Chinas Nahost-Schachzug: Einfluss statt Ideale
Beijings Vermittlung zwischen Hamas und Fatah ist kein Friedensdienst, sondern ein geopolitisches Manöver im globalen Machtpoker mit den USA.
Wer Chinas Vermittlungsbemühungen zwischen Hamas und Fatah als aufrichtigen Friedensdienst begreift, hat die Grundmechanik globaler Machtpolitik nicht verstanden. Peking will keinen Frieden in Nahost – es will Einfluss. Und zwar auf einem strategisch überaus bedeutsamen Spielfeld, das bisher primär von Washington dominiert wurde. In dieser Konfrontation steht der palästinensische Versöhnungsprozess weniger für einen historischen Durchbruch als für eine weitere Front im globalen Ringen zwischen China und den USA.
Chinas außenpolitische Strategie folgt dabei keinem moralischen Imperativ, sondern kalter Kalkulation: Mehr Einfluss in der arabischen Welt, bessere wirtschaftliche Zugänge und ein geopolitisches Gegengewicht zur amerikanischen Ordnungsmacht im Nahen Osten. Dass Peking sich seit Jahren zum palästinensischen Staat bekennt, ist kein Ausdruck ideeller Solidarität, sondern ein Druckmittel gegen Israel – und indirekt gegen Washington.
Was China heute macht, ist klassische Realpolitik: Es nutzt das Vakuum, das die westliche, insbesondere amerikanische Nahostpolitik hinterlässt. Während die USA an ihrer idealistischen Rhetorik festhalten, obwohl sie kaum noch Einfluss auf zentrale Akteure wie Hamas oder Iran haben, setzt China auf eine pragmatische Mehrgleisigkeit. Man spricht mit allen – Israel, Hamas, Fatah, Iran, Saudi-Arabien. Nicht um Konflikte zu lösen, sondern um als Vermittler unentbehrlich zu werden. Wer den Tisch stellt, an dem verhandelt wird, bestimmt langfristig die Spielregeln.
Doch Peking verfolgt noch ein zweites, tiefgreifenderes Ziel: Es will im Nahen Osten nicht nur als Vermittler auftreten, sondern als Ordnungsmacht. Wer es schafft, die zwei verfeindeten palästinensischen Lager zusammenzuführen, gewinnt nicht nur regionales Prestige, sondern globales Gewicht – insbesondere in einem Moment, in dem der Westen taumelt und der Ruf nach einer multipolaren Weltordnung lauter wird.
Europa sollte daraus zwei Lehren ziehen. Erstens: Die sicherheitspolitische Architektur im Nahen Osten verändert sich fundamental – und nicht mehr nur entlang westlicher Prämissen. Wer hier strategisch blind bleibt, wird zum Zuschauer degradiert. Zweitens: Wenn die USA ihren Einfluss im Nahen Osten verlieren, darf Europa nicht nur warnen, es muss handeln. Dazu gehört, eigene strategische Interessen zu definieren – und gegebenenfalls auch eigene Machtmittel zu entwickeln.
China zeigt im Nahen Osten, wie Machtpolitik im 21. Jahrhundert funktioniert: durch strategische Geduld, wirtschaftliche Penetration, diplomatische Allianzen und das gezielte Ausnutzen westlicher Schwächen. Der Westen – und insbesondere Europa – sollte sich entscheiden, ob es in dieser neuen Weltordnung Gestalter oder Getriebener sein will. Die Zeit, um diese Entscheidung zu treffen, läuft ab.


