Beijings strategische Optionen
Taiwan als Testfall der neuen Multipolarität
Das strategische Problem
Seit Xi Jinping im Jahr 2017 die nationale Wiedervereinigung zur Staatsdoktrin erhob, ist Taiwan zum neuralgischen Punkt chinesischer Machtprojektion geworden. Doch was in der Rhetorik Pekings als historischer Auftrag erscheint, ist in Wahrheit ein militärisches und geopolitisches Paradox.
China besitzt heute die Mittel, Taiwan zu bedrohen, aber nicht zu nehmen.
Die Invasion wäre die komplexeste amphibische Operation der Gegenwart, eine Unternehmung, die logistisch, topografisch und politisch auf unsicherem Fundament stünde.
Dass Xi dennoch massiv aufrüstet, bedeutet nicht, dass er angreifen will, sondern dass er vorbereitet sein will, falls das Kräfteverhältnis eines Tages kippt. Die Zusammenarbeit mit Russland ist Ausdruck dieser Vorbereitung: gemeinsames Lernen statt Ideologie, Ausbildung statt Bündnispolitik. Der strategische Realismus erkennt darin eine klassische Logik der Macht. Staaten handeln nicht aus Wunsch, sondern aus strukturellem Zwang. Für China lautet dieser Zwang: Taiwan darf sich nicht dauerhaft der eigenen Ordnung entziehen, doch der Preis für seine Einnahme darf das regionale Gleichgewicht nicht zerstören.
Die strukturelle Analyse
1. Der Machtkern
Chinas Machtkern liegt in seiner industriellen und technologischen Produktionsmacht, zunehmend auch in seiner militärischen Reichweite. Doch dieser Kern bleibt verwundbar. Die Marine ist jung, die Luftwaffe befindet sich im Übergang, und operative Erfahrung fehlt weitgehend. Eine Invasion würde die Gesamtheit dieser Ressourcen auf einen einzigen Versuch konzentrieren. Das wäre eine Form der Überdehnung, die die eigene Stärke gefährden könnte.
Beijing weiß, dass ein Scheitern nicht nur militärisch, sondern auch zivilisatorisch verheerend wäre. Ein gescheiterter Angriff auf Taiwan würde das Narrativ des Wiederaufstiegs der chinesischen Zivilisation zerstören und damit den zentralen Pfeiler des inneren Machtkonsenses.
2. Das strategische Umfeld
Das Umfeld ist multipolar und von Konkurrenz geprägt. Die Vereinigten Staaten, Japan und Australien bilden einen äußeren Sicherheitsring, während Taiwan faktisch unter amerikanischem Schutz steht. Jede Bewegung Pekings auf der Insel ruft die Aufmerksamkeit einer globalen Koalition hervor. Russland bietet Beijing jedoch die Möglichkeit, dieses Umfeld indirekt zu beeinflussen, nicht durch eigene Präsenz, sondern durch Entlastung auf anderen Schauplätzen.
Moskau bindet westliche Ressourcen in Europa und liefert zugleich militärtechnisches Wissen, das Beijing rasch adaptieren kann. Der Transfer russischer Fallschirmtechnik und Gefechtsdoktrin hat weniger taktische als strukturelle Bedeutung: Er verändert das Fähigkeitsprofil Chinas von einer Landmacht hin zu einer potenziell expeditionären Streitkraft.
3. Die Abhängigkeitsmatrix
Hier liegt der empfindlichste Punkt.
China ist militärisch noch abhängig von importierter Technologie, wirtschaftlich von globalen Lieferketten und strategisch von einer stabilen Exportökonomie. Ein Krieg um Taiwan würde diese Matrix zerstören.
Erstens würden westliche Sanktionen Technologie und Finanzsystem treffen.
Zweitens wären die Seewege über die Straße von Malakka gefährdet.
Drittens würde Kapitalflucht den inneren Machtvertrag zwischen Partei und Mittelschicht erschüttern.
Kurz gesagt: China kann sich eine Invasion ökonomisch nicht leisten, solange sein Entwicklungsmodell auf globaler Integration beruht. Deshalb setzt es auf einen andauernden Graubereich des Konflikts: Eskalation ohne offene Schwelle, Cyberangriffe, Desinformation, Verletzungen des Luftraums, ökonomischer Druck.
4. Das zivilisatorische Selbstverständnis
Peking betrachtet Taiwan nicht als fremdes Territorium, sondern als abgetrennten Teil der eigenen Zivilisation.
In der chinesischen Geschichtserzählung steht die Insel für das Jahrhundert der Demütigung, für das unvollendete Kapitel nationaler Wiederherstellung. Diese Deutung verleiht der Taiwanfrage eine sakrale Dimension. Sie ist nicht nur politisch, sondern existenziell.
Das macht Kompromisse nahezu unmöglich, verschiebt aber den Zeithorizont. Aus chinesischer Sicht ist Geduld keine Schwäche, sondern Ausdruck strategischer Tugend. Der Sieg ohne Schlacht, das Ideal Sunzis, bleibt die bevorzugte Option.
Russlands Beitrag: ein strategisches Tauschgeschäft
Russland liefert nicht die Armee für einen Krieg, sondern das Wissen, wie ein solcher vorbereitet wird. Die Ausbildung chinesischer Luftlandeeinheiten mit russischen Systemen, die gemeinsame Entwicklung amphibischer Fahrzeuge und der Aufbau logistischer Selbstständigkeit sind Ausdruck einer gezielten Arbeitsteilung.
Moskau braucht Beijing als Käufer und politischen Schutzschirm, Beijing braucht Moskau als militärischen Lehrmeister.
So entsteht ein neues Muster der Macht. Russland exportiert Erfahrung, China importiert Anwendungslogik.
Für beide Seiten ist das vorteilhaft. Russland erhält Einnahmen und politische Rückendeckung, China lernt, wie man moderne Operationen unter westlicher Beobachtung plant, ohne selbst zu kämpfen.
Aus westlicher Sicht liegt die Gefahr nicht in der gelieferten Ausrüstung, sondern im erlernten Verfahren. Die Fähigkeit, komplexe Luftlandeoperationen mit gepanzerten Kräften zu kombinieren, war bislang eine Lücke im chinesischen System. Diese schließt sich nun Schritt für Schritt.
Die strategische Funktion Russlands
Russland und China verbindet kein formelles Bündnis, sondern eine gemeinsame Konfiguration.
Der Krieg in der Ukraine bindet NATO Kapazitäten und verschiebt das globale Gleichgewicht. Das nutzt Beijing, um im asiatisch pazifischen Raum Druck aufzubauen, ohne sofortige amerikanische Reaktion zu riskieren.
Für Moskau wiederum ist eine schwelende Taiwan Krise ein Multiplikator, weil sie Washington zwingt, Aufmerksamkeit und Mittel zu teilen.
Beide Mächte betreiben also eine komplementäre Form des Revisionismus, regional getrennt, aber systemisch verbunden.
In der Logik des strategischen Realismus gilt: Russland handelt als revisionistische Macht im europäischen Raum, China als zivilisatorischer Revisionist in Ostasien. Gemeinsam erzeugen sie eine Doppelbelastung des westlichen Systems, ohne Allianzvertrag, aber mit identischem Interesse an der Schwächung westlicher Dominanz.
Perspektive: Der lange Schatten der Geduld
Ein direkter Angriff auf Taiwan ist auf absehbare Zeit unwahrscheinlich.
Beijing wird stattdessen den Übergang vom möglichen Krieg zu einem Zustand permanenten Drucks vollziehen. Ziel ist die schrittweise Entwertung taiwanischer Souveränität. Jeder Tag, an dem Taiwan militärisch, wirtschaftlich oder psychologisch geschwächt wird, ohne dass die Vereinigten Staaten eingreifen, gilt in Beijing als Teilerfolg.
Das Ziel ist keine Eroberung im Sturm, sondern eine langsame Erosion.
China lernt, wie man Krieg führt, ohne ihn zu erklären. Diese Lektion entnimmt es nicht nur Russland, sondern auch der westlichen Interventionsgeschichte.
Je besser es gelingt, den Gegner zu zermürben, desto näher rückt der Moment, in dem der Preis der Verteidigung Taiwans höher erscheint als der seines Verlustes.
Strategische Schlussfolgerung
Ich ziehe drei zentrale Schlüsse aus der Taiwan Frage:
Erstens: Chinas Problem ist nicht der Wille, sondern die Struktur.
Es fehlt weniger an Entschlossenheit als an operativer Machbarkeit. Solange Machtkern, Abhängigkeitsmatrix und Umfeld nicht konsistent sind, bleibt der Angriff ein Risiko, kein Plan.
Zweitens: Russland ist nicht Verbündeter, sondern Ermöglicher.
Moskaus Wissen ersetzt Pekings Erfahrung. Es verändert das Kräfteverhältnis nicht sofort, aber es verkürzt die Lernkurve.
Drittens: Der Westen steht vor einem Dilemma der Aufmerksamkeit.
Je stärker er in Europa gebunden bleibt, desto mehr Raum gewinnt China zur strategischen Vorbereitung. Die wahre Gefahr ist nicht der Angriff selbst, sondern die allmähliche Gewöhnung an chinesische Dominanz im Westpazifik.
Strategische Einsichten
Zeit als Waffe: Beijing denkt in Zyklen, nicht in Terminen. 2027 ist Signal, nicht Frist.
Kooperation als Tarnung: Russlands Waffenexporte sind in Wahrheit Ausbildungsprogramme.
Erosion statt Eroberung: Taiwan wird nicht überfallen, sondern Schritt für Schritt entwertet: ökonomisch, psychologisch, technologisch.


