Die Drohne als Spiegel
Warum die Jagdbomberdrohne mehr ist als ein Rüstungsprojekt
Ich sehe in der geplanten Jagdbomberdrohne der Luftwaffe weit mehr als ein technisches Projekt. Für mich ist sie ein Symbol. Ein Symbol dafür, dass Deutschland nach Jahrzehnten des Zögerns beginnt, den eigenen sicherheitspolitischen Ernst wiederzufinden. In einer Zeit, in der sich die geopolitischen Bruchlinien verschieben und Europa militärisch in den Schatten der anderen gerät, kann diese Drohne zu einem Wendepunkt werden. Nicht, weil sie perfekt sein wird, sondern weil sie den Versuch markiert, wieder zu handeln.
Lange war Deutschland ein Land, das sich selbst beschränkte. Wir hatten die Ingenieure, die Industrie, die Ressourcen; aber keinen politischen Willen, sie für militärische Stärke einzusetzen. Alles, was mit bewaffneten Drohnen zu tun hatte, wurde moralisch zerredet, technisch verschleppt und strategisch verpasst. Während andere längst in der Lage waren, ihre Streitkräfte autonom und präzise einzusetzen, blieb Deutschland ein Beobachter. Das war bequem, aber gefährlich. Denn wer sich der Fähigkeit zur Macht verweigert, verliert irgendwann auch die Fähigkeit zur Selbstbehauptung.
Heute sehe ich einen Bruch in dieser Haltung. Die Luftwaffe formuliert erstmals den Anspruch, eine echte Kampfdrohne zu beschaffen. Keine verlängerte Kamera, kein Aufklärungswerkzeug, sondern ein System, das tief in feindliches Territorium eindringen, Ziele eigenständig erfassen und präzise vernichten kann. Allein dieser Gedanke war in Deutschland lange undenkbar. Dass er jetzt Realität werden soll, zeigt, dass sich etwas bewegt. Es geht nicht um eine Waffe. Es geht um einen Bewusstseinswandel.
Ich halte diesen Schritt für überfällig. Seit der russischen Invasion der Ukraine ist klar, dass wir uns nicht mehr auf historische Ausreden verlassen können. Wenn Deutschland bis 2029 „kriegstüchtig“ sein will, wie es das Verteidigungsministerium formuliert, dann braucht es Fähigkeiten, die über Verteidigung hinausgehen. Eine solche Drohne ist dafür ein Prüfstein. Sie zwingt uns, nicht nur in Kategorien des Schutzes zu denken, sondern auch in Kategorien der Abschreckung und des Wirkens.
Ich bin überzeugt, dass die Beschaffung dieser Drohne nicht reibungslos verlaufen wird. Und das ist gut so. Wir dürfen in dieser Phase nicht nach Perfektion streben. Wir müssen lernen, schnell zu reagieren, Systeme einzuführen, Erfahrungen zu sammeln und sie zu verbessern, während sie bereits genutzt werden. Funktionsfähigkeit entsteht im Betrieb, nicht im Labor. Wer wartet, bis alles funktioniert, handelt nie.
Andere Nationen haben genau das verstanden. Sie entwickeln, testen, verbessern und riskieren dabei Rückschläge. So entsteht Fortschritt. Deutschland hat dagegen zu oft versucht, in der Theorie perfekt zu sein und ist in der Praxis stehen geblieben. Dieses Denken muss enden. Eine Drohne, die heute fliegt und morgen besser wird, ist wertvoller als ein Projekt, das in zehn Jahren perfekt, aber nutzlos ist.
Die Jagdbomberdrohne wird nicht nur über die Luftwaffe entscheiden, sondern über die Glaubwürdigkeit der Zeitenwende. Wenn wir zeigen, dass wir in der Lage sind, ein solches System rasch zu entwickeln, zu beschaffen und einsatzfähig zu machen, dann senden wir ein Signal. Nach innen wie nach außen. Nach innen: dass Deutschland wieder handelt. Nach außen: dass Europa militärisch ernstzunehmen ist.
Ich sehe darin auch eine europäische Dimension. Frankreich hat die Doktrin, Polen den Ernst, Italien die industrielle Erfahrung. Wenn Deutschland nun den technischen Willen hinzufügt, entsteht etwas, das mehr ist als nationale Verteidigung: eine europäische Luftmacht im Werden. Denn jede Fähigkeit, die Deutschland aufbaut, kann und muss in ein europäisches System eingebettet werden. Eine gemeinsame Luftverteidigung, eine abgestimmte Bewaffnung, eine geteilte strategische Tiefe. Die Drohne kann der Anfang einer europäischen Rüstungskultur sein, die nicht mehr fremdbestimmt ist.
Ich weiß, dass viele in Deutschland noch zögern. Sie fürchten Eskalation, sie warnen vor Militarisierung. Doch das eigentliche Risiko liegt nicht in der Aufrüstung, sondern im Stillstand. Denn wer sich nicht selbst verteidigt, wird verteidigt und verliert damit die Souveränität über sein Schicksal. Wenn wir von einer europäischen Ordnung sprechen, dann darf sie nicht nur in Verträgen bestehen, sondern in Fähigkeiten. Und diese Fähigkeiten beginnen mit Systemen, die wirken können. Die Drohne ist nicht das Ziel, sie ist ein Werkzeug. Aber sie ist ein Werkzeug, das uns zwingt, wieder Verantwortung zu übernehmen.
Natürlich bleibt vieles unklar. Welcher Hersteller wird den Zuschlag erhalten, wie autonom darf das System sein, wie wird die Luftwaffe den Einsatz doktrinär verankern? Diese Fragen sind wichtig, aber sie dürfen den Kern nicht verdecken: Entscheidend ist, dass Deutschland überhaupt handelt. Dass es bereit ist, Fehler zu riskieren, um wieder handlungsfähig zu werden. Ich erwarte nicht, dass die erste Generation dieser Drohne alles richtig macht. Ich erwarte, dass sie fliegt und dass wir daraus lernen.
In der Geschichte der deutschen Rüstung war nie der Mangel an Technik das Problem, sondern der Mangel an strategischer Zielsetzung. Wir haben gelernt, jede Entscheidung zu prüfen, jede Verantwortung zu delegieren, jeden Impuls zu relativieren. So ist aus einer Industrienation ein sicherheitspolitischer Zaungast geworden. Jetzt aber braucht Europa mehr als Beobachter. Es braucht Akteure. Und Deutschland muss einer von ihnen sein.
Ich glaube, dass die Jagdbomberdrohne genau deshalb so bedeutsam ist. Sie steht für einen Moment, in dem Deutschland sich entscheidet, nicht länger nur Geld auszugeben, sondern Macht zu entwickeln. Sie steht für das Ende des deutschen Reflexes, jeden Schritt zuerst zu rechtfertigen, bevor man ihn geht. Sie steht für die Erkenntnis, dass Souveränität nicht in Parlamentsdebatten entsteht, sondern im Willen zur Entscheidung.
Wenn wir diesen Weg gehen, dann wird die Drohne nicht nur eine Waffe sein. Sie wird ein Spiegel. Ein Spiegel für ein Land, das lernen muss, dass Macht kein moralischer Makel ist, sondern die Voraussetzung jeder Ordnung.
Am Ende geht es nicht um Technologie, nicht um Verträge und nicht um Stückzahlen. Es geht um Haltung. Die Haltung, die eigene Sicherheit nicht mehr zu delegieren, sondern zu gestalten. Deutschlands größte Waffe ist nicht die Drohne selbst. Es ist die Fähigkeit, endlich wieder zu entscheiden.


