Das Imperium und die Straße – Wie der Houthi-Faktor und Chinas Nahoststrategie Europas maritimen Machtverlust offenbaren
Ein Essay über asymmetrische Kriegsführung, maritime Ordnung und die geopolitische Selbstverleugnung Europas
Die Blockade des Roten Meeres durch die Houthi-Miliz und Chinas stiller Aufstieg im Nahen Osten markieren den Beginn einer neuen Weltordnung, in der asymmetrische Kriegsführung und infrastrukturelle Macht zentrale Rollen spielen. Während China durch wirtschaftliche Verflechtung und politische Einflussnahme eine eigene Ordnung ohne militärische Präsenz etabliert, offenbart Europas Reaktion strategische Ohnmacht und maritime Abhängigkeit. Der Essay analysiert diese tektonischen Verschiebungen und plädiert für eine europäische Machtstrategie jenseits westlicher Normrhetorik – mit dem Ziel, wieder Ordnung zu stiften, bevor die Unordnung Europa überrollt.
I. Die Straße als Bühne imperialer Ordnung
Seit den Tagen des Römischen Reichs und seiner “Mare Nostrum”-Strategie war die Kontrolle über maritime Routen das Fundament geopolitischer Macht. Wer die Seewege beherrschte, bestimmte den Fluss von Waren, Ideen und Imperien. Von der phönizischen Talassokratie über die venezianische Handelsflotte bis hin zum britischen Empire: Großmachtstatus wurde stets auf dem Wasser geboren und verteidigt. Heute, im Zeitalter satellitengestützter Logistik und digitalisierter Lieferketten, scheint dieser Zusammenhang in Vergessenheit geraten zu sein – zumindest in Europa.
Doch das Meer hat sich nicht entpolitisiert. Im Gegenteil: Es ist zur Arena asymmetrischer Kriegsführung geworden, zur Projektionsfläche poststaatlicher Machtambitionen. Die Kontrolle über Knotenpunkte wie die Straße von Hormus, das Kap der Guten Hoffnung oder Bab al-Mandab entscheidet über die Verwundbarkeit ganzer Volkswirtschaften. In dieser Welt zählen nicht mehr nur Trägerverbände und Flottenstärken, sondern Resilienz, Disruption und strategische Ambiguität.
II. Der Houthi-Faktor – Kleiner Akteur, große Wirkung
Seit Oktober 2023 hat eine Bewegung aus den Bergen Jemens – ohne Marine, ohne Luftwaffe, ohne Staat – das Rote Meer in eine strategische Grauzone verwandelt. Die Houthi-Miliz, lange marginalisiert und unterschätzt, blockiert mit Drohnen, Raketen und taktischem Medienwirbel den Zugang zu einem der wichtigsten Nadelöhre des globalen Handels. Es ist ein Szenario, das westliche Militärdoktrinen nicht vorgesehen haben: Die Schwachen diktieren den Zugang der Starken.
Was wir hier erleben, ist nicht bloß eine temporäre Störung, sondern ein Symptom der entstehenden postwestlichen Ordnung. Die Houthis agieren nicht isoliert, sondern eingebettet in ein neues iranisches Proxynetzwerk – flexibel, dezentralisiert und weitgehend immun gegen klassische Abschreckung. Sie verkörpern die nächste Stufe asymmetrischer Kriegsführung: Die Projektion geopolitischer Macht durch Akteure, die keine Territorien verwalten, sondern Knotenpunkte destabilisieren.
Der Westen antwortet mit millionenschweren Marineoperationen, die nicht nur operativ ineffizient sind, sondern konzeptionell hilflos wirken. Der Einsatz moderner Kriegsschiffe gegen fliegende Motorrad-Bomben ist nicht Ausdruck technologischer Überlegenheit, sondern strategischer Orientierungslosigkeit. Was fehlt, ist eine systemische Antwort – und die beginnt mit dem Eingeständnis: Die maritimen Routen Europas sind nicht mehr sicher, weil Europa nicht mehr in der Lage ist, sie zu sichern.
III. Peking übernimmt – Chinas stiller Marsch durch den Nahen Osten
Während die Houthis am südlichen Ausgang des Suezkanals Fakten schaffen, betritt ein anderer Akteur die Bühne mit leisen, aber nachhaltigen Schritten: China. Die Volksrepublik agiert im Nahen Osten nicht aus Nächstenliebe, sondern mit dem kalten Instinkt einer Macht im Aufstieg. Sie versteht, dass in einer multipolaren Weltordnung nicht ideologische Bündnisse zählen, sondern infrastrukturelle Kontrolle, Energiefluss und politische Immobilisierung der Rivalen.
Chinas Engagement in der Region folgt einer klaren Logik: Versorgungssicherheit, Markterschließung und strukturelle Ordnungsmacht. Der saudisch-iranische Friedensdeal, vermittelt von Peking, war kein Ausdruck regionaler Versöhnung – er war ein symbolischer Angriff auf das US-geführte Sicherheitsregime. China bietet Ordnung ohne Werte, Stabilität ohne Bedingungen. Seine Methode ist nicht Intervention, sondern Durchdringung: Dual-Use-Häfen, Telekommunikationsmonopole, digitale Infrastruktur. Während die USA noch immer in Koalitionen denken, baut China Systeme.
Im Hintergrund steht Pekings strukturelle Schwäche: Die massive Abhängigkeit vom Öl des Nahen Ostens. Doch gerade aus dieser Verwundbarkeit leitet China sein strategisches Engagement ab – nicht aus Stärke, sondern aus der Notwendigkeit, den Preis einer Unterbrechung maximal zu senken. Es ist eine neue Form von imperialer Rationalität: Einfluss ohne Präsenz, Kontrolle ohne Krieg, Macht ohne Verantwortung.
IV. Europa – Der Zuschauer in seiner eigenen Peripherie
Inmitten dieser tektonischen Verschiebungen wirkt Europa wie ein machtpolitischer Fossil. Die einstige Vormacht im Mittelmeerraum ist heute weder in der Lage, ihre Handelswege zu schützen, noch geopolitisch relevante Ordnungsangebote zu machen. Die fragmentierten Marinen, die zersplitterten außenpolitischen Interessen und die strukturelle Abhängigkeit von den USA haben Europa zu einem Zuschauer degradiert – auf einer Bühne, die es selbst miterschaffen hat.
Die Angriffe auf europäische Frachter im Roten Meer sind keine israelische Nebenwirkung, sondern Ausdruck struktureller Wehrlosigkeit. Dass Frankreich und Italien zwar symbolisch Präsenz zeigen, aber nicht gemeinsam agieren, illustriert die strategische Lähmung der EU. Gleichzeitig bleibt die diplomatische Arena in Nahost fest in der Hand Chinas und der Golfstaaten – während Brüssel Appelle verschickt, bauen andere Machtachsen.
Die Lösung liegt nicht in moralischer Entrüstung, sondern in strategischer Selbstbehauptung. Ein europäisches maritimes Sicherheitskommando – aufgebaut auf PESCO-Strukturen, mit französischer Führungsstärke und deutscher Finanzierung – wäre ein notwendiger erster Schritt. Doch das genügt nicht. Europa braucht eine neue Doktrin: die Fähigkeit zur asymmetrischen Gegenmacht.
V. Die neue Ordnung – Krieg durch Chaos, Macht durch Knotenpunkte
Was sich im Nahen Osten vollzieht, ist mehr als eine regionale Umwälzung. Es ist der Übergang in ein Zeitalter, in dem klassische Militärmacht an Wirkung verliert und strategische Kontrolle über Transitpunkte, Datenströme und Energieflüsse zur eigentlichen Machtwährung wird. Der Iran liefert das Modell der „Proxynetzwerke 2.0“, China das Modell der strukturellen Penetration – Europa hingegen verharrt in den Konzepten der 1990er Jahre: Stabilität durch Diplomatie, Sicherheit durch Integration, Macht durch Normen.
Doch die Welt der 2020er folgt anderen Regeln. Wer Chaos erzeugen kann, erzeugt Handlungsdruck. Wer Ordnung anbietet, bestimmt die Spielregeln. Die Houthis destabilisieren das Rote Meer nicht, weil sie gewinnen wollen, sondern weil sie verhandlungsfähig bleiben wollen. China investiert in Infrastruktur nicht aus Großzügigkeit, sondern um geostrategische Abhängigkeiten zu schaffen. Europa dagegen – ohne eigene Ordnungsarchitektur, ohne strategische Souveränität – wird zur Zone, in der andere Mächte ihre Konflikte austragen.
VI. Schlussfolgerung – Der Preis der Macht ist Ordnung, nicht Moral
Die neue Weltordnung wird nicht durch gemeinsame Werte geprägt, sondern durch kontrollierte Unsicherheit. Wer Einfluss behalten will, muss bereit sein, selbst Unsicherheit zu erzeugen – oder sie durch Resilienz zu neutralisieren. Europa kann sich keine geopolitische Passivität mehr leisten. Die Lektion aus Houthi-Drohnen und chinesischen Häfen lautet: Nur wer seine Routen schützt, sichert seine Souveränität.
Die Wahl ist klar: Entweder Europa bleibt ein machtpolitischer Zuschauer in einer multipolaren Welt – oder es wird zum Akteur, der Ordnung stiftet, bevor Unordnung ihn erfasst. Die Zeit des strategischen Autopiloten ist vorbei. Es ist Zeit für eine europäische Seemacht, eine neue Doktrin asymmetrischer Resilienz – und vor allem: Zeit für politische Selbstbehauptung im Zeichen einer souveränen Ordnungspolitik.
Denn in einer Welt, in der Drohnen Handelswege blockieren und Infrastruktur zur Waffe wird, ist die Machtfrage nicht mehr: Wer hat die besseren Argumente? Sondern: Wer kontrolliert den Übergang?
Europa muss wieder lernen, diesen Übergang zu gestalten – bevor es selbst zum Objekt seiner Umstände wird.


