Chinas Überkapazität als strategische Waffe
Zwischen grüner Industriepolitik und geopolitischem Strukturkampf: Warum die westliche Antwort auf Chinas Subventionsstrategie mehr als bloßer Protektionismus sein muss
Der aktuelle Konflikt zwischen dem Westen und China um sogenannte „industrielle Überkapazitäten“ in der grünen Technologieproduktion ist mehr als ein ökonomisches Streitgespräch – es ist ein geopolitisches Lehrstück. Denn hinter den Debatten über Dumpingpreise, Subventionen und Produktionsauslastung verbirgt sich ein fundamentaler Systemkonflikt: jener zwischen einem staatsgelenkten, globalstrategisch agierenden China und einem Westen, der zwischen marktwirtschaftlicher Ideologie und strategischer Selbstbehauptung zerrieben wird.
China nutzt seine industrielle Basis nicht nur zur wirtschaftlichen Modernisierung, sondern gezielt zur strukturellen Veränderung globaler Abhängigkeiten. Die Überkapazitäten in den Bereichen E-Mobilität, Solar und Batterien sind keine „Fehlentwicklung“, sondern ein funktionales Werkzeug strategischer Einflussnahme. Überproduktion – staatlich alimentiert, effizient organisiert – wird zur geopolitischen Hebelwirkung: Westliche Märkte werden mit preislich unschlagbaren Produkten geflutet, heimische Produzenten an den Rand gedrängt, technologische Abhängigkeiten zementiert.
Der Westen, insbesondere Europa, hat diese Strategie zu lange unterschätzt. Freier Handel wurde mit fairer Konkurrenz verwechselt. Doch fair ist hier nichts: Ein chinesisches Unternehmen mit staatlich subventionierten Krediten, politischer Rückendeckung und strategisch geplanter Exportausrichtung spielt nicht im selben Markt wie ein westlicher Mittelständler.
Chinas Argumentation, man sei lediglich innovativer und effizienter, ignoriert gezielt den politischen Charakter seiner Industriepolitik. Die Datenlage zeigt ein differenziertes Bild: Überkapazitäten existieren massiv im Solar- und Batteriesektor, weniger stark im EV-Bereich – doch entscheidend ist nicht das „Ob“, sondern das „Wozu“. Denn die Produktionsausweitung orientiert sich nicht an Marktlogik, sondern an globaler Positionierung: Wer die Energiewende dominiert, dominiert die Weltwirtschaft von morgen.
Der Westen hat nur zwei Optionen: Resignieren oder reagieren. Protektionistische Reflexe allein reichen nicht aus. Was es braucht, ist ein eigenständiger industrieller Ordnungsrahmen – strategisch, technologieorientiert und europäisch gedacht. Nur ein souverän handelndes Europa, das eigene Kapazitäten in Schlüsseltechnologien aufbaut, kann dem chinesischen Strukturdruck standhalten.
Deutschland und Europa müssen aus der Rolle des reaktiven Regulators herausfinden und zum aktiven Gestalter ihrer wirtschaftlichen Souveränität werden. Dazu gehören:
Ein europäischer Industrieplan, der Schlüsselbereiche – von Batterien bis Halbleiter – gezielt fördert, ohne dabei chinesische Praktiken bloß zu kopieren.
Ein strategischer Handelsrahmen, der klare Linien gegenüber marktverzerrenden Subventionen zieht – ohne in isolierenden Protektionismus zu verfallen.
Eine europäische Investitions- und Technologiegemeinschaft, die Know-how bündelt, Märkte schützt und Innovation fördert.
Und ja – Zölle, Investitionskontrollen und Lieferketten-Diversifizierung müssen Teil dieser Strategie sein. Nicht als Zeichen westlicher Schwäche, sondern als Ausdruck von strategischer Selbstbehauptung.
Was wir erleben, ist keine konjunkturelle Schieflage, sondern ein Ausdruck der neuen Weltordnung: China handelt planvoll, strategisch und geopolitisch kalkuliert. Der Westen hingegen zögert noch zwischen moralischer Entrüstung und taktischer Reaktion.
Doch es geht nicht darum, China zu stoppen – sondern Europas Fähigkeit zur Selbstbehauptung in einer multipolaren Welt zu sichern. In einer Zeit, in der Industriepolitik wieder Machtpolitik ist, wird nur der bestehen, der seine ökonomischen Ressourcen mit strategischem Kalkül einsetzt. Wer den freien Markt weiterhin über nationale und kontinentale Interessen stellt, wird in dieser neuen Ordnung nicht überleben.
Wir brauchen ein Europa, das nicht länger über Überkapazitäten klagt – sondern eigene Kapazitäten der Macht aufbaut.


