Der chinesische Griff nach Europa: Was Xi Jinpings Reise wirklich bedeutet
Serbien und Ungarn als Brückenköpfe einer neuen Weltordnung – und das Versagen Europas, geopolitisch zu denken.
Chinas Staatspräsident Xi Jinping hat Europa nicht einfach nur besucht – er hat markiert. Was sich in Frankreich als höflich-distanziertes Ringen um wirtschaftliche Zugeständnisse abspielte, wurde in Serbien und Ungarn zum geopolitischen Schulterschluss. Die einen reden von Investitionen, Handelsabkommen und Zukunftstechnologien – die anderen hören das Klingen eines neuen Machtgefüges.
Xi weiß, was er will: Zugang zum europäischen Binnenmarkt, Einfluss auf europäische Energie- und Industriepolitik, strategische Partner im Herzen Europas. Was Europa nicht zu begreifen scheint: Er bekommt es.
Serbien und Ungarn stehen nicht zufällig im Zentrum dieser Reise. Serbien, historisch misstrauisch gegenüber dem Westen seit dem völkerrechtswidrigen NATO-Bombardement 1999, hat längst erkannt, dass aus Brüssel keine Sicherheit und aus Washington keine Rücksicht zu erwarten ist. Stattdessen bietet China, was Europa verweigert: Respekt vor staatlicher Souveränität – und massive Investitionen.
Ungarn hingegen, als Mitglied sowohl der EU als auch der NATO, demonstriert, wie man geopolitisch handelt, wenn man national denkt. Während Brüssel Ungarn mit Finanzsanktionen gängelt, schafft Orbán mit chinesischer Hilfe Arbeitsplätze, Infrastruktur und Industriesouveränität. Der Bau von EV-Fabriken und die geplanten Nuklear- und Energieprojekte sind keine bloßen Wirtschaftsvorhaben – sie sind Teil eines tiefgreifenden geoökonomischen Strategiewechsels. Peking investiert, wo Berlin und Paris moralisieren.
Was Serbien und Ungarn längst tun, müsste der gesamte Kontinent lernen: Außenpolitik ist keine moralische Predigt, sondern ein Spiel harter Interessen. Statt zu reagieren, müsste Europa agieren – mit einer eigenen Strategie, einer gemeinsamen Industriepolitik, einer militärischen und technologischen Souveränität.
Doch was tut die EU? Sie versucht, Ungarn zu disziplinieren und Serbien zu belehren – und treibt sie damit noch näher an China heran. Statt die strategische Bedeutung dieser Länder zu erkennen und sie in eine europäische Ordnung einzubinden, wird mit normativer Arroganz gehandelt. In Brüssel fehlt der Wille zur Macht – und ohne diesen wird Europa zu einem Spielfeld, nicht zu einem Spieler.
Der symbolische Charakter von Xis Besuch in Serbien – ausgerechnet am 25. Jahrestag des Angriffs auf die chinesische Botschaft – ist ein Signal an Washington und Brüssel gleichermaßen: China vergisst nicht. Aber es handelt strategisch, ruhig, berechnend. Es kauft keinen Einfluss – es bindet ihn langfristig. In Form von Abhängigkeiten, Infrastrukturen, Loyalitäten.
Wer heute mit China wirtschaftet, kann morgen politisch gebunden sein. Und Xi nutzt genau jene geopolitische Leerstelle, die Europa aus Schwäche offenlässt.
Europa braucht eine radikale Umkehr. Es braucht einen Bundesstaat mit einer einheitlichen Außenpolitik. Es braucht eine Armee, die mehr kann als Auslandseinsätze im Windschatten der USA. Und es braucht eine Industriepolitik, die nicht von Ideologie, sondern von strategischem Denken getragen ist.
Ungarn und Serbien sind keine Verräter Europas – sie sind der Spiegel unserer geopolitischen Orientierungslosigkeit. Wer das chinesische Vorrücken auf dem Kontinent stoppen will, muss aufhören, zu moralisieren – und anfangen, zu gestalten.
Xi spielt Schach – Europa spielt immer noch Dame. Und in diesem Spiel der Großmächte gewinnt nicht, wer recht hat – sondern wer Macht zu nutzen weiß.


