Die Geopolitik der Abhängigkeit: Schuldenfallen, nukleare Illusionen und Europas strategisches Erwachen
Ein Essay über die tektonischen Verschiebungen im globalen Machtgefüge und warum Europa handeln muss, bevor es gehandelt wird.
In den abgelegenen Amtsstuben von Lusaka, in den schattenreichen Konferenzsälen von Colombo oder in den leeren Terminals von Hambantota spielt sich jene stille Art von Machtpolitik ab, die der westliche Beobachter gern übersieht. Sie verzichtet auf Kanonendonner, auf Uniformen oder markige Parolen – und wirkt gerade deshalb umso nachhaltiger. Denn Imperien der Gegenwart entstehen nicht allein durch Eroberung, sondern durch Verschuldung. Wer bezahlt, befiehlt. Wer zahlt, verliert. Zugleich droht Europa – paralysiert von Wohlstandsverwahrlosung und sicherheitspolitischer Naivität – zum bloßen Objekt fremder Strategien zu werden. Die strategische Leere des Kontinents kontrastiert dabei mit dem kalten Kalkül Pekings, dem berechnenden Rückzug Washingtons und der brüchigen Potenz Moskaus. Wenn Europa sich nicht neu erfindet – politisch, militärisch und zivilisatorisch – wird es zu jenem, was Clausewitz einen “Raum ohne Willen” nannte: ein geopolitisches Vakuum, das andere füllen werden.
Die globale Ordnung des 21. Jahrhunderts ist keine Symphonie internationaler Kooperation, sondern ein raues Konzert konkurrierender Zivilisationsmächte. In dieser multipolaren Realität verlieren liberale Hoffnungen an Kraft, und Macht tritt wieder offen als Ordnungsprinzip hervor. Zwei Entwicklungen markieren dabei das geopolitische Kräftefeld unserer Zeit mit besonderer Schärfe: Chinas Aufstieg als kreditgestützter Koloss des Südens – und Europas sicherheitspolitische Abhängigkeit von einer atlantischen Schutzmacht, deren Blick längst auf den Pazifik gerichtet ist.
Was China mit der sogenannten „Belt and Road Initiative“ betreibt, ist weit mehr als Infrastrukturpolitik. Es ist ein globaler Feldzug mit ökonomischen Mitteln – und strategischer Zielsetzung. Die Erzählung vom wohlmeinenden Investor, der sich dort engagiert, wo westliche Banken zögern, ist nur die Oberfläche. In der Tiefe liegt ein Muster, das in den Docks von Hambantota, in den Terminals von Mombasa, in den Schienennetzen von Laos und in den Ratssälen von Sambia sichtbar wird: Kredite, die kaum rückzahlbar sind, kombiniert mit Vertragsklauseln, die Zugriff auf kritische Infrastruktur gewähren. Die Schuldenfalle ist kein Nebeneffekt – sie ist Methode.
Diese Strategie funktioniert nicht, weil sie die Souveränität offen angreift, sondern weil sie sie unterwandert. Der Verlust beginnt nicht mit dem Einmarsch, sondern mit der Unterschrift. Chinas Einfluss wächst nicht durch Flugzeugträger, sondern durch Zahlungsunfähigkeit. Die Abhängigkeit ist dabei umfassend: ökonomisch, politisch, diplomatisch. Wer Milliarden bei China offen hat, wird in der UN-Vollversammlung schweigen, wenn Xinjiang, Taiwan oder das Südchinesische Meer aufgerufen werden. Souveränität endet dort, wo Schulden beginnen.
Zwar ließe sich argumentieren, dass viele dieser Projekte auf Wunsch der Empfängerländer entstanden – doch das ändert nichts am strukturellen Ungleichgewicht. Diejenigen, die Kredite vergeben, diktieren Bedingungen. Und wo Kreditverträge geheim bleiben, wird aus wirtschaftlicher Partnerschaft schnell eine asymmetrische Machtausübung. Dass China zudem eigene Firmen, Technologien und Arbeitskräfte einsetzt, macht die Abhängigkeit noch totaler. Der nominale Schuldner wird so zum faktischen Subunternehmer chinesischer Interessen.
Diese Form der Machtausdehnung ist nicht neu – sie erinnert an die Kreditpolitik der europäischen Kolonialreiche im späten 19. Jahrhundert, als Häfen, Zölle und Bahnstrecken gegen Anleihen verpfändet wurden. Nur ist der neue Kreditgeber kein westliches Imperium, sondern eine post-marxistische Zivilisationsmacht mit langfristiger Agenda. In dieser Hinsicht ist Chinas Politik nicht hinterhältig, sondern rational: Sie nutzt die Schwäche anderer, um eigene strategische Tiefe zu gewinnen. Das ist keine Verschwörung – es ist klassische Geopolitik.
Und während Peking Kreditlinien knüpft, die letztlich zu sicherheitspolitischen Ketten werden, klammert sich Europa an das brüchige Versprechen einer nuklearen Abschreckung aus Übersee. Jahrzehntelang lebte der Kontinent unter dem Schutzschirm amerikanischer Atomwaffen – eine Garantie, die vor allem psychologisch wirkte. Doch dieser Schirm ist löchrig geworden. Die geopolitische Priorität der Vereinigten Staaten hat sich verschoben: von Brüssel nach Taipeh, von Berlin nach Manila. Die NATO bleibt institutionell bestehen, aber strategisch wird Europa zur zweiten Front – und damit austauschbar.
Frankreich und Großbritannien verfügen zwar über eigene Nukleararsenale – doch sie reichen nicht aus, um den ganzen Kontinent glaubwürdig zu schützen. Die französische Force de Frappe ist konzipiert zur Verteidigung der Grande Nation, nicht des Baltikums. Die britischen U-Boote tragen zwar Raketen mit interkontinentaler Reichweite, doch diese stammen aus US-amerikanischen Systemen. Autarkie sieht anders aus. Und selbst wenn Paris und London ihr nukleares Mandat erweitern wollten – wem unter den Europäern würde man das Vertrauen in den finalen Befehl geben? Würde Berlin seine Sicherheit wirklich an eine französische Entscheidungszentrale delegieren? Oder Warschau? Oder Riga?
Die Wahrheit ist ernüchternd: Europa besitzt keine strategische Kultur für den Ernstfall. Es ist ein Kontinent mit modernem Sozialstaat, aber vormoderner Außenpolitik – postheroisch, konfliktavers, abhängig. Der Aufbau einer eigenständigen europäischen Abschreckung – nuklear wie konventionell – ist nicht nur wünschenswert, sondern überlebensnotwendig. Und doch bleibt er unwahrscheinlich, solange nationale Eitelkeiten und fiskalische Prioritäten über das strategische Denken siegen.
Die Gefahr liegt nicht nur in der militärischen Lücke, sondern in der psychologischen. Abschreckung funktioniert nur, wenn sie glaubhaft ist. Und Glaubwürdigkeit entsteht nicht aus Appellen, sondern aus Fähigkeiten. Europa muss sich entscheiden: Will es weiterhin auf einen Schutz vertrauen, den es nicht kontrolliert – oder die Kontrolle über seine Existenz zurückgewinnen?
Diese Frage ist keine theoretische. Denn in einer Welt, in der Großmächte mit Geld, Energie und Waffen Einfluss ausüben, ist politische Autonomie ohne strategische Autarkie nicht möglich. Wer sich militärisch nicht verteidigen kann, wird wirtschaftlich erpresst. Wer wirtschaftlich nicht unabhängig ist, wird politisch fremdbestimmt. Und wer politisch nicht handlungsfähig ist, wird geopolitisch irrelevant.
Die Verbindung beider Entwicklungen – der chinesischen Schuldenstrategie und der europäischen Verteidigungsillusion – offenbart ein strukturelles Dilemma des Westens: Der eine Teil verliert seine Macht durch Naivität, der andere durch Selbstüberschätzung. Europa darf sich nicht zwischen diesen beiden Polen entscheiden – es muss einen dritten Weg gehen: den der strategischen Selbstbehauptung.
Dazu braucht es mehr als Absichtserklärungen. Es braucht eine politische Union mit Entscheidungsgewalt, eine eigene militärische Infrastruktur mit nuklearer Einbindung, eine Außenpolitik, die auf Interessen beruht und nicht auf Normen – kurz: einen europäischen Bundesstaat mit imperialem Bewusstsein.
Nur ein solcher Akteur kann im Konzert der Zivilisationsmächte bestehen. Nur er kann Afrika ernsthaft helfen, ohne es zu beherrschen. Nur er kann zwischen den USA und China balancieren, ohne sich zu verlieren. Nur er kann Europas historische Mission fortsetzen – als Mittler zwischen Macht und Maß, zwischen Technik und Kultur, zwischen Sicherheit und Freiheit.
Denn am Ende entscheidet in der Weltordnung nicht die Moral, sondern die Macht. Und Macht gehört dem, der sie will, kann – und zu nutzen weiß. Europa muss endlich aufhören, ein Subjekt vergangener Größe zu sein. Es muss zu einem strategischen Akteur der Zukunft werden – oder es wird zum Objekt jener, die handeln, während es noch diskutiert.


