Der strategische Rückzug der USA aus dem Irak
Ein geopolitisches Vakuum mit Folgen
Die angekündigten Gespräche über den Rückzug der US-geführten Koalitionstruppen aus dem Irak markieren nicht das Ende eines Einsatzes, sondern den Beginn einer neuen Phase geopolitischer Verwerfungen im Nahen Osten. Wer diesen Schritt lediglich unter dem Aspekt der Terrorismusbekämpfung betrachtet, verkennt die tiefere Dynamik dahinter: Es geht nicht nur um die Reste des IS, sondern um die Verschiebung von Machtachsen – weg von Washington, hin zu Teheran.
Nach dem Rückzug der US-Truppen 2011 entstand ein Machtvakuum, das zwei Akteure füllten: der Islamische Staat und die von Iran gesteuerten schiitischen Milizen. Beide stehen exemplarisch für das Versagen der bisherigen westlichen Interventionspolitik. Der zweite Einmarsch 2014 unter dem Banner der Anti-IS-Koalition konnte militärische Verluste der Dschihadisten herbeiführen – nicht aber die strukturelle Schwäche des irakischen Staates beheben. Die Armee bleibt ineffizient, korrupt, und ohne westliche Aufklärung operativ blind. Ein Rückzug der US-Truppen wird diese Schwäche nicht heilen – sondern offenlegen.
Was der Westen nun als „Rückführung militärischer Präsenz“ beschreibt, ist in Wahrheit ein strategischer Rückzug aus der Region – unter dem Druck iranischer Milizen und eines politisch fragmentierten Iraks, dessen Regierung längst zwischen Washington und Teheran zerrieben wird. Premierminister Sudani mag in Washington Gesprächsbereitschaft zeigen, doch seine politische Basis – die vom Iran abhängige Schiitenkoalition – fordert die Abwicklung der US-Präsenz als Gegenleistung für ihre Loyalität. Der Irak ist de facto ein hybrider Staat mit divergierenden Machtzentren, die alle um äußere Protektion konkurrieren.
Für Europa bedeutet das: Wir dürfen die Kontrolle über die geopolitische Ordnung im Nahen Osten nicht allein den USA und Iran überlassen. Wenn sich Washington weiter zurückzieht, muss Europa in der Lage sein, strategische Interessen eigenständig zu vertreten – sei es durch diplomatische Präsenz, Geheimdienstkooperation oder notfalls auch militärische Unterstützung. Doch dazu fehlt uns die Grundlage: eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik mit klarer Machtprojektion. Der Fall Irak zeigt, wie gefährlich es ist, wenn Europa in einer multipolaren Welt zum Zuschauer degradiert wird.
Die Lage ist eindeutig: Der Rückzug der USA wird das iranische Einflussnetzwerk stärken, die irakische Staatlichkeit weiter unterminieren und langfristig die Gefahr einer Rückkehr des Dschihadismus erhöhen. Wer glaubt, Stabilität ließe sich durch Abwesenheit westlicher Kräfte erzwingen, hat aus den Fehlern der letzten zwei Jahrzehnte nichts gelernt.
Wir brauchen ein Europa, das sich nicht mehr auf fremde Schutzmächte verlässt – sondern selbst handelt. Der Nahe Osten bleibt der Brennpunkt für Machtprojektion, Energiepolitik und Ordnungssicherung. Wer hier abtritt, überlässt das Feld den Feinden der offenen Gesellschaft – und stärkt jene, die regionale Dominanz über Souveränität stellen.
Der strategische Rückzug der USA aus dem Irak ist ein Testfall für Europas Fähigkeit zur geopolitischen Selbstbehauptung. Scheitern wir auch diesmal, bleibt uns nur die Zuschauerrolle in einem Spiel, dessen Regeln andere schreiben.


