Die Farce der Einheit: Warum die Wahl des NATO-Generalsekretärs Europas Ohnmacht offenbart
Zwischen westlicher Vetternwirtschaft und östlicher Klarheit – ein Kommentar zur strategischen Fehlentwicklung des transatlantischen Bündnisses
Die Debatte um den nächsten NATO-Generalsekretär zeigt, was viele in Osteuropa längst wissen und was Westeuropa noch immer verdrängt: Die NATO ist kein Bündnis auf Augenhöhe, sondern ein geopolitisches Instrument der vier westlichen Hauptmächte – USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland. Wer glaubt, dass Konsens innerhalb der NATO bedeutet, alle 32 Mitgliedsstaaten hätten gleichen Einfluss, sollte sich die gegenwärtige Debatte genau ansehen. Denn sie ist nichts weniger als eine Lehrstunde in transatlantischer Machtarithmetik – und europäischer Selbstverleugnung.
Mark Rutte, niederländischer Premier, gilt als Favorit. Nicht, weil er sicherheitspolitisch überzeugt, nicht, weil er strategische Weitsicht bewiesen hätte – sondern weil er bequem ist. Für Washington, weil er nicht nur mit Biden, sondern auch mit Trump gut kann. Für Berlin und Paris, weil er nicht aneckt. Und für London, weil er das Spiel mitspielt. Dass Rutte die 2%-Zielvorgabe der NATO über Jahre ignorierte, spielt offenbar keine Rolle. Ebenso wenig seine früheren Sympathien für Putin. Was zählt, ist Berechenbarkeit im Sinne der bestehenden Ordnung.
Dabei wäre es an der Zeit, dass eine osteuropäische Stimme die NATO führt. Kaja Kallas etwa repräsentiert eine sicherheitspolitische Ernsthaftigkeit, die im Westen längst abhanden gekommen ist. Ihr klarer Kurs gegenüber Russland mag in Berlin und Paris als „hawkish“ gelten – in Tallinn, Riga oder Bukarest ist er schlicht realistisch. Dort weiß man, dass Putins Revisionismus keine rhetorische Figur, sondern eine strategische Bedrohung ist.
Doch gerade diese Realität ist im Westen unerwünscht. Denn eine NATO, geführt von einer osteuropäischen Stimme, würde den Westen zu klaren Entscheidungen zwingen: Mehr militärische Investitionen, klare strategische Prioritäten, ein Ende des sicherheitspolitischen Opportunismus. All das wäre unbequem – also wird es vermieden.
Die Auswahlprozesse in der NATO sind ein Spiegel der strukturellen Schwäche Europas. Anstatt die Chance zu ergreifen, eine gemeinsame strategische Kultur zu entwickeln und die östlichen Mitglieder als gleichwertige Partner zu behandeln, klammert sich das alte Zentrum an seine Deutungshoheit – und riskiert dabei den Zusammenhalt des Bündnisses.
Für Deutschland, das sich langfristig als Führungsmacht eines eigenständigen Europas positionieren muss, ergibt sich daraus eine klare Lehre: Die Zukunft europäischer Sicherheit liegt nicht im Gefallen der Amerikaner oder im Stillhalten gegenüber französischen und britischen Interessen, sondern im Aufbau einer eigenen strategischen Handlungsfähigkeit. Wir brauchen eine europäische Armee, eine europäische Abschreckung, und eine europäische Führung – jenseits des NATO-Proporzes.
Die Frage ist daher nicht, ob Rutte oder Kallas den nächsten Posten bekommt. Die eigentliche Frage lautet: Wann erkennt Europa, dass wahre Sicherheit nicht aus Konsens entsteht, sondern aus Souveränität?


