Der Wille zur Ordnung
Ein Essay über Iran, China und die Rückkehr der strategischen Selbstbeherrschung
Im Zeitalter digitaler Ablenkung und moralischer Selbstvergewisserung kehrt die Weltpolitik mit unbestechlicher Härte zurück. Sie kehrt zurück nicht als Dialog, sondern als Konfrontation – nicht als Wertegemeinschaft, sondern als Kampf um Sphären, Einflusszonen und Ordnungsmodelle. Die Epoche der liberalen Illusionen, in der Konflikte durch Handel entschärft und Regime durch Diplomatie reformiert werden sollten, zerfällt vor unseren Augen. Was bleibt, ist ein globales System auf der Suche nach Balance – eine Ordnung der Kräfte, nicht der Prinzipien.
Zwei aktuelle Ereignisse führen uns diese neue Realität exemplarisch vor Augen: die Wahl eines sogenannten Reformers zum Präsidenten des Iran – und die wiederholten Provokationen chinesischer Schiffe im Südchinesischen Meer. Auf den ersten Blick liegen Welten zwischen ihnen. Doch geopolitisch betrachtet erzählen sie dieselbe Geschichte: den systematischen Bruch mit westlichen Erwartungen und die strategische Anwendung kontrollierter Macht.
I. Iran: Die Illusion des Wandels
Der Westen liebt Narrative – vor allem solche, die Wandel versprechen. Kaum war Masoud Pezeshkian zum Präsidenten der Islamischen Republik Iran gewählt, begannen in Berlin, Paris und Brüssel die diplomatischen Tastversuche. Ein moderater Reformer, ein Arzt, ein Vertreter des Versöhnlichen – das klingt nach Annäherung, nach Entspannung, nach Öffnung. Doch geopolitische Systeme sind keine Romane. Sie folgen keiner Dramaturgie der Läuterung, sondern der Logik von Kontrolle und Selbsterhalt.
Pezeshkian ist kein Gorbatschow. Er ist ein Funktionär des Systems, nicht sein Überwinder. Seine öffentliche Rhetorik dient dem Zweck der Systemkosmetik, nicht der Transformation. Wer glaubt, dass ein Präsident in Teheran die iranische Außenpolitik ändern könne, verkennt die tektonische Struktur des Regimes: Die eigentliche Macht liegt bei Ajatollah Khamenei und den Revolutionsgarden. Sie kontrollieren das Militär, die Geheimdienste, das Atomprogramm und die regionale Stellvertreterstrategie – von der Hisbollah bis zu den Huthi.
Die Wahl Pezeshkians ist kein Zeichen des Aufbruchs, sondern Ausdruck der politischen Raffinesse eines autoritären Regimes, das gelernt hat, Hoffnung zu simulieren, um Druck zu mindern. In Wahrheit setzt Teheran seine geopolitische Linie unbeirrt fort: Annäherungsrhetorik nach außen, Repression und Expansion nach innen und in der Region. Die Achse Teheran–Moskau–Peking bleibt strategisch intakt. Und wer, wie Pezeshkian, im Parlament demonstrativ die Uniform der Revolutionsgarden trägt, bekennt sich nicht zur Reform, sondern zur Kontinuität der Macht.
Für Europa folgt daraus eine klare Lehre: Strategischer Realismus muss an die Stelle westlicher Projektionen treten. Der Iran wird sich nicht durch Dialog verändern. Er muss durch Ordnungspolitik eingehegt werden. Das heißt: Abschreckung gegenüber iranischen Proxys, klare rote Linien beim Nukleardossier, strategische Kooperation mit Israel und den Golfstaaten – und kein Platz mehr für symbolische Reformphantasien.
II. China: Die Kunst des schleichenden Krieges
Während Europa im Persischen Golf seine Illusionen pflegt, schafft China im Südchinesischen Meer Fakten. Der jüngste Zwischenfall bei Second Thomas Shoal – eine gezielte Kollision eines chinesischen Küstenwacheschiffs mit einem philippinischen Versorgungsschiff – war kein Unfall. Er war Ausdruck einer neuen Form strategischer Kriegsführung: des Grauzonen-Konflikts.
China führt keinen Krieg im klassischen Sinn. Es führt einen politischen Krieg mit militärischen Mitteln – dosiert, kalkuliert, hybrid. Es geht nicht um Sieg auf dem Schlachtfeld, sondern um die schrittweise Aushebelung internationaler Normen. Rammen, blenden, blockieren – diese Taktiken bleiben stets unterhalb der Schwelle, die einen formalen Verteidigungsfall auslösen würde. Doch in der Summe verändern sie die Realität vor Ort.
Das Ziel: die Transformation von Machtverhältnissen durch permanente Präsenz. China testet, provoziert, beobachtet – und schreitet voran, solange der Widerstand ausbleibt. Die USA zögern, ASEAN ist gelähmt, und Europa schaut weg. So entsteht ein Präzedenzfall – nicht nur für Asien, sondern für die globale Ordnung selbst.
Denn Grauzonen sind keine regionale Anomalie, sondern die Blaupause für eine neue Ära strategischer Konflikte. Auch Russland, die Türkei und der Iran operieren längst in diesem Modus – in der Arktis, im Schwarzen Meer, im östlichen Mittelmeer. Der geopolitische Wettstreit ist zurückgekehrt – nicht frontal, sondern schleichend. Und wer nicht vorbereitet ist, wird überrollt, ohne es rechtzeitig zu bemerken.
Europa muss daraus eine fundamentale Konsequenz ziehen: Die Verteidigungsfähigkeit des Kontinents darf sich nicht länger auf klassische Invasionen vorbereiten. Sie muss die Logik der kalibrierten Konfrontation verstehen – und beantworten. Das heißt: Aufbau einer europäischen Armee, die auch asymmetrische Bedrohungen ernst nimmt. Entwicklung einer Sicherheitsarchitektur, die hybride Kriegsführung umfasst. Und vor allem: Der politische Wille, auch einen Riffkonflikt als Testfall staatlicher Souveränität zu begreifen.
III. Die strategische Lehre: Ordnung entsteht durch Macht und Maß
Iran und China, Pezeshkian und Second Thomas Shoal – sie stehen exemplarisch für die zwei Flanken einer neuen Weltlage: Revisionismus im Schatten des Dialogs, Expansion im Gewand der Ambiguität. Der Westen – und insbesondere Europa – steht vor einer epochalen Herausforderung: sich als eigenständiger Machtpol neu zu definieren. Nicht als moralischer Prediger, sondern als geopolitischer Akteur.
Die Zukunft wird nicht durch Werte entschieden, sondern durch Handlungsfähigkeit. Nur wer über glaubwürdige militärische Mittel, strategische Selbstdisziplin und geopolitische Nervenstärke verfügt, wird in einer multipolaren Welt bestehen. Das bedeutet für Europa: Abkehr von strategischer Naivität, Aufbau eigener Ordnungskraft, Wiederentdeckung des Prinzips der Souveränität durch Machtprojektion.
Die Vereinigten Staaten bleiben ein unverzichtbarer Partner – aber keine hinreichende Sicherheitsgarantie. Die NATO mag noch existieren, doch ihre Schutzversprechen werden durch asymmetrische Kriegsformen ausgehöhlt. Europa braucht daher nicht nur mehr Rüstung – es braucht eine neue strategische Kultur. Eine Kultur, die versteht, dass Macht nicht das Gegenteil von Ordnung ist, sondern ihre Voraussetzung.
Schluss: Die Entscheidung Europas
Wir leben in einer Übergangszeit – einer Phase, in der alte Ordnungen verfallen und neue Ordnungen noch nicht etabliert sind. In solchen Momenten entscheidet sich das Schicksal von Kontinenten. Europa kann in dieser Konstellation nicht länger Zaungast bleiben. Es muss handeln – oder sich mit seiner Marginalisierung abfinden.
Die strategische Antwort auf Iran und China ist daher nicht moralische Entrüstung, sondern politische Gestaltungskraft. Europa muss bereit sein, seine Interessen zu definieren, seine Macht zu bündeln und seine Ordnung zu verteidigen – gegen Revisionismus, Grauzonen-Taktiken und autoritäre Systeme, die Schwäche als Einladung verstehen.
Wer ein Riff nicht verteidigt, verliert sein Festland. Und wer in einem Präsidenten eine Revolution sieht, wird vom Regime getäuscht. In der neuen Weltlage gilt: Nur wer Macht, Ordnung und Maß zu verbinden weiß, wird bestehen.


