Ägypten und die Türkei: Die Wiederkehr zweier Regionalmächte
Ausgangspunkt
Es gibt Momente in der internationalen Politik, die nicht laut entstehen. Sie wachsen still. Sie beginnen in Gesten, in Blicken, manchmal in einem schlichten Händedruck, der andeutet, dass zwei Regierungen bereit sind, sich neu zu begegnen. Die Wiederannäherung zwischen Ägypten und der Türkei ist genau so ein Moment.
Über ein Jahrzehnt lang standen beide Länder auf entgegengesetzten Seiten fast jeder Krise des Nahen Ostens. Sie kämpften nicht nur um Einfluss, sondern um Vorstellungen von Ordnung. Doch im Jahr 2025, während die Region von neuen Unsicherheiten erschüttert wird, haben beide Regierungen beschlossen, die Richtung zu ändern. Sie tun es nicht aus Sympathie. Sie tun es, weil ihr Überleben es verlangt.
In einer Zeit, in der Israel seine militärische Präsenz ausweitet und die Konfliktlinien von Libyen über den Gazastreifen bis in den Iran reichen, haben Kairo und Ankara verstanden, dass Rivalität ein Luxus ist, den sie sich nicht mehr leisten können. Und manchmal besteht Führung darin, genau das zu erkennen.
Analyse
Wie es zum Bruch kam
Der Streit begann nicht mit einer einzigen Entscheidung, sondern mit zwei unterschiedlichen Blicken auf die Zukunft. Als Ägypten 2013 die Regierung Mursi entmachtete, sah die Türkei darin einen Verrat an der politischen Idee, die sie selbst getragen hatte. Ägypten wiederum betrachtete die Muslimbruderschaft als Gefahr für die Stabilität des eigenen Staates.
Was folgte, war ein Jahrzehnt der Konfrontation. In Libyen standen sich türkische und ägyptische Interessen gegenüber wie zwei Spiegelbilder. Ankara unterstützte Tripolis, Kairo den Osten. In Syrien, im Streit um Gasvorkommen im Mittelmeer und in der Frage politischer Islamisten wuchsen die Fronten weiter.
Und doch blieb etwas bestehen. Trotz aller Reden, trotz aller Drohgebärden: Handel und Industrie flossen weiter. Türkische Unternehmen produzierten in ägyptischen Fabriken. Tritt man einen Schritt zurück, versteht man: Selbst in Phasen maximaler Spannungen hielten beide Länder an einem unsichtbaren Band fest. Eine Erinnerung daran, dass es neben Politik auch Menschen, Arbeit und gegenseitige Abhängigkeiten gibt.
Warum sich alles änderte
Das Jahrzehnt danach stellte beide Staaten auf die Probe. Die Türkei kämpfte mit massiver Inflation. Ägypten mit einer Wirtschaft am Rand des Zusammenbruchs. Die Golfstaaten suchten Ausgleich statt Konfrontation. Der Sturz des Assad Regimes veränderte die Machtlinien von Damaskus bis Ankara. Der Nahe Osten trat in eine Phase ein, in der Ideologie weniger Gewicht hatte, Interessen dafür umso mehr.
In solchen Momenten, in denen sich die Welt neu sortiert, stellt jede Regierung eine einfache Frage: Was dient uns wirklich? Für beide Hauptstädte lautete die Antwort irgendwann nicht mehr Konfrontation, sondern Kooperation.
Und so begann 2023 eine vorsichtige Normalisierung. Botschafter kehrten zurück. Minister reisten wieder. Vereinbarungen wurden unterzeichnet. Nicht im Überschwang, sondern mit der Ernsthaftigkeit zweier Mächte, die wissen, dass die Zukunft nicht durch alte Wunden, sondern durch neue Realitäten bestimmt wird.
Die neue Architektur eines alten Verhältnisses
Heute sprechen Ägypten und die Türkei nicht mehr übereinander, sondern miteinander. Sie üben gemeinsam im östlichen Mittelmeer. Sie entwickeln Drohnen und Kampfflugzeugtechnologien. Sie verhandeln über Energie, Handel und Rüstung.
Das ist bemerkenswert, denn die Region, in der sie zusammenarbeiten, trägt die Spuren ihrer Rivalität noch deutlich. Israel setzt seine militärische Strategie über mehrere Fronten fort. Russland baut seine Präsenz in Libyen aus. Die neuen Machtzentren am Roten Meer, vom Sudan bis Äthiopien, sind instabiler denn je.
Und doch: Die Annäherung hält. Nicht, weil die Konflikte verschwunden wären, sondern weil beide Regierungen gelernt haben, mit ihnen zu leben. Sie versuchen nicht, die Landschaft zu verändern. Sie lernen, sich in ihr zu bewegen. Das ist vielleicht der nachhaltigste Wandel.
Die offenen Flanken
Trotz aller Fortschritte gibt es Grenzen. Libyen bleibt ein Pulverfass. Die Türkei will weiterhin Einfluss in Tripolis. Ägypten sieht darin eine Bedrohung. In Syrien verfolgen beide völlig unterschiedliche Ziele, während radikale Gruppen und geopolitische Rivalen das Vakuum ausnutzen. Am Horn von Afrika konkurrieren sie um Häfen, Wasser und strategische Positionen.
Doch selbst hier zeigt sich eine neue Realität. Beide Regierungen vermeiden den direkten Zusammenstoß. Sie managen ihre Unterschiede. Sie steuern Spannungen, statt sie eskalieren zu lassen. Das ist kein romantisches Bild, sondern pragmatische Staatskunst. Manchmal ist die Entscheidung, nicht zu kämpfen, der schwierigere Weg.
Ein Blick nach Afrika
In Afrika testen Ägypten und die Türkei ihre neue Beziehung. Im Sudan unterstützen beide die regulären Streitkräfte gegen ausländische Einflussversuche. In Somalia und Äthiopien divergieren sie stärker. Ägypten sichert seine lebenswichtigen Nilinteressen, während Ankara Investitionen und militärische Präsenz ausbaut.
Trotzdem schimmert hier etwas durch, das man als vorsichtigen Gleichklang bezeichnen könnte. Beide Länder wollen Stabilität. Beide erkennen, dass der afrikanische Kontinent in den kommenden Jahrzehnten ein geopolitisches Kraftfeld sein wird. Und beide wissen, dass sie allein weniger erreichen würden.
Anleitung für Europa und Deutschland
Die Annäherung zwischen Kairo und Ankara trägt eine Lehre in sich, die Europa dringend braucht.
Erstens: Ordnung entsteht nicht durch moralische Erwartungen, sondern durch nüchterne Interessen. Wer den Nahen Osten verstehen will, muss zuerst seine Bewegungen lesen.
Zweitens: Die Stabilität des Mittelmeerraums ist ein europäisches Kerninteresse. Energie, Migration, maritime Sicherheit, wirtschaftliche Zukunft: Alles beginnt hier. Deutschland sollte seine Südpolitik europäisch denken und jene Staaten stärken, die Ordnung stabilisieren können.
Drittens: Kooperation entsteht nicht aus Sympathie. Sie entsteht aus Notwendigkeit. Das gilt auch für Europa. Wer souverän sein will, braucht wirtschaftliche Stärke, militärische Fähigkeiten und politische Selbstbehauptung.
Europa muss lernen, so zu handeln.
Schlussgedanke
Es gibt in der internationalen Politik selten zweite Chancen. Und wenn sie kommen, sind sie oft leise. Ägypten und die Türkei haben eine solche Chance genutzt. Nicht weil sie sich plötzlich ähnlicher geworden wären, sondern weil beide begriffen haben, dass die Zukunft nicht auf sie wartet.
Auch Europa steht an diesem Punkt. Die Welt ordnet sich neu. Wir müssen entscheiden, ob wir darin Zuschauer sind oder Gestalter.
Europa steht vor der Wahl: Ordnung aus eigener Kraft – oder Chaos im Schatten anderer.


