De-Risking statt Decoupling – Strategischer Realismus im Umgang mit China
Europa muss sich von der Illusion globaler Harmonie lösen – wirtschaftliche Verflechtung bleibt Mittel der Macht, nicht Ausdruck gemeinsamer Werte
Die westliche Diskussion über „Decoupling“ und „De-Risking“ im Verhältnis zu China zeigt exemplarisch, wie spät der Westen beginnt, geopolitisch zu denken. Was Peking längst als strategisches Kräftemessen interpretiert, wurde in Berlin und Brüssel zu lange als rein ökonomische Debatte behandelt. Die Realität ist jedoch eine andere: Die globale Ordnung befindet sich im Umbruch, und China ist entschlossen, an deren Spitze zu stehen – wirtschaftlich, technologisch und militärisch.
Die Entscheidung des Westens, den radikalen Kurs des „Decoupling“ zugunsten eines kontrollierten „De-Risking“ zu verlassen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck eines überfälligen strategischen Realismus. Der wirtschaftliche Verflechtungsgrad zwischen China und dem Westen ist so tief, dass ein vollständiges Abkoppeln kurzfristig nicht nur wirtschaftlich katastrophal, sondern geopolitisch kontraproduktiv wäre. Der Westen würde nicht nur massive Lieferkettenbrüche und Inflation riskieren, sondern auch seine Hebel zur Eindämmung chinesischer Machtambitionen aus der Hand geben.
Denn wirtschaftliche Interdependenz wirkt heute als geopolitisches Druckmittel – nicht als Friedensgarant. Wer China wirklich aufhalten will, seine technologische Vormachtstellung in strategischen Sektoren wie Künstliche Intelligenz und Halbleiter auszubauen, muss Peking zugleich kontrollieren und abhängen. Das bedeutet: kritische Abhängigkeiten abbauen, aber die eigene Marktmacht bewusst als Erpressungsschutz nutzen.
Vor allem Europa steht hier vor einer Zerreißprobe. Deutschlands Exportmodell, mit seiner tiefen Verflechtung in den chinesischen Markt, droht zu einem geopolitischen Risikofaktor zu werden. Die Bundesregierung darf sich nicht länger von den Interessen der Automobilindustrie oder der Chemiekonzerne leiten lassen, sondern muss endlich strategische Außenwirtschaftspolitik betreiben. Das bedeutet auch, klare Vorgaben für De-Risking-Prozesse zu machen – unabhängig von kurzfristigem Lobbydruck.
Zugleich müssen wir begreifen: Die eigentliche Bedrohung liegt nicht in der wirtschaftlichen Verflechtung an sich, sondern in der asymmetrischen Nutzung dieser Verflechtung durch autoritäre Staaten. Peking hat längst verstanden, dass Märkte geopolitische Waffen sein können – wir müssen es ihm gleichtun. Die Phase naiver Globalisierung ist vorbei.
Ein europäischer Bundesstaat muss aus dieser Lage die strategische Konsequenz ziehen: Aufbau souveräner industrieller Schlüsselkapazitäten, gezielte Diversifikation entlang geostrategischer Linien („friendshoring“) und der Aufbau einer einheitlichen europäischen Außenwirtschaftspolitik. Nur ein geeintes Europa wird in der Lage sein, mit China auf Augenhöhe zu verhandeln – und mit den USA selbstbewusst eine eigenständige Interessenlage zu vertreten.
„De-Risking“ darf kein Feigenblatt bleiben – es muss zu einer kohärenten, machtbewussten Strategie werden. Nicht Moral, sondern Machtverhältnisse sichern Europas Zukunft. Wir brauchen keine Trennung von China aus Prinzip, sondern eine strategische Entkopplung von Abhängigkeiten, die unsere Handlungsfähigkeit gefährden. In einer Welt, die zunehmend von Rivalität geprägt ist, wird wirtschaftliche Resilienz zur Grundlage politischer Souveränität.


