Der Krieg, der nicht endet
Drei Jahre nach Beginn ist der Krieg in der Ukraine zum Dauerzustand geworden. Was hält ihn am Laufen und welche Machtkonfiguration entsteht daraus?
Strategische Sackgasse
Dreieinhalb Jahre Krieg – und kein Ende in Sicht. Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine ist längst über das Stadium klassischer Kriegsziele hinausgewachsen. Weder Moskau noch Kiew sind bereit, ihre Positionen substanziell zu verändern. Beide haben zu viel investiert, zu viel verloren, zu viel symbolisch aufgeladen. Der Krieg ist zu einer Struktur geworden: ökonomisch, politisch, psychologisch.
Der viel beschworene „Trump-Effekt“ blieb aus. Zwar hatte Moskau gehofft, mit dem neuen US-Präsidenten einen pragmatischeren Gesprächspartner zu finden, doch die Alaska-Gespräche zwischen Trump und Putin im Frühjahr 2025 brachten kein Ergebnis. Russland wollte Anerkennung seiner territorialen Gewinne; Washington war bereit, über Kompromisse zu sprechen, aber nicht über Kapitulation. Kiew wiederum konnte keinen Frieden akzeptieren, der einer faktischen Aufteilung des Landes gleichkäme. Das Ergebnis: Stillstand mit offenem Ausgang.
Trump hat die US-Position taktisch verändert, nicht strategisch. Die Waffenlieferungen laufen weiter, nur die Lastenverteilung verschiebt sich – Europa bezahlt mehr, Washington führt weniger. Für Russland bedeutete das: kein Durchbruch, aber Zeitgewinn. Für die Ukraine: kein Rückhaltverlust, aber schleichende Erschöpfung.
Europa rüstet sich
Die eigentliche tektonische Verschiebung findet in Europa statt. Das US-Rückzugsmanöver – halb angekündigt, halb erzwungen – hat den Kontinent in Bewegung gesetzt. Der NATO-Gipfel von 2025 war eine Zäsur: Fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung bis 2035. Noch wichtiger als die Zahl ist das Prinzip: Europa will strategische Selbstständigkeit nicht länger vertagen.
Gemeinsame Beschaffung, Standardisierung, Munitionsproduktion, eigene Luft- und Raketenabwehr – diese Projekte markieren den Beginn einer industriellen Rüstungspolitik, wie sie Europa seit Jahrzehnten nicht kannte. Sie bedeuten nicht Autarkie, aber den Versuch, Abhängigkeit zu managen. Hinter der technischen Fassade steht eine machtpolitische Einsicht: Ohne eigenen militärischen Unterbau wird Europa in der kommenden Weltordnung zum sicherheitspolitischen Protektorat bleiben.
Parallel dazu verschärft Brüssel den wirtschaftlichen Druck auf Moskau. 18 Sanktionspakete, jedes schärfer als das letzte. Russische Öltanker werden gejagt wie Piraten des 19. Jahrhunderts, Versicherer mit Milliardenstrafen bedroht. Der Westen mag keine Einheit in Zielen haben, aber in der Methode: Russland soll zermürbt werden – nicht durch Schlachten, sondern durch Isolation.
Doch Sanktionen schaffen keine Strategie. Sie verlängern Zeiträume, sie verändern selten Strukturen. Während Europa den ökonomischen Schraubstock anzieht, rationalisiert Russland seinen Kriegsapparat.
Zwei Gesichter Russlands
Russland ist heute eine paradoxe Macht. Die zivile Wirtschaft zerfällt, die Kriegswirtschaft funktioniert. Zinssätze von über zwanzig Prozent, Inflation zweistellig, Arbeitskräftemangel in allen Sektoren. Gleichzeitig produziert das Land mehr Drohnen, mehr Artillerie, mehr Munition als je zuvor. Die Effizienzsteigerung in der Rüstungsindustrie gleicht einem ökonomischen Notstand auf militärischem Fundament.
Das russische System trennt inzwischen zwischen einem verarmten Inland und einem überperformenden Verteidigungskomplex. Diese künstliche Trennung kann auf Dauer nicht halten, doch sie trägt den Krieg weiter. Moskau hat gelernt, billig zu töten: Drohnen aus Plastik, Decoys aus Sperrholz, ein Kriegsstil der Erschöpfung, nicht des Sieges.
Das Ergebnis ist ein Gleichgewicht der Zermürbung. Russland verliert Männer und Material, aber nicht das Momentum. Die Ukraine hält durch, doch um den Preis einer Ökonomie im Ausnahmezustand. Stromausfälle, Munitionsmangel, sinkende Luftabwehrkapazitäten – all das frisst sich in die Substanz.
Der Krieg als System
Weder Sanktionen noch Diplomatie haben den Konflikt strukturell verändert. Er ist zu einem „forever war“ geworden – ein Dauerzustand, den beide Seiten kalkulieren. Für Moskau ist das strategisch akzeptabel: Ein endloser Krieg hält die Ukraine instabil, bindet den Westen, schwächt Europa. Für Kiew ist es existenziell: Aufgeben hieße, die eigene Staatlichkeit preiszugeben.
Der Krieg nährt sich selbst. Produktion, Mobilisierung, Sanktionen, Gegenmaßnahmen – sie bilden einen geschlossenen Kreislauf. Jeder Monat verlängert den nächsten. In dieser Dynamik liegt die eigentliche Gefahr: Nicht die militärische Eskalation, sondern die Normalisierung des Ausnahmezustands.
Europas Prüfung
Die entscheidende Frage ist nicht, wann der Krieg endet, sondern wer ihn länger tragen kann. Russland setzt auf Zeit, der Westen auf Ermüdung. Europa steht zwischen beiden und entdeckt, dass strategische Verantwortung nicht delegierbar ist.
Die neue Verteidigungsdoktrin, die Aufrüstung, die wirtschaftliche Abkopplung – sie alle sind Symptome einer verspäteten Erkenntnis: Europa muss wieder lernen, Macht zu denken, nicht nur Moral.
Doch Machtdenken verlangt Zielklarheit. Will Europa Russland schwächen oder die Ukraine stabilisieren? Will es abschrecken oder befrieden? Ohne strategische Definition bleibt die militärische Aufrüstung ein Ritual der Ohnmacht.
Strategische Einsichten
Der Krieg ist kein Ausnahmezustand mehr, sondern eine Struktur. Wer ihn beenden will, muss die Struktur verändern – nicht nur das Verhalten der Akteure.
Russlands Stärke liegt in seiner Anpassung, nicht in seinem Wohlstand. Der Westen irrt, wenn er ökonomischen Kollaps mit strategischer Schwäche verwechselt.
Europa steht am Scheidepunkt zwischen Protektorat und Machtzentrum. Ob es das eine bleibt oder das andere wird, entscheidet sich nicht an den Frontlinien, sondern an der Fähigkeit, aus Reaktion Strategie zu machen.


