Bab el-Mandab
Der vergessene Flaschenhals europäischer Sicherheit
Die jüngsten Angriffe der Huthis auf Handelsschiffe in der Nähe der Meerenge von Bab el-Mandab sind kein isoliertes Phänomen, sondern Ausdruck einer tiefgreifenden geopolitischen Verschiebung. Wer diese Entwicklung lediglich durch die Brille humanitärer Appelle oder moralischer Empörung betrachtet, verkennt das eigentliche Spiel: Es geht um Macht, Einflusszonen und strategische Hebel.
Die Huthis agieren nicht autonom, sondern sind integraler Bestandteil der iranischen „Achse des Widerstands“. Ihre zunehmende Aufrüstung mit ballistischen und seegestützten Waffen ist nicht primär Ausdruck nationaler yemenitischer Interessen, sondern Teil eines klar kalkulierten iranischen Schachzugs: die Kontrolle über beide geostrategischen Flaschenhälse der Weltwirtschaft – die Straße von Hormus und Bab el-Mandab.
Teheran verfolgt damit ein klassisches Ziel revisionistischer Mittelmächte: strategische Hebel aufbauen, um asymmetrische Stärke in diplomatische oder wirtschaftliche Konzessionen zu verwandeln. Der Westen – insbesondere Europa – hat diese Entwicklung über Jahre hinweg ignoriert oder falsch eingeschätzt. Die Vorstellung, durch Abkommen und Rückzugsstrategien Einfluss zurückzugewinnen, ist gescheitert. Der Atomdeal war keine vertrauensbildende Maßnahme, sondern eine Atempause für den strukturellen Machtaufbau Irans und seiner Proxys.
Die Huthis dienen dabei als regionales Werkzeug dieser Politik. Sie destabilisieren Saudi-Arabien, bedrohen den Welthandel, befördern iranische Interessen – und tarnen dies unter dem Banner des Widerstands gegen Israel und westliche „Imperialisten“. Dass sie dabei gezielt Narrative aufbauen, die ihre Handlungen als nationalen Befreiungskampf darstellen, ist strategische Camouflage mit dem Ziel, internationale Legitimität zu gewinnen und sich von Teheran abzukoppeln – zumindest rhetorisch. Faktisch bleibt die Bindung an Iran intakt, ja wird sogar vertieft.
Was folgt daraus?
Erstens: Der Nahe Osten driftet weiter in Richtung einer multipolaren Ordnungsstruktur, in der klassische Allianzen bröckeln und neue Machtachsen entstehen. Die Saudis nähern sich Iran an, nicht weil sie plötzlich Vertrauen gefasst hätten, sondern weil sie ihre Abhängigkeit von den USA als strategische Schwäche empfinden. Diese Erosion westlicher Ordnungsmacht schafft Räume für neue Akteure – nicht zuletzt für China und Russland.
Zweitens: Europa ist in dieser Entwicklung kein Akteur, sondern Spielball. Ohne eigene maritime Präsenz im Roten Meer, ohne strategische Zielvorstellung und ohne glaubwürdige militärische Fähigkeiten bleibt der Kontinent Zuschauer. Das ist sicherheitspolitisch fahrlässig, wirtschaftlich riskant – und geopolitisch kurzsichtig. Wer sich von der Stabilität globaler Handelsrouten abhängig macht, muss bereit sein, diese auch zu sichern.
Drittens: Deutschland und Europa müssen die Sprache der Macht wieder lernen. Wer Einfluss will, braucht Präsenz. Wer Präsenz will, braucht Fähigkeiten. Die Lektion aus der Huthi-Frage lautet: Ohne eigene Machtprojektion bleibt man auf die Handlungen anderer Akteure reduziert. Iran und seine Proxys zeigen, dass auch nichtstaatliche Akteure mit begrenzten Mitteln maximale Wirkung erzielen können – wenn Strategie, Entschlossenheit und geopolitische Vision zusammenkommen.
Die Huthis sind kein lokales Phänomen, sondern Ausdruck eines globalstrategischen Spiels. Wer ihnen entgegentreten will, muss über den Tellerrand kurzfristiger Empörung hinausblicken – und endlich anfangen, strategisch zu handeln. Europa braucht Souveränität nicht nur in Worten, sondern in Taten. Wer den freien Welthandel verteidigen will, darf nicht auf moralische Appelle setzen, sondern muss die Seewege mit harter Macht absichern – im eigenen Interesse.


