Chinas Charmeoffensive in Europa: Ein Test für Frankreich – und ein Weckruf für Europa
Xi Jinpings Besuch bei Emmanuel Macron zeigt: China spielt auf Zeit, Frankreich auf Eitelkeit – und Europa verliert strategisches Terrain.
Xi Jinpings Besuch in Frankreich war kein Höflichkeitsbesuch. Es war ein strategisch kalkulierter Schachzug in einem neuen globalen Machtspiel, in dem Europa längst zum Spielfeld geworden ist. Die französische Inszenierung – Cognac, Schweinefleisch und olympische Träume – verdeckt nur notdürftig, was in Wahrheit geschieht: China sondiert, wo Europa schwach ist, wo es sich spalten lässt – und wo es bereit ist, wirtschaftliche Interessen über geopolitische Realitäten zu stellen.
Macron sucht den Aufstieg Frankreichs zur moralischen Führungsmacht des Westens, zur Brücke zwischen USA, China und Russland. Doch die Realität ist härter: China spielt mit asymmetrischer Präzision auf der Klaviatur europäischer Abhängigkeiten. Frankreichs Hoffnung auf Zugeständnisse bei Cognac und Airbus traf auf eine eiskalte strategische Agenda aus Peking: Keine Bewegung bei E-Auto-Subventionen, keine ernsthafte Zusage zur Reduzierung von Dual-Use-Exporten nach Russland, kein Bekenntnis zu einer echten Friedensinitiative – sondern symbolpolitische Nebelkerzen und wirtschaftliche Nadelstiche.
Xi weiß: Europa ist gespalten. Frankreich drängt auf Zollmaßnahmen gegen Chinas grüne Subventionsflut. Deutschland zögert – aus Angst vor Repressionen gegen die eigene Automobilindustrie. Diese Spaltung ist Chinas strategisches Kapital. Xi nutzt die Rivalität zwischen Paris und Berlin ebenso wie die strukturelle Langsamkeit der EU. Selbst die koordinierte Vorbesprechung zwischen Macron und Scholz war mehr symbolisch als substanziell. Ohne gemeinsame europäische Industriepolitik, ohne machtpolitische Strategie bleibt Europa ein wirtschaftlicher Markt – kein geopolitischer Akteur.
Frankreich wiederum spielt ein riskantes Doppelspiel. Einerseits sucht Macron den Schulterschluss mit Brüssel in der Zollfrage, andererseits inszeniert er sich als Vermittler im Ukrainekrieg – über die Hintertür Peking. Der Versuch, Xi als Druckmittel gegen Putin zu instrumentalisieren, ist nicht nur naiv, sondern gefährlich. Russland hat derzeit keinen Grund, ein Waffenstillstandsangebot anzunehmen. Ein olympischer Frieden ist in Putins Strategie nicht vorgesehen. Und Xi? Er pokert um geopolitische Einflusszonen, nicht um französische Medaillen.
Was also bleibt von Xi Jinpings Besuch?
Ein Testballon Chinas, wie weit Europa zur strategischen Selbstaufgabe bereit ist.
Ein weiterer Beweis für Frankreichs Alleingänge, die Europa nicht stärken, sondern fragmentieren.
Ein Weckruf für Berlin, dass wirtschaftlicher Opportunismus keine außenpolitische Strategie ersetzt.
Was Europa jetzt braucht, ist Klarheit statt Charme. Es ist höchste Zeit für:
Eine gemeinsame europäische China-Strategie, die ökonomische Interessen in den Dienst geopolitischer Ziele stellt.
Eine einheitliche Zoll- und Industriesubventionspolitik, die europäische Kernindustrien gegen unfaire Konkurrenz schützt.
Ein europäisches Sanktionsregime gegen Dual-Use-Exporte nach Russland, das auch indirekte Kanäle wie über China blockiert.
Eine außenpolitische Führungsachse Paris–Berlin–Warschau, die über symbolische Gipfel hinausgeht und realpolitisch handelt.
Chinas Ziel ist nicht nur der Zugriff auf europäische Märkte – sondern die politische Fragmentierung Europas. Macron hat Xi empfangen wie einen gleichrangigen Weltführer. Doch wer Xi empfängt, ohne europäische Macht zu mobilisieren, empfängt in Wahrheit einen Rivalen – und stärkt ihn.
Es ist Zeit, dass Europa aufhört, sich selbst zu täuschen.


