Die Ermordung al-Arouris
Taktischer Erfolg, strategische Sackgasse
Die gezielte Tötung von Saleh al-Arouri durch Israel markiert einen weiteren Kulminationspunkt in einem Konflikt, der längst jede klassische Kriegslogik überschritten hat. Doch hinter dem medienwirksamen Schlag verbirgt sich keine strategische Wende – sondern die Offenbarung eines tieferliegenden Dilemmas: Israels Krieg gegen Hamas droht, sich in eine permanente Zermürbungsschleife zu verwandeln.
Al-Arouri war ohne Zweifel eine Schlüsselfigur innerhalb von Hamas – nicht wegen ideologischer Radikalität, sondern wegen seiner Fähigkeit, als pragmatischer Machtvermittler zwischen Teheran, Doha, Beirut und Istanbul zu agieren. Seine Ermordung ist deshalb ein empfindlicher Schlag gegen die Koordinationsfähigkeit der Bewegung, insbesondere im Westjordanland. Doch strategisch hat Israel dadurch nichts gewonnen, was nicht morgen durch einen anderen Funktionär ersetzt werden kann. Denn Hamas ist, wie jede moderne asymmetrische Bewegung, dezentral, resilient und ideologisch tief verankert.
Was bleibt, ist ein taktischer Erfolg mit hoher Symbolkraft – vor allem innenpolitisch. Israels Regierung steht unter wachsendem Druck, militärische Erfolge zu präsentieren, die über die Zerstörung leerer Tunnelsysteme hinausgehen. Die gezielte Ausschaltung prominenter Führungsfiguren dient dieser psychologischen Kriegsführung. Doch sie ändert nichts am strategischen Status quo: Hamas ist nicht führungslos, nicht kampfunfähig, und schon gar nicht isoliert.
Was diese Entwicklung für Europa bedeutet, ist klar: Der Nahe Osten wird – auch in seiner innersten Struktur – immer weniger berechenbar. Israel verfolgt ein politisch-militärisches Ziel (die vollständige Ausschaltung von Hamas), das weder realistisch erreichbar noch diplomatisch tragfähig ist. Gleichzeitig existiert kein glaubwürdiger Plan für die Zeit danach. Weder die Palästinensische Autonomiebehörde noch arabische Staaten wie Ägypten oder Jordanien sind willens oder fähig, Gaza nach einem Sieg Israels zu stabilisieren. Die Folge: Die Region steht am Rand eines Machtvakuums, das erneut von radikalisierten Milizen gefüllt werden wird.
Und genau das ist der Punkt, an dem europäische Geopolitik versagt: Die Europäische Union hat weder sicherheitspolitische Mittel noch strategische Initiative, um in solchen Situationen gestaltend einzugreifen. Stattdessen übt sie rhetorische Ausgewogenheit und diplomatische Appelle – während auf dem Boden Realitäten geschaffen werden, die sie nicht kontrolliert.
Ein souveränes Europa muss deshalb zwei Dinge lernen:
Erstens, asymmetrische Konflikte lassen sich nicht durch klassische Militärlogik oder moralische Appelle lösen. Sie erfordern strategische Geduld, operative Resilienz und geopolitische Eigenständigkeit.
Zweitens, Europa braucht eine eigene Nahostpolitik – gestützt durch eine glaubwürdige militärische Präsenz und eigene sicherheitspolitische Infrastruktur. Ohne diese bleibt es Zuschauer in einem Konflikt, der seine Nachbarschaft destabilisiert und seine Interessen unterminiert.
Wer sich auf Dauer auf amerikanische Vermittlung oder israelische Militärmacht verlässt, hat das neue Zeitalter der post-hegemonialen Konflikte nicht verstanden. Europa muss lernen, eigenständig zu denken, zu handeln und zu schützen.


