance, die durch westliche Naivität mitprovoziert wurde.
Zweitens: Die EU braucht keine Friedensappelle, sondern Machtprojektion – militärisch, ökonomisch und diplomatisch.
Drittens: Ohne eine eigenständige europäische Sicherheitsarchitektur, getragen von einem politischen Bundesstaat, wird Europa dauerhaft Spielball sino-amerikanischer Großstrategien bleiben.
Die Reise Lawrows nach Peking ist daher mehr als ein bilateraler Besuch: Sie ist ein strategisches Menetekel. Wer sie ignoriert, wird in der kommenden Weltordnung keinen Platz mehr haben – außer als Statist.


