Das Ende amerikanischer Kontrolle – Israels Abnabelung und die multipolare Realität
Warum die Entfremdung zwischen Washington und Tel Aviv das Ende westlicher Ordnungsmacht einläutet – und Europa zum strategischen Akteur werden muss.
Die wachsende Entfremdung zwischen den USA und Israel markiert nicht nur einen Wendepunkt im Nahostkonflikt, sondern ein tieferes geopolitisches Symptom: den schwindenden Einfluss der USA in einer sich herausbildenden multipolaren Weltordnung.
Was wir derzeit beobachten, ist der Bruch mit einer über Jahrzehnte eingeübten Asymmetrie. Die USA – einst unangefochtener Taktgeber regionaler Ordnungspolitik – verlieren zunehmend die Fähigkeit, auf engste Partner Einfluss auszuüben. Die harschen Töne, die zwischen Washington und Tel Aviv gewechselt werden, sind nicht Ausdruck eines temporären Zerwürfnisses, sondern Zeichen eines strukturellen Machtwandels. Israels Premierminister Netanyahu demonstriert mit seinen demonstrativen Brüskierungen der US-Diplomatie, dass Israel außenpolitisch weitgehend eigenständig handelt – jenseits von Absprachen, diplomatischer Etikette und selbst milliardenschwerer US-Hilfspakete.
Dieses Verhalten ist nicht irrational, sondern strategisch: Solange Netanyahus innenpolitische Position fragil bleibt und sein Machterhalt an einen demonstrativen Sieg gegen die Hamas gekoppelt ist, wird Israel auf militärischer Eskalation bestehen. Dabei kalkuliert Netanyahu kühl mit einem geopolitischen Umfeld, das Alternativen zur US-Unterstützung bietet – China, Russland, regionale Allianzen mit Golfstaaten. Und er weiß: So sehr Washington protestiert, es wird Israel nicht ernsthaft sanktionieren.
Die Konsequenz daraus ist doppelt brisant. Erstens: Die USA stehen im Nahen Osten erstmals vor der Gefahr eines gleichzeitigen Autoritätsverlusts gegenüber beiden Seiten – ihren arabischen Partnern und Israel. Zweitens: Der von Blinken angedeutete Kurswechsel hin zu einer möglichen Anerkennung eines palästinensischen Staates ist keine strategische Neuorientierung, sondern ein verzweifelter Versuch, verlorenes Gleichgewicht wiederherzustellen.
Doch dieser Versuch ist zum Scheitern verurteilt. Die arabischen Staaten erkennen zunehmend, dass Washington nicht mehr die dominante Gestaltungsmacht ist, sondern ein Akteur unter vielen – unfähig, israelische Eskalationen zu verhindern und zu kompromissorientierter Politik zu zwingen. Zugleich ist Israels Regierung nicht bereit, auf Druck von außen in ihrer Kriegsführung nachzugeben, da dies innenpolitisch als Schwäche gedeutet würde.
Diese Konstellation öffnet strategisch einen Raum, den Europa nutzen muss. Ein europäischer Bundesstaat, souverän, militärisch handlungsfähig und strategisch unabhängig, könnte als vermittelnde Ordnungsmacht auftreten – nicht im moralischen Sinne, sondern im geopolitischen Interesse der Stabilisierung seiner Peripherie. Europa hat ein ureigenes Interesse daran, eine neue Migrationswelle, regionale Eskalation und das weitere Abgleiten des Nahen Ostens in strategisches Chaos zu verhindern.
Die USA werden auf absehbare Zeit in einem innenpolitischen Spagat verharren, unfähig zu klarer außenpolitischer Führung. Israel hat sich emanzipiert – mit allen damit verbundenen Risiken. Und die arabische Welt sucht nach verlässlichen neuen Partnern, jenseits des Atlantiks. Europa muss diese Lücke füllen – mit geopolitischer Nüchternheit, militärischer Eigenmacht und strategischer Souveränität.
Der Bruch zwischen Israel und den USA ist kein diplomischer Betriebsunfall, sondern Ausdruck eines systemischen Wandels. In dieser Umbruchphase entscheidet sich, ob Europa sich als Großmacht etabliert – oder erneut zum machtlosen Zuschauer geopolitischer Verwerfungen wird.


