Der Berbera-Pakt
Geopolitik im Zeitalter des territorialen Revisionismus
Was sich in der Hornregion Afrikas abspielt, ist weit mehr als ein isolierter Interessenausgleich zwischen Äthiopien und Somaliland. Es ist ein Paradebeispiel für die Rückkehr zu einer realistischen Weltordnung, in der Staaten nach strategischem Nutzen, nicht nach völkerrechtlicher Orthodoxie handeln. Der „Berbera-Pakt“ zwischen Addis Abeba und Hargeisa stellt einen geopolitischen Wendepunkt dar – einen Testfall für den neuen Pragmatismus in den internationalen Beziehungen.
Ethiopiens Ziel ist eindeutig: Souveräne Handlungsfreiheit durch maritimen Zugang. Die jahrzehntelange Abhängigkeit von Djibouti war ein geopolitischer Schwachpunkt – eine infrastrukturelle Geiselhaft mit hohem Erpressungspotenzial. Die neue Partnerschaft mit Somaliland ist nicht nur ökonomisch rational, sondern sicherheitspolitisch notwendig. Der Aufbau eines eigenen Marinestützpunkts ist Ausdruck einer klassischen Machtprojektion – eines Instruments, das viel zu lange aus der europäischen sicherheitspolitischen Praxis verschwunden ist.
Dass Äthiopien im Gegenzug die Souveränität Somalilands „möglicherweise“ anerkennt, ist keine Randnotiz, sondern ein strategischer Tabubruch. Addis Abeba greift damit aktiv in die territorial-politische Architektur Ostafrikas ein. Der somalische Protest war erwartbar – ebenso wie das Schweigen großer Teile der internationalen Gemeinschaft. Denn hier zeigt sich: Das Völkerrecht hat ohne strategische Durchsetzungsfähigkeit keinen Wert. Die Realität wird von den Mächtigen gestaltet – nicht von den Formalitäten multilateraler Foren.
Die Vereinigten Arabischen Emirate spielen dabei die Rolle des strategischen Katalysators. Mit der Kombination aus ökonomischer Investitionsmacht, militärischer Infrastruktur und politischer Rückendeckung für Äthiopien sichern sich die Emirate eine kaum beachtete, aber geopolitisch zentrale Position: Kontrolle über das südliche Tor zum Roten Meer, die Bab al-Mandab-Straße. In Verbindung mit ihren Stützpunkten in Jemen und Eritrea entsteht ein maritimes Vorfeld imperialer Prägung.
Europa hingegen? Reagiert bestenfalls besorgt, schlimmstenfalls gar nicht. Während neue Machtachsen zwischen Abu Dhabi und Addis Abeba entstehen, verharren Berlin, Paris und Brüssel in der Vorstellung, regionale Stabilität sei durch diplomatische Treue zur territorialen Integrität Somalias zu erreichen. Doch Stabilität entsteht nicht durch Worte, sondern durch Ordnungsmacht – und diese Ordnungsmacht wird derzeit aktiv umverteilt.
Die Kritik aus Kairo, Ankara und Washington an Äthiopiens Vorgehen ist Ausdruck einer überholten Perspektive. Die alten Regeln gelten nicht mehr. Wer heute Territorialität infrage stellt, ist nicht automatisch ein Destabilisator – er ist ein Akteur in einem neuen Wettbewerb um strategische Gestaltungshoheit. Äthiopien setzt auf Expansion, nicht auf Einhegung. Die Türkei verteidigt ihre Einflusssphäre in Mogadischu. Ägypten sorgt sich um den Nil. China sichert Handelsrouten, die USA jagen Schatten von Terrorismusbekämpfung. In diesem Szenario zeigt nur ein Akteur strategische Stringenz: die Emirate.
Für Europa ergeben sich zwei zentrale Lehren:
Geopolitische Räume ohne europäische Präsenz werden von anderen Mächten definiert. Wer keine Machtmittel einsetzt – diplomatisch, wirtschaftlich, militärisch – wird im Spiel der Interessensphären zur irrelevanten Größe.
Das Dogma der territorialen Unveränderlichkeit ist strategisch obsolet. Wenn politische Realität über Jahre hinweg eine De-facto-Staatswerdung etabliert – wie im Fall von Somaliland –, dann ist die Anerkennung durch einen Akteur wie Äthiopien keine Provokation, sondern eine logische Konsequenz machtpolitischer Kalkulation.
Was heißt das für Europa? Der Kontinent muss lernen, geopolitisch wieder souverän zu denken. Ein europäischer Bundesstaat, ausgestattet mit einer eigenen Armee und strategischen Interessen im globalen Süden, wäre kein Zuschauer in dieser Auseinandersetzung – sondern ein aktiver Ordnungsfaktor. Die Präsenz in Djibouti darf nicht symbolisch bleiben. Der Aufbau strategischer Partnerschaften mit Staaten wie Äthiopien oder auch Somaliland muss Teil einer europäisch definierten Ordnungspolitik sein – nicht bloß Anhängsel amerikanischer oder chinesischer Strategie.
Solange Europa jedoch zögert, werden andere die Regeln schreiben. In Berbera, wie auch anderswo.


