Heute vor 36 Jahren fiel in Deutschland die Mauer. Es war mehr als ein politisches Ereignis. Es war ein Wendepunkt, an dem sich die Geschichte selbst öffnete. Ich kenne die Bilder aus Erzählungen, aus Dokumentationen, aus Gesprächen mit Menschen, die damals dort standen. Für einen Moment schien alles möglich. Freiheit, Einheit, Neubeginn. Der Westen triumphierte nicht mit Gewalt, sondern durch seine Anziehungskraft. Die Idee der Freiheit war stärker als der Beton der Diktatur.
Heute, 36 Jahre später, scheint diese Zuversicht verschwunden. Die Welt ist wieder geteilt, doch diesmal verlaufen die Linien nicht mehr durch Deutschland, sondern durch Europa selbst. Zwischen Nord und Süd, Ost und West, zwischen Idealismus und Machtpolitik. Der Fall der Mauer war ein Akt der Öffnung. Doch wir haben es versäumt, aus dieser Öffnung eine Ordnung zu formen, die Bestand hat.
Ich sehe darin die eigentliche Lehre des 9. November. Freiheit ist keine Naturkraft, sie muss politisch gesichert werden. 1989 hat Europa auf die Kraft der Hoffnung vertraut, heute muss es auf die Kraft der Souveränität setzen.
Der Mauerfall war ein Sieg der Ordnung durch Attraktion. Der Osten brach zusammen, weil der Westen stärker, wohlhabender, offener war. Die Macht des Westens lag nicht in seiner Armee, sondern in seinem Versprechen. Doch seitdem hat sich die Richtung umgekehrt. Der Westen wirkt erschöpft, moralisch verunsichert, wirtschaftlich unentschlossen. Aus einer expansiven Ordnung ist eine defensive geworden.
Ich halte das für gefährlich, weil Geschichte immer dort zurückkehrt, wo sie unvollendet blieb. Die Einheit von 1989 war politisch nie vollzogen. Sie blieb ökonomisch und emotional, aber nicht strategisch. Europa hat sich erweitert, ohne sich zu einigen. Es hat Macht geteilt, ohne Verantwortung zu bündeln. Die Folge ist eine Ordnung ohne Zentrum, eine Freiheit ohne Fundament.
Heute erleben wir den Preis dieser Unvollständigkeit. Russland hat die Grenzen der Nachkriegsordnung zerschlagen, Amerika zieht sich in seine eigene Welt zurück, China definiert globale Macht neu. Europa steht zwischen den Blöcken, ohne Mauer, aber auch ohne Richtung. Der Mauerfall befreite uns, aber er entband uns auch von der Notwendigkeit, Macht zu organisieren.
Ich glaube, das ist der eigentliche Auftrag dieses Tages. Europa muss seine Souveränität wiederentdecken. Nicht um Mauern zu errichten, sondern um seine Offenheit zu schützen. Freiheit ohne Stärke ist flüchtig. Erinnerung ohne Handlung ist sentimental.
Der 9. November erinnert uns daran, dass Öffnung und Ordnung zusammengehören. Wer sich öffnet, ohne sich zu behaupten, verliert sich selbst. Wer sich behauptet, ohne sich zu öffnen, erstarrt. Die Kunst der europäischen Politik liegt darin, beides zu vereinen, die Offenheit des Geistes und die Entschlossenheit der Macht.
Ich denke, das ist die eigentliche Bedeutung dieses Tages. Der Mauerfall war kein Ende, sondern eine Einladung, die Geschichte selbst zu gestalten. Heute steht Europa wieder an einer Schwelle. Wenn es nicht lernt, Freiheit strategisch zu sichern, wird es sie verlieren, nicht durch Zwang, sondern durch Trägheit.


