Der Bruch im Bündnis: Warum die amerikanisch-israelische Entfremdung kein Unfall ist
Ein geopolitischer Wendepunkt zwischen Realpolitik, Machtverlust und strategischer Repositionierung
Die Entscheidung der USA, im UN-Sicherheitsrat keine Veto gegen die jüngste Resolution für eine Waffenruhe im Gazastreifen einzulegen, ist weit mehr als ein diplomatisches Manöver im Nahostkonflikt. Es ist das sichtbarste Zeichen eines strategischen Bruchs zwischen Washington und Jerusalem – ein Bruch, der unausweichlich war und symptomatisch für die tektonischen Verschiebungen in der Weltordnung steht.
Was wir beobachten, ist nicht bloß ein Zerwürfnis über militärische Taktik in Rafah oder moralische Empörung über zivile Opfer. Es ist ein Ausdruck fundamentaler Interessendivergenzen zwischen einem absteigenden Weltpol (USA), der seine Stellung in der arabischen Welt neu kalibrieren muss, und einer Regionalmacht (Israel), die glaubt, durch militärische Dominanz ihre geopolitische Umwelt dauerhaft kontrollieren zu können.
Netanjahus demonstrative Empörung über die amerikanische Enthaltung ist kein Ausdruck realer Schwäche, sondern Teil eines bewussten Spiels. Er weiß, dass Israel ohne amerikanische Waffenlieferungen militärisch nicht nachhaltig operieren kann – und genau deswegen versucht er, Druck aufzubauen. Doch die Reaktion aus Washington zeigt: Die Zeiten der bedingungslosen Loyalität sind vorbei.
Für die USA steht nicht mehr nur Israels Sicherheit im Vordergrund, sondern die eigene Relevanz im Mittleren Osten. In einer Welt, in der China mit diplomatischer Geschicklichkeit und Russland mit militärischer Zähigkeit ihre Positionen im arabischen Raum ausbauen, muss Washington beweisen, dass es noch in der Lage ist, Prozesse zu gestalten – nicht nur Allianzen zu verwalten.
Die Resolution zur Waffenruhe war daher weniger ein Appell an die Moral als ein geopolitisches Signal: Die USA sind bereit, ihre Unterstützung zu konditionieren. Wer als Partner wahrgenommen werden will, muss sich strategisch einfügen – nicht nur Forderungen stellen.
Israel wiederum steht vor einer strategischen Illusion: Der Glaube, durch militärische Eskalation langfristige Sicherheit zu gewinnen, ist trügerisch. Die geplante Offensive in Rafah wird nicht nur Ägypten destabilisieren und das Friedensabkommen von 1979 gefährden, sondern auch Israels Beziehungen zu den Golfstaaten irreparabel belasten. Wer den Nahen Osten verstehen will, muss seine Balanceakte beherrschen – nicht seine Nachbarn in die Flucht treiben.
Für Europa ergeben sich aus dieser Entfremdung zwischen Washington und Jerusalem zwei Lehren: Erstens, die USA sind nicht mehr bereit, geopolitische Loyalitäten unbegrenzt zu finanzieren. Zweitens, ein souveränes Europa muss in der Lage sein, eigenständige diplomatische und sicherheitspolitische Angebote zu formulieren – gerade im Nahen Osten.
Wir dürfen nicht länger Zuschauer einer schwindenden amerikanischen Ordnung sein, sondern müssen uns aktiv an der Schaffung einer neuen multipolaren Architektur beteiligen. Dazu gehört: strategischer Realismus, klare Interessenformulierung, und die Bereitschaft, Verantwortung in der Nachbarschaft Europas zu übernehmen.
Die amerikanisch-israelische Krise ist nicht das Ende einer Freundschaft – sondern das Symptom einer sich wandelnden Welt. Wer das ignoriert, wird von der Geschichte überrollt.


