Der Preis der Illusionen
Wie Erdogan und Selenskyj an den Grenzen ihres Handlungsspielraums scheitern und was Europa daraus lernen muss
Wenn sich die Weltordnung verschiebt, offenbart sich der wahre Zustand eines Staates nicht auf Konferenzen, sondern an den Rändern der Kartografie – dort, wo sich geopolitische Gravitation unmittelbar zeigt.
Die doppelte Fehlkalkulation
Zwei Krisen, zwei Frontstaaten, zwei Männer im Zentrum der Macht: Recep Tayyip Erdogan in Ankara, Wolodymyr Selenskyj in Kiew. Der eine beansprucht eine Rolle als Regionalmacht zwischen Mittelmeer, Kaukasus und Nahost – und wird von den eigenen Zwängen getrieben. Der andere hatte sich als Symbol westlicher Freiheitsverteidigung inszeniert und gerät nun ins Wanken. Beiden ist gemeinsam: Ihre strategische Position verschlechtert sich, weil sie interne Stabilität überschätzen und externe Toleranz missverstehen.
In der Ukraine wie in der Türkei zeigt sich, dass Ordnung nicht durch Narrative entsteht, sondern durch strukturelle Selbstbeherrschung. Und dass Souveränität nicht nur von geopolitischer Lage, sondern auch von institutioneller Disziplin abhängt.
Erdogans doppeltes Spiel: Die Illusion der Kontrolle
Die Eskalation in Gaza nach dem 7. Oktober war für die Türkei mehr als ein regionales Schockereignis. Ankara sah sich genötigt, sein Verhältnis zu Israel neu zu justieren – unter den Augen der arabischen Staaten, aber auch der eigenen verunsicherten Wirtschaft. Erdogan, der Hamas eine politische Heimstatt in Istanbul bietet, nutzte die Krise zunächst zur symbolischen Distanzierung von Israel. Doch hinter der rhetorischen Eskalation stand eine ökonomische Realität: Der Ölexport nach Israel lief ununterbrochen weiter. Das zeigt, was das eigentliche Motiv ist: Machterhalt durch Balance.
Die Türkei kann es sich nicht leisten, eine der wenigen verbliebenen Energiekooperationen mit Israel aufzugeben. Gleichzeitig fürchtet sie den Aufstieg Aserbaidschans als israelischer Partner im Kaukasus. Erdogan weiß, dass sich die strategische Gleichung nicht mehr zu seinen Gunsten entwickelt. Die Rolle Aserbaidschans als stiller Vermittler zwischen Ankara und Tel Aviv zeigt, wie wenig man der Türkei als eigenständigem Ordnungsfaktor noch zutraut.
Hinzu kommt das Dilemma in Syrien: Israelische Präsenz, kurdische Milizen, iranische Stellvertreter, amerikanische Beobachterposten – der Spielraum der Türkei ist enger denn je. Eine militärische Eskalation würde nicht nur Israel, sondern auch die USA und Russland auf den Plan rufen. Erdogan hat die Kontrolle über das regionale Schachbrett verloren, auch wenn er vorgibt, es zu beherrschen.
Selenskyj: Der Verlust der moralischen Kreditlinie
Auch die Ukraine steht an einem Wendepunkt – aber nicht nur an der Front. Mit dem Gesetz zur Entmachtung der unabhängigen Anti-Korruptionsbehörden NABU und SAPO hat Präsident Selenskyj einen tiefen strategischen Fehler begangen. Der Versuch, Kontrolle zu zentralisieren, wurde im Westen nicht als Schutz gegen russische Infiltration, sondern als Angriff auf Rechtsstaatlichkeit interpretiert. In Brüssel wie in Washington schrillen die Alarmglocken.
Was Selenskyj übersah: Sein politisches Kapital im Westen war nie unbegrenzt. Es speiste sich aus der Vorstellung, die Ukraine sei nicht nur ein Kriegsopfer, sondern ein demokratisches Vorbild. Diese Vorstellung trug Waffenlieferungen, Finanzhilfen und diplomatische Loyalität. Mit der Aushöhlung der Anti-Korruptionsstrukturen jedoch hat er genau jene moralische Kreditlinie überschritten, auf die sich die westliche Hilfe stützte.
Hinzu kommt die innenpolitische Erosion: Große Teile der ukrainischen Bevölkerung sehen sich um ihre demokratische Mitwirkung betrogen. Die Verschiebung der Präsidentschaftswahl mag im Krieg begründbar gewesen sein – die Verhaftungen von Whistleblowern und die Einschränkung unabhängiger Ermittler sind es nicht. Dass die EU nun offen mit einem Stopp der Militärhilfe droht, markiert das Ende jener Sonderstellung, die Kiew zwei Jahre lang genossen hat. Selenskyj hat sich verkalkuliert: Die westliche Geduld ist kein Naturgesetz.
Der strategische Kern: Zwischen Machtprojektion und Machtillusion
Was verbindet Ankara und Kiew? Beide Systeme haben sich in den letzten Jahren auf die Mobilisierung externer Unterstützung verlassen, ohne die innerstaatlichen Fundamente zu konsolidieren. Erdogan projiziert Macht, wo keine strategische Tiefe mehr vorhanden ist. Selenskyj lebt von der Idee, er könne westliche Loyalität auch gegen institutionelle Defizite eintauschen. Beide setzen auf symbolische Souveränität – doch die Realität ist strukturelle Abhängigkeit.
Für Europa bedeutet das eine doppelte Lehre: Erstens, dass der Glaube an strategische Partnerschaften mit Frontstaaten ihre Grenzen hat, wenn diese Staaten sich nicht dauerhaft zur Ordnung bekennen. Zweitens, dass multipolare Realität keine moralischen Sonderzonen kennt. Wer auf Dauer Hilfe will, muss auch dauerhaft konsistente Strukturen vorweisen.
Strategische Einsichten
Symbolische Souveränität ersetzt keine strukturelle Ordnung – weder in Ankara noch in Kiew.
Westliche Partnerschaft ist kein Blankoscheck – sondern beruht auf Erwartungsmanagement und Institutionentreue.
Multipolarität erfordert strategische Selbstbeherrschung – nicht bloß taktische Rhetorik.
Europa muss lernen, seine Partner nicht nur militärisch, sondern ordnungspolitisch zu lesen. Wer Stabilität will, darf sich nicht in Narrativen beruhigen. Die neue Weltordnung wird nicht aus Freundschaft geformt, sondern aus Gleichgewicht, Disziplin und Kontrolle – auch gegenüber den eigenen Verbündeten.


