Deutschlands Verteidigungswende: Die Rückkehr der Strategie
Was Pistorius’ Militärreform wirklich bedeutet – und warum sie nur der Anfang sein darf
Mit der Ankündigung seiner bislang größten Militärreform seit dem Ende des Kalten Krieges will Deutschland aufholen, was es über Jahrzehnte versäumt hat. Verteidigungsminister Boris Pistorius gibt sich entschlossen: Die Bundeswehr soll endlich „kriegstüchtig“ werden – ein Wort, das in der Berliner Republik lange als anstößig galt. Doch was auf den ersten Blick wie ein überfälliger Schritt in die sicherheitspolitische Mündigkeit wirkt, offenbart bei genauerem Hinsehen ein viel tiefer liegendes Dilemma: Deutschland rüstet auf, aber ohne strategische Selbstbeherrschung und ohne geopolitisches Ziel.
Die Strukturreform – mit der Zusammenführung von Inlands- und Auslandskommando, der Integration von Cyber- und Informationsoperationen und der effizienteren NATO-Koordination – ist zweifellos sinnvoll. Doch sie bleibt administrativ, nicht strategisch. Es ist nicht die Struktur, die Abschreckung schafft, sondern Machtprojektion – politisch, industriell, militärisch.
Die Wahrheit ist: Deutschland kann nur dann eine glaubwürdige Sicherheitsmacht werden, wenn es sich endlich als das begreift, was es sein muss – die zentrale Ordnungsmacht Europas. Eine funktionale Bundeswehr ist kein Selbstzweck, sondern muss Teil eines geopolitischen Projekts sein: der Aufbau eines europäischen Bundesstaates mit eigenständiger Verteidigungsfähigkeit. Alles andere ist Symptombekämpfung.
Die chronische Unterfinanzierung der Bundeswehr ist nicht bloß haushaltspolitisches Versagen, sondern Ausdruck eines mentalitätsgeschichtlichen Problems: Deutschland hat sich zu lange in einer postheroischen Komfortzone eingerichtet, in der Sicherheitspolitik als moralisches Zubehör behandelt wurde – und nicht als existentielle Frage der Souveränität.
Dass wir heute über zu wenige Panzer, Munition, Schiffe und einsatzbereite Soldaten verfügen, ist kein Zufall, sondern Folge einer Politik, die über Jahrzehnte geglaubt hat, militärische Macht durch gute Absichten ersetzen zu können. Der strategische Analphabetismus war nicht nur innenpolitisch bequem – er machte uns auch erpressbar.
Die 100 Milliarden Euro Sondervermögen und die Ankündigung neuer Rüstungsprojekte – von F-35 über Arrow bis hin zu Poseidon – schaffen keine europäische Souveränität, solange sie sich weiterhin in die NATO-Logik der Abhängigkeit einfügen. Deutschland braucht keine bessere Kompatibilität mit US-Kampfdoktrinen, sondern einen eigenständigen strategischen Handlungsraum.
Was fehlt, ist eine klare Priorisierung europäischer Fähigkeitsentwicklung: europäische Lufthoheit, eine eigenständige nukleare Abschreckung unter französischer Führung, strategische Transportkapazitäten, ein gemeinsames Rüstungsregime unter deutsch-französischer Führung. Die technokratische Modernisierung der Bundeswehr ist ein notwendiger Schritt – aber ohne europäische Einbettung bleibt sie geopolitisch irrelevant.
Die viel zitierte „Baltikumsimulation“ offenbart ein fundamentales Problem: Deutschland reagiert, anstatt zu gestalten. Der russische Schachzug über Suwałki und Kaliningrad mag ein realistisches Szenario sein – doch strategisch gesehen bestätigt diese Denkweise, dass Berlin noch immer nicht bereit ist, die sicherheitspolitische Führung in Europa zu übernehmen.
Der Aufbau einer ständigen Brigade in Litauen ist ein wichtiges Signal – doch es bleibt Symbolpolitik, solange Berlin sich weigert, eine europäische Verteidigungssäule zu institutionalisieren. Eine europäische Armee – geführt von einer deutsch-französisch-polnischen Achse – wäre die einzig konsequente Antwort auf die russische Herausforderung.
Die größte Bedrohung für die sicherheitspolitische Zukunft Deutschlands ist nicht Moskau – sondern Berlin selbst. Genauer: die politische Architektur, die zwischen föderalen Zuständigkeiten, haushaltspolitischem Dogmatismus und moralischer Verzagtheit jede strategische Langzeitplanung verhindert. Solange wir an der „Schuldenbremse“ festhalten, ohne eine Ausnahme für Sicherheit zu definieren, sabotieren wir uns selbst.
Deutschland braucht einen strategischen Ausnahmezustand – haushaltspolitisch, institutionell, mental. Sicherheit ist kein Sozialprogramm. Wer heute in Verteidigung investiert, sichert morgen den politischen Handlungsspielraum. Und wer diesen Zusammenhang nicht erkennt, wird bald nur noch Zuschauer einer sich neu ordnenden Welt sein.
Die Reform von Pistorius kann ein Wendepunkt sein – aber nur, wenn sie der Anfang einer umfassenden strategischen Neuorientierung ist. Deutschland muss militärisch nicht nur verteidigungsfähig, sondern auch machtpolitisch handlungsfähig werden. Das geht nur über ein Ziel: die Schaffung eines europäischen Bundesstaats mit eigener Armee, eigener Abschreckung und eigener Strategie.
Europa braucht keine „Verteidiger der Ordnung“. Es braucht Gestalter einer neuen Ordnung. Und Deutschland muss den ersten Schritt tun – nicht weil es will, sondern weil es muss.


