Afrikas Machtpoker
Der Kongo-Konflikt als geopolitischer Stellvertreterkrieg
Die Eskalation in der Demokratischen Republik Kongo (DRK) ist weit mehr als ein „afrikanisches Problem“. Sie ist Ausdruck eines regionalen Machtkampfs, in dem nationale Sicherheitsinteressen, ethnische Loyalitäten und geopolitische Kalküle aufeinandertreffen – und der zugleich das geopolitische Vakuum offenbart, das durch eine schwache internationale Ordnung entsteht.
Die M23-Rebellion ist nicht bloß ein Aufstand entwurzelter Kämpfer, sondern ein gezieltes Mittel strategischer Machtausübung – insbesondere durch Ruanda. Kigali verfolgt vier Kernziele: Eindämmung der FDLR, Kontrolle über die Rohstoffregion Nord-Kivu, Schutz der Tutsi-Minderheit und politische Einflussnahme in der DRK. Dass Ruanda dabei de facto militärisch auf fremdem Staatsgebiet agiert, ist ein Bruch der formalen Souveränität – aber in einer Welt, in der Machtfaktoren über Normen stehen, nicht ungewöhnlich.
Gleichzeitig offenbart die mutmaßliche Kollaboration der kongolesischen Armee mit der FDLR, wie wenig tragfähig das westlich geprägte Staatsverständnis in fragilen Regionen ist. Der Staat ist nicht Hüter des Gewaltmonopols, sondern Akteur in einem Geflecht von Zweckbündnissen – wenn nötig auch mit ehemaligen Völkermördern.
Westliche Akteure – insbesondere die USA und EU – stehen ratlos vor dem Geschehen. Ihre Sorge gilt nicht dem Schicksal der zwei Millionen Zivilisten in Goma, sondern der Frage, ob russische Söldner daraus Kapital schlagen könnten. Diese Doppelmoral zeigt: Die humanitäre Rhetorik des Westens kollidiert mit der Realität machtpolitischer Interessen. Wer sich wundert, warum afrikanische Staaten sich zunehmend Moskau oder Peking zuwenden, findet im Kongo ein lehrreiches Beispiel.
Die strategische Lektion aus diesem Konflikt lautet: In einer multipolaren Welt setzt sich Ordnung nicht durch moralische Appelle oder UN-Mandate durch, sondern durch handlungsfähige Machtprojektion. Europa muss aus dieser Analyse zwei Konsequenzen ziehen:
Es braucht ein geopolitisches Afrika-Konzept, das nicht auf Entwicklungshilfe und Demokratieförderung reduziert ist, sondern auf Interessenpolitik, wirtschaftliche Verflechtung und militärische Präsenz beruht. Wer nicht bereit ist, Einfluss zu nehmen, wird übergangen.
Es braucht eine europäische Machtstruktur – politisch wie militärisch – um auf Augenhöhe mit den USA, China und auch afrikanischen Regionalmächten zu agieren. Die Zeit des moralischen Beobachters ist vorbei. Nur ein geeinter europäischer Bundesstaat mit eigenständiger Außenpolitik kann künftig Stabilität sichern und Einfluss ausüben.
Der Kongo ist kein Randkonflikt – er ist ein Spiegel globaler Machtverschiebungen. Wer hier nicht mitspielt, wird künftig keine Rolle mehr auf dem geopolitischen Schachbrett haben.


