Chinas Maskenspiel
Chinas Maskenspiel: Machtpolitik unter dem Deckmantel der Diplomatie
Die jüngste chinesische Forderung an Kiew, chinesische Konzerne von der Liste der “internationalen Kriegssponsoren” zu streichen, ist kein diplomatischer Zufall – sie ist Ausdruck einer strategischen Verschiebung: Peking betrachtet den Ukrainekrieg nicht als regionalen Konflikt, sondern als ein geopolitisches Schachbrett im globalen Ringen um Macht, Ordnung und Einfluss. Und genau aus dieser Perspektive ist Chinas Verhalten zu analysieren – nicht durch moralische Brillen, sondern durch das Prisma nüchterner Interessenpolitik.
China steht nicht zwischen Russland und dem Westen – es steht längst hinter Russland, weil es erkannt hat, dass Moskaus Widerstand gegen die NATO-Osterweiterung den strategischen Spielraum Chinas gegenüber den USA sichert. Der Kreml ist kein gleichwertiger Partner, sondern ein geopolitischer Vorposten chinesischer Interessen. Während der Westen Waffen liefert, liefert China das Rückgrat der russischen Kriegswirtschaft: Maschinen, Mikrochips, Baumaterial. Kein Panzer rollt ohne Nachschub, und genau diesen liefert Peking – verdeckt, aber entscheidend.
Die chinesische „Friedensdiplomatie“ ist daher nicht mehr als ein taktisches Narrativ zur Imagepflege im Globalen Süden. Peking präsentiert sich als Vermittler, um sich als Gegenmodell zur amerikanischen Ordnungsmacht zu etablieren – nicht, um tatsächlich Frieden zu schaffen. Dass Peking die Einladung zur Beteiligung an Kiews Friedensplan ignoriert, zeigt: Ein schwaches, unter Druck stehendes Russland nützt China weit mehr als ein schnelles Kriegsende.
Noch schwerwiegender ist der systemische Lerneffekt, den Peking aus dem Ukrainekrieg zieht: Der Westen konnte Moskau weder militärisch noch wirtschaftlich wirksam abschrecken – eine Schlussfolgerung, die tief in Chinas strategisches Denken über Taiwan einsickert. Die westliche Ordnung erscheint aus Pekings Sicht nicht mehr als unerschütterlich, sondern als überdehnt, zerstritten und von innen geschwächt. Die gezielte Nichtbeteiligung Chinas an substanziellem Druck auf Moskau ist daher keine Schwäche, sondern Ausdruck einer neuen Selbstgewissheit.
Für Europa bedeutet das zweierlei: Erstens ist China kein neutraler Akteur, sondern Teil eines autoritären Machtblocks mit expansiven Ambitionen. Zweitens darf es keine Illusion mehr über eine multipolare Ordnung mit gleichberechtigten Friedensmächten geben – China will nicht Ordnung, es will Hierarchie, mit sich selbst an der Spitze.
Ein souveränes Europa muss sich daher von der Vorstellung verabschieden, Peking sei ein potenzieller Vermittler in globalen Krisen. Solange China seine Wirtschaftsinteressen mit geopolitischer Destabilisierung verknüpft und strategische Konflikte wie den Ukrainekrieg instrumentalisiert, bleibt es ein systemischer Rivale – nicht nur der USA, sondern auch Europas.
Unsere Antwort muss daher klar sein: Eigenständigkeit durch Machtprojektion, nicht durch Vermittlungswünsche an Peking. Europa braucht nicht mehr China – es braucht mehr strategische Selbstbeherrschung, mehr Einheit und mehr Härte. Der Ukrainekrieg ist nicht nur ein Krieg um Territorien – er ist ein Gradmesser globaler Ordnungsfähigkeit. Wer ihn instrumentalisieren will, entlarvt sich selbst als Gegner jener Ordnung, die Europa sichern will.


