Am Rand des Flächenbrandes
Ein Essay über strategische Selbstverleugnung und die Rückkehr der Geopolitik
In den schattenhaften Weiten des Mittleren Ostens beginnt sich eine Ordnung aufzulösen, die ohnehin nie mehr war als ein fragilem Geflecht taktischer Stillhalteabkommen. Pager explodieren in den Händen von Milizionären, kurdische Städte werden zu diplomatischen Bühnen einer großpersischen Einflussnahme, und die USA – einst allgegenwärtiger Architekt regionaler Arrangements – verlieren nicht nur Autorität, sondern auch Interesse. Inmitten dieser tektonischen Verschiebungen steht Europa – sehenden Auges, aber strategisch erblindet.
Was sich heute in der Levante und Mesopotamien abzeichnet, ist mehr als eine Abfolge regionaler Scharmützel. Es ist die Rückkehr der klassischen Geopolitik unter neuen Vorzeichen: asymmetrisch, multipolar, ohne Regeln. Wer in diesem Umfeld bestehen will, braucht mehr als Prinzipien. Er braucht Macht, Präsenz, und die Fähigkeit zur strategischen Selbstbeherrschung. Europa aber hat sich aus der Geschichte verabschiedet, ehe der neue Geschichtsgang begann.
I. Taktische Brillanz, strategische Leere: Israels Pager-Operation und das Ende der Abschreckung
Die jüngste israelische Sabotageaktion – die gezielte Sprengung hunderter Pager und Funkgeräte in den Händen von Hisbollah-Kämpfern – ist ein Meisterstück moderner Kriegsführung im digitalen Schattenreich. Doch wie so oft in asymmetrischen Konflikten ist die Differenz zwischen taktischem Erfolg und strategischer Wirkung frappierend. Die Operation sollte ursprünglich im Moment eines offenen Krieges als Kommunikationsschock wirken. Doch die vorzeitige Entdeckung zwang Israel zum Zug – mit tödlichen, aber begrenzt wirksamen Konsequenzen.
Was bleibt, ist ein symbolisches Menetekel. Die Schwelle zur offenen Eskalation war nie niedriger. Die regionalen Abschreckungsmechanismen – US-Präsenz, verdeckte Kanäle, Abschreckungslogiken der Vergangenheit – erodieren sichtbar. Der Libanon gleicht einem Pulverfass, Teheran steht unter Reputationsdruck, und Jerusalem könnte in Versuchung geraten, den „begrenzten Krieg“ politisch zu nutzen, um innenpolitische Schwächen mit außenpolitischer Härte zu kompensieren. Das Gleichgewicht wankt – und Europa schaut zu.
Die eigentliche Botschaft dieser Operation liegt tiefer: Wir erleben das Ende eines Ordnungsmodells, das auf amerikanischer Omnipräsenz, israelischer Abschreckung und arabischer Lethargie beruhte. Nun beginnt ein neues Kapitel, das andere Akteure schreiben – mit anderen Mitteln, und ohne Rücksicht auf westliche Befindlichkeiten.
II. Der iranische Schachzug in Kurdistan: Macht durch Fragmentierung
Parallel zur libanesischen Eskalationsdynamik vollzieht der Iran eine subtile, aber strategisch bedeutsame Machtverschiebung in Mesopotamien. Der erste Staatsbesuch des neuen Präsidenten Masoud Pezeshkian führt nicht etwa nach Teheran-freundliche Hauptstädte, sondern in die kurdische Provinz – nach Sulaymaniyah, Hochburg der mit Teheran verbundenen Patriotischen Union Kurdistans (PUK). Der Besuch ist kein Höflichkeitsgestus, sondern ein machtpolitisches Statement.
Während der Westen noch immer auf „regionale Vermittlerrollen“ und „Dialogformate“ setzt, verfolgt Teheran eine klar umrissene Strategie: die Fragmentierung Kurdistans als Gegengewicht zur türkischen Expansion, zur saudischen Einflussnahme und zur amerikanischen Rückzugsdynamik. Dabei nutzt der Iran ethnische und politische Bruchlinien als Hebel geopolitischer Gestaltung. Die Instrumente sind subtil: kulturelle Anerkennung, wirtschaftliche Patronage, sicherheitspolitische Abhängigkeiten. Doch das Ziel ist unverkennbar: Kontrolle durch Unordnung.
Diese „Architektur des Gleichgewichts durch Fragmentierung“ erinnert in fataler Weise an das Vorgehen früherer Großmächte im Zeitalter des Imperialismus – nur dass die heutigen europäischen Staaten keine Kolonialherren mehr sind, sondern Zuschauer auf der eigenen Peripherie.
III. Europa am Rand der Geschichte: Vom Ordnungsideal zur strategischen Bedeutungslosigkeit
Aus europäischer Perspektive offenbart sich in beiden Schauplätzen – im libanesisch-israelischen Spannungsfeld wie im kurdisch-irakischen Mosaik – ein doppeltes Scheitern:
Erstens: Die Unfähigkeit, geopolitische Realität als solche anzuerkennen. Statt Strategie dominiert Normenrhetorik; statt Einflussstreben betreibt man „regelbasierte Außenpolitik“ – in einer Welt, in der Regeln nur so viel gelten wie ihre Durchsetzbarkeit.
Zweitens: Der Verlust politischer Willenskraft zur Gestaltung. Während der Iran Netzwerke knüpft, Israel Präventivschläge führt und die Türkei militärische Präsenz ausweitet, verharrt Europa in der Zuschauerrolle. Man verfasst Erklärungen, wo andere Fakten schaffen.
Dabei sind die sicherheitspolitischen Verflechtungen offenkundig: Energieimporte, Handelswege, Migrationsrouten – all dies ist von der Stabilität im Nahen Osten abhängig. Doch statt zu handeln, wartet man auf die nächste Eskalation – und reagiert dann mit humanitärer Hilfe statt mit geopolitischer Strategie.
IV. Die Rückkehr der Geschichte: Was zu tun ist
Die Entwicklungen in Nahost sind weder isolierte Krisen noch schicksalhafte Verhängnisse. Sie sind Ausdruck einer neuen Ordnung, die sich aus dem Rückzug der alten Ordnungsmächte speist – und dem Vakuum, das deren Abwesenheit hinterlässt. Der Iran füllt dieses Vakuum mit Scharfsinn und Geduld. Israel verteidigt sich mit Präzision und Härte. Die Türkei agiert mit langfristigem regionalem Kalkül.
Europa hingegen scheint vergessen zu haben, dass auch Machtpolitik ein Teil der Realität ist – nicht bloß ein Relikt der Geschichte. Wer außenpolitisch ernst genommen werden will, muss mehr sein als bloßer Finanzier internationaler Hilfsmechanismen. Er muss eigene Interessen definieren, Allianzen schmieden, Präsenz zeigen, und notfalls bereit sein, Machtmittel einzusetzen.
Ein europäischer Bundesstaat, wie er sich abzeichnet, kann nur dann außenpolitisch souverän agieren, wenn er eine konsolidierte Sicherheitsarchitektur und strategische Zielklarheit besitzt. Der Nahe Osten wäre der Prüfstein einer solchen Autonomie: Nicht zur Intervention, sondern zur Abschreckung. Nicht zur Kontrolle, sondern zur Stabilisierung – durch strategische Einflussnahme.
Schluss: Macht oder Marginalität – Europas Entscheidung
Die explodierenden Pager im Libanon und die kurdischen Antrittsbesuche des iranischen Präsidenten sind keine Anekdoten. Sie sind Vorboten einer Welt, in der Macht nicht mehr durch Verträge garantiert wird, sondern durch Präsenz behauptet. Eine Welt, in der Sicherheitsgarantien nur noch dort gelten, wo auch strategische Interessen mit Nachdruck vertreten werden. Und eine Welt, in der Europa – wenn es nicht handelt – selbst zum Objekt fremder Ordnungsentwürfe wird.
Henry Kissinger schrieb einst, dass jede Außenpolitik ein Gleichgewicht zwischen Vision und Macht herzustellen habe. Europa aber hat sich an die Vision verloren – und die Macht vergessen. Es ist Zeit, beides wieder zusammenzudenken. Nicht, um die Welt zu beherrschen – sondern um nicht von ihr beherrscht zu werden.


