Chinas Militär im Umbruch
Eine Supermacht auf tönernen Füßen
Die aktuelle Säuberung der chinesischen Streitkräfte ist mehr als ein innenpolitisches Ringen gegen Korruption. Sie offenbart eine fundamentale Schwäche im sicherheitspolitischen Machtkern der aufstrebenden Supermacht China – und sie ist ein geopolitisches Signal mit strategischer Tiefe.
Xi Jinpings Antikorruptionskampagne im Militär ist nicht Ausdruck moralischer Läuterung, sondern Ausdruck staatlicher Selbsterhaltung. In einem System, in dem Macht über Loyalität und nicht über Kompetenz verteilt wird, ist Korruption nicht die Ausnahme, sondern die Struktur selbst. Der Umstand, dass ganze Kommandostrukturen – inklusive der Führung der strategisch entscheidenden Raketenstreitkräfte – ausgetauscht werden mussten, zeigt: Das Vertrauen in die militärische Führungsfähigkeit Chinas ist innerhalb der eigenen Reihen zusammengebrochen.
Gerade der Zerfall innerhalb der Raketenstreitkräfte, also jener Truppe, die für Nuklearwaffen und die strategische Abschreckung verantwortlich ist, muss aus europäischer Sicht besonders beachtet werden. Denn wo die nukleare Kommandokette durch Lecks, Korruption und Disziplinlosigkeit unterwandert ist, da wächst die Gefahr von Fehleinschätzungen und unkontrollierten Eskalationen – vor allem in einer angespannten Lage rund um Taiwan und das Südchinesische Meer.
Dass Offiziere der Marine und Luftwaffe nun die Raketenstreitkräfte übernehmen, ist ein beispielloser Schritt – und ein Misstrauensvotum gegenüber einer ganzen Teilstreitkraft. Gleichzeitig signalisiert die Berufung eines Verteidigungsministers mit Marinehintergrund, dass sich die strategische Ausrichtung Chinas noch deutlicher maritim zuspitzt. Peking bereitet sich offenkundig auf eine Phase intensiverer Konfrontation im Westpazifik vor – möglicherweise auf eine Blockade oder gewaltsame Rückeroberung Taiwans.
Doch Chinas Machtprojektion steht auf einem brüchigen Fundament. Die Tatsache, dass selbst Xi Jinpings handverlesene Eliten sich als korrumpierbar und illoyal erweisen, offenbart die strukturelle Begrenztheit des autoritären Führungsmodells: Ein Herrschaftssystem, das auf Patronage statt auf professioneller Leistungsfähigkeit basiert, wird früher oder später durch seine eigenen Widersprüche gelähmt. Der Verlust von Vertrauenspersonen schwächt nicht nur die Entscheidungsfähigkeit Xi Jinpings, sondern erhöht die Gefahr von Fehleinschätzungen in Zeiten militärischer Krisen.
Für Europa ergibt sich daraus eine doppelte Lehre:
Erstens, die Vorstellung eines allmächtigen, strategisch überlegenen Chinas ist zu relativieren. Hinter Pekings techno-autoritärer Fassade verbirgt sich ein System, das durch interne Machtkämpfe, institutionelle Dysfunktionalität und tief verwurzelte Korruption gefährdet ist.
Zweitens, Instabilität bei einem nuklear bewaffneten Rivalen mit globalem Machtanspruch ist keine Entwarnung, sondern ein Risikofaktor. Gerade in einem System ohne institutionelle Machtbalance können Personalrochaden, Loyalitätskrisen und außenpolitische Ablenkungsmanöver schneller zu Eskalationen führen, als es der Westen erwartet.
Deshalb gilt: Europa muss endlich souveräne militärische Handlungsfähigkeit aufbauen. Nicht um China zu konfrontieren, sondern um in einer Welt multipler, unberechenbarer Machtzentren stabilisierend wirken zu können – mit eigener Abschreckung, eigenem strategischem Denken und eigenem Machtpol.
Ein europäischer Bundesstaat mit eigener Armee ist nicht nur eine Frage der Autonomie gegenüber den USA – er ist überlebenswichtig in einer Welt, in der Supermächte von innen zu taumeln beginnen.


