Die Imperien verblassen im Staub der Peripherie
Ein Essay über die Rückkehr der Geopolitik jenseits westlicher Kontrolle.
Frankreichs schwindender Einfluss in Afrika: Frankreichs Rückzug aus Subsahara-Afrika, markiert durch den Verlust militärischer und wirtschaftlicher Kontrolle, zeigt das Scheitern unilateraler Dominanz in einer multipolaren Welt. Neue Akteure wie China, Russland und die Türkei füllen das Vakuum, während der CFA-Franc und gescheiterte Militäroperationen wie Barkhane Ressentiments schüren.
BRICS’ zersplitterte Ambitionen: Der BRICS-Gipfel in Brasilien offenbarte interne Rivalitäten und die Unfähigkeit, eine kohärente Alternative zur westlichen Ordnung zu schaffen. Trotz wirtschaftlicher Initiativen wie der New Development Bank bleibt die Entdollarisierung ein ferner Traum, da philosophische und regionale Spannungen die Einheit untergraben.
Geopolitische Lektionen für die Zukunft: In einer multipolaren Welt überleben nur Akteure, die Macht, Ordnung und Selbstbeherrschung meistern, wie Indiens strategischer Balanceakt zeigt. Frankreichs Niedergang und BRICS’ Fragmentierung unterstreichen, dass die Kontrolle der Peripherie und strategische Einheit entscheidend für globale Stabilität sind.
Die Welt dreht sich weiter, doch ihre Achse knirscht. In den staubigen Straßen von Bamako und Niamey, wo einst französische Panzer rollten, hallen heute die Echos neuer Akteure wider – russische Söldner, chinesische Ingenieure, türkische Händler. Frankreich, einst unangefochtener Herr über weite Teile Afrikas, zieht sich zurück, während der Globale Süden in Gestalt von BRICS nach Einfluss strebt, aber an innerer Zwietracht scheitert. Die Geschichte, jener unbarmherzige Chronist, lehrt uns, dass Macht nicht durch Besitz, sondern durch Kontrolle gesichert wird. Doch Kontrolle entgleitet, wenn die Balance der Kräfte bröckelt. Dieses Essay untersucht, wie Frankreichs Einfluss in Afrika schwindet und warum der Globale Süden, trotz seines Potenzials, keine kohärente Gegenmacht zur westlichen Ordnung formen kann. Es ist eine Geschichte von strategischen Fehlern, zyklischen Machtverschiebungen und der unerbittlichen Logik der Geopolitik.
Die Weltordnung ist ein fragiles Gefüge, gewebt aus Macht, Angst und Selbsterhaltung. Staaten, keine moralischen Akteure, sondern Getriebene ihrer Interessen, ringen um Stabilität in einem System, das von Gleichgewichten lebt, nicht von Idealen. Frankreichs Verlust seiner afrikanischen Einflusssphäre und die stockenden Ambitionen des BRICS-Blocks sind Symptome eines größeren Wandels: der Übergang zu einer multipolaren Welt, in der keine Macht dauerhaft dominieren kann. Dieser Wandel ist kein Bruch, sondern ein Zyklus, wie ihn die Geschichte immer wieder zeigt – von Rom über das britische Empire bis zu den Supermächten des 20. Jahrhunderts. Wer die Vergangenheit ignoriert, verliert die Zukunft.
Frankreichs Rückzug aus Afrika ist kein plötzliches Ereignis, sondern das Ergebnis eines schleichenden Erosionsprozesses, der seine Wurzeln in der Dekolonisation hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Winde des Wandels durch die Kolonialreiche wehten, sah sich Frankreich gezwungen, seinen afrikanischen Besitz aufzugeben. Doch Paris war nicht bereit, seinen Einfluss preiszugeben. Die Einrichtung der sogenannten „Afrikanischen Zelle“ in den 1960er Jahren war ein Meisterwerk pragmatischer Machtpolitik. Diese halbgeheime Einheit im Élysée-Palast, besetzt mit Geheimdienstlern, Diplomaten und Wirtschaftskapitänen, operierte jenseits parlamentarischer Kontrolle und wob ein Netz aus Loyalitäten, das Frankreichs Interessen in Subsahara-Afrika sicherte. Von Waffendeals bis zu gezielten Staatsstreichen, wie in Togo 1963, sorgte die Afrikanische Zelle dafür, dass pro-französische Regimes an der Macht blieben, Rohstoffe flossen und Militärbasen bestehen blieben. Während des Kalten Krieges war Frankreich die unangefochtene Fremdmacht in West- und Zentralafrika, ein Hegemon, der seine Interessen mit chirurgischer Präzision durchsetzte.
Doch Macht ist vergänglich, wenn sie nicht an neue Realitäten angepasst wird. Mit dem Ende des Kalten Krieges schwand die Dringlichkeit der Afrikanischen Zelle, ihre Finanzierung wurde gekürzt, ihre Strukturen geschwächt. Die Netzwerke, die sie geschaffen hatte, überlebten zwar, doch sie konnten nicht mit der finanziellen und politischen Feuerkraft konkurrieren, die neue Akteure wie China, Russland und die Türkei in die Region pumpten. Die Währungsarchitektur des CFA-Franc, ein weiterer Pfeiler französischer Dominanz, wurde zum Symbol dieser Erosion. Der CFA-Franc, der die Währungen von 14 afrikanischen Ländern an den Euro bindet, war einst ein genialer Schachzug. Er garantierte stabile Wechselkurse, erleichterte westliche Investitionen und sicherte Frankreichs wirtschaftlichen Einfluss, indem 50 Prozent der Devisenreserven dieser Länder in Paris hinterlegt werden mussten. Doch was einst als wirtschaftlicher Stabilisator gefeiert wurde, wird heute als Fessel empfunden. Länder wie Mali, Burkina Faso und Niger, deren Regierungen durch pro-russische Putsche an die Macht kamen, fordern Reformen oder den Ausstieg aus dem CFA-System. Die Unfähigkeit, eigene Geldpolitik zu betreiben, hemmt ihre wirtschaftliche Diversifizierung und nährt Ressentiments gegen Frankreich. Der CFA-Franc, einst ein Werkzeug der Kontrolle, wird zum Katalysator des französischen Niedergangs.
Die militärische Präsenz, lange das Rückgrat französischer Macht, hat diesen Verlust beschleunigt. Zwischen 1960 und 1995 intervenierte Frankreich über 60 Mal in Subsahara-Afrika, um pro-pariser Regimes vor Rebellen zu schützen. Diese Einsätze, oft gegen jihadistische Gruppen gerichtet, waren ein wirksames Abschreckungsmittel. Doch die Operation Barkhane, die 2013 begann, markierte einen Wendepunkt. Die Intervention in Mali, um al-Qaida-Gruppen zurückzudrängen, war zunächst ein Erfolg: Französische Truppen eroberten Städte zurück und drängten die Aufständischen in die Wüste. Doch der Schein trog. Die Jihadisten bauten ihre Netzwerke in Mali, Niger, Burkina Faso und Tschad aus, zwangen Frankreich zu einer kostspieligen Ausweitung der Operation. Mit jährlichen Kosten von über einer Milliarde Euro und einem hohen zivilen Tribut verlor Frankreich die Unterstützung der lokalen Bevölkerung. Die Putsche in Mali (2020–2021), Burkina Faso (2022) und Niger (2023), alle von Russland unterstützt, machten die französische Ohnmacht deutlich. Russische Söldnergruppen wie Wagner füllten das militärische und wirtschaftliche Vakuum, während Frankreich seine Truppen und Diplomaten zurückziehen musste. Der Verlust des Zugangs zu Nigers Uranminen und die feindliche Umgebung für französische Unternehmen sind die greifbaren Folgen dieses strategischen Rückschlags.
Frankreichs Niedergang ist kein isolierter Fall, sondern ein Spiegelbild der zyklischen Natur geopolitischer Macht. Geschichte lehrt, dass Großmächte, die ihre Peripherie nicht kontrollieren, ihr Zentrum verlieren. Afrika war Frankreichs Peripherie, ein Raum, der seine globale Stellung stützte. Doch die Kontrolle über diese Peripherie entglitt, weil Frankreich die Tugenden strategischen Überlebens – Macht, Ordnung, Selbstbeherrschung – nicht ausbalancierte. Anstatt sich an die multipolare Realität anzupassen, klammerte sich Paris an ein überholtes Modell unilateraler Dominanz. Die Konsequenz ist ein Kontinent, der sich neuen Mächten zuwendet, die besser mit den Interessen und Ressentiments lokaler Eliten resonieren.
Parallel zu Frankreichs Rückzug ringt der Globale Süden, verkörpert durch den BRICS-Block, um eine kohärente Rolle in einer Welt, die sich dem Diktat einer einzigen Macht entzieht. Der jüngste BRICS-Gipfel in Brasilien sollte die Einheit dieses Bündnisses demonstrieren, ein Leuchtfeuer des Globalen Südens gegen die westliche Ordnung. Doch statt eines orchestrierten Auftritts erklang ein dissonantes Crescendo, ein Orchester ohne Dirigent. BRICS, einst ein Zusammenschluss von China, Russland, Indien und Brasilien, erweiterte sich um Südafrika, Ägypten, Iran, Äthiopien, die Vereinigten Arabischen Emirate und jüngst Indonesien. Doch die Aufnahme neuer Mitglieder hat nicht die erhoffte Stärke gebracht, sondern die Fugen des Bündnisses weiter gesprengt. Die Geschichte lehrt, dass Allianzen, die auf Ressentiments statt Interessenkongruenz bauen, brüchig bleiben. Der Globale Süden, so mächtig sein Potenzial, ist ein Mosaik zersplitterter Ambitionen, unfähig, die westliche Ordnung zu ersetzen.
Die inneren Spannungen von BRICS sind ein Spiegel der multipolaren Welt, in der keine Macht uneingeschränkt herrscht. China, der strukturelle Herausforderer der USA, sieht in BRICS ein Vehikel, um die westliche Ordnung zu zerschlagen. Indien, der entscheidende Ausgleichsakteur, verfolgt einen anderen Kurs: Es will die globale Ordnung ergänzen, nicht zerstören. Diese philosophische Kluft, gewurzelt in jahrzehntelangen Grenzkonflikten und rivalisierenden Visionen für den Globalen Süden, spaltet BRICS in zwei Lager. Chinas Abwesenheit vom jüngsten Gipfel – Präsident Xi Jinping ließ sich erstmals vertreten – war kein Zufall, sondern ein Signal: Peking toleriert keine brasilianischen oder indischen Ambitionen, die seine Vorherrschaft im Block bedrohen. Brasilien, das den Gipfel als Bühne für seine regionale Führungsrolle nutzen wollte, fand sich in einer peinlichen Lage wieder, als nur wenige Staatschefs erschienen. Der 31-seitige Abschlusskommuniqué, das Ergebnis monatelanger Verhandlungen, war ein Dokument der Vermeidung: Vage Formulierungen zu Konflikten wie der Ukraine oder dem Nahen Osten zeigten, dass BRICS nicht als geschlossene Kraft agieren kann. Die Einheit des Globalen Südens ist ein Trugbild, solange Interessen auseinanderdriften.
Afrika, das Schlachtfeld von Frankreichs Niedergang, ist auch ein Schauplatz der BRICS-Rivalitäten. Südafrika strebt einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat an, doch Ägypten und Äthiopien, beide neue Mitglieder, lehnen dies ab. Sie sehen sich selbst als legitime Vertreter des Kontinents. Der Konflikt um Äthiopiens Staudamm am Nil, der Ägyptens Wasserversorgung bedroht, hat diese Spannung verschärft. Beide Länder betreiben intensive Lobbyarbeit, um andere BRICS-Mitglieder auf ihre Seite zu ziehen, und verwandeln den Block in eine Arena regionaler Machtkämpfe. Russland, eine absteigende, aber störende Macht, nutzt diese Spaltungen, um seinen Einfluss zu maximieren. Durch die Unterstützung von Putschen in Mali, Burkina Faso und Niger hat Moskau gezeigt, dass Destabilisierung ein wirksames Werkzeug ist, um westliche Akteure wie Frankreich zu verdrängen. Doch Russlands Einfluss bleibt begrenzt: Es kann Chaos säen, aber keine dauerhafte Ordnung schaffen. Die Peripherie, wie Afrika zeigt, ist der Schlüssel zur Kontrolle des Zentrums, doch BRICS-Mitglieder konkurrieren um diese Peripherie, anstatt sie gemeinsam zu gestalten.
Wirtschaftlich zeigt BRICS Ansätze von Eigenständigkeit, doch die Ergebnisse sind bescheiden. Die Multilateral Guarantees Initiative (MGI) ist ein innovativer Schritt: Sie bietet finanzielle Absicherung für Investitionen in risikoreichen Regionen innerhalb des Blocks. So könnte ein indisches Unternehmen, das eine Solaranlage in Äthiopien baut, durch MGI gegen politische Instabilität oder Zahlungsausfälle abgesichert werden. Dies fördert Direktinvestitionen und reduziert die Abhängigkeit von westlichen Finanzinstitutionen. Die New Development Bank (NDB), das Flaggschiff wirtschaftlicher Kooperation, hat seit ihrer Gründung 25 Milliarden Dollar an Krediten vergeben, etwa für eine Eisenbahnstrecke in Brasilien oder ein Wasserkraftwerk in Südafrika. Doch diese Summen verblassen im Vergleich zu den Leistungen der Weltbank, die in einem einzigen Quartal mehr Kredite vergibt. Die NDB ist ein Symbol des Potenzials, aber auch der Grenzen von BRICS: Ohne eine gemeinsame strategische Vision bleibt sie ein Werkzeug begrenzter Reichweite.
Die Entdollarisierung, ein vielbeschworenes Ziel, bleibt ein ferner Traum. BRICS Pay, ein grenzüberschreitendes Zahlungssystem, wird auf Nichtmitglieder ausgeweitet, doch der Großteil der Entdollarisierung ist Notwehr, kein strategischer Schachzug. Russland und Iran, von westlichen Sanktionen stranguliert, wickeln 95 Prozent ihres Handels in lokalen Währungen ab. Dies ist kein Zeichen von Stärke, sondern von Zwang. Dennoch nährt jede neue Sanktion den Anreiz, den US-Dollar zu umgehen. Die Drohung von US-Präsident Trump mit Zöllen gegen BRICS-Länder zeigt, dass Washington diese Entwicklung nicht unterschätzt. Ironischerweise stärken solche Drohungen die Argumente für Entdollarisierung, da sie die Länder des Globalen Südens in ihrem Streben nach Autonomie bestärken. Doch eine umfassende Entdollarisierung ist illusorisch: Der Dollar bleibt die Lebensader des globalen Handels, und BRICS fehlt die kohärente Macht, eine Alternative zu etablieren.
Indien, als potenzieller Ausgleichsakteur, steht im Zentrum dieser Dynamik. Mit seiner wirtschaftlichen Dynamik, seiner demografischen Stärke und seiner strategischen Position im Indopazifik ist Indien mehr als ein BRICS-Mitglied – es ist ein Akteur, der die globale Ordnung prägen könnte. Im Gegensatz zu Chinas Konfrontationskurs pflegt Neu-Delhi Partnerschaften wie die Quad-Allianz mit den USA, Japan und Australien, um Chinas Einfluss im Indopazifik einzudämmen. Gleichzeitig stärkt Indien seine Präsenz in Afrika durch Investitionen in Technologie und Bildung, etwa durch die Ausbildung afrikanischer Fachkräfte in Bangalore. Diese Zurückhaltung und Flexibilität machen Indien zu einem zivilisatorischen Akteur, der kulturelle Kohärenz mit geopolitischer Selbstbeherrschung verbindet. Doch Indiens Ambitionen sind nicht ohne Risiken: Seine Rivalität mit China droht, BRICS weiter zu spalten, und seine westlichen Partnerschaften könnten es von den anti-westlichen Fraktionen im Block entfremden. In einer tripolaren Welt wird Indiens strategische Ausrichtung entscheidend sein, doch sie bleibt ein Balanceakt auf Messers Schneide.
Die Schwäche von BRICS liegt in einem fundamentalen Missverständnis: Gemeinsame Ressentiments gegen die westliche Ordnung reichen nicht, um eine kohärente Gegenmacht zu formen. Wie das Konzert Europas im 19. Jahrhundert, das durch Rivalitäten zwischen Großmächten zerfiel, ist BRICS ein Bündnis, das durch interne Konkurrenz gelähmt wird. Ohne strategische Einheit bleibt es ein Parallel-System, das westliche Strukturen ergänzt, aber nicht ersetzt. Die Peripherie – sei es Afrika oder Südostasien – ist der Schauplatz, an dem sich die Zukunft entscheidet, doch BRICS-Mitglieder kämpfen um dieselben Einflusszonen, anstatt sie gemeinsam zu kontrollieren. In einer multipolaren Welt, in der Machtbalancen über Stabilität entscheiden, ist BRICS ein Mahnmal: Ohne die Tugenden von Macht, Ordnung und Selbstbeherrschung bleibt jede Allianz ein Schatten ihrer Ambitionen.
Die Lektion aus Frankreichs Niedergang und der Zersplitterung von BRICS ist klar: In einer multipolaren Welt überleben nur diejenigen, die Macht, Ordnung und Selbstbeherrschung meistern. Frankreich scheiterte, weil es die Kontrolle über seine Peripherie verlor und sich nicht an die multipolare Realität anpasste. BRICS scheitert, weil es keine strategische Einheit findet und seine Mitglieder in Rivalitäten gefangen sind. Die Zukunft gehört zivilisatorischen Großmächten – Akteuren, die kulturelle Kohärenz, politische Geschlossenheit und militärische Handlungsfähigkeit vereinen. Indien, als potenzieller Ausgleichsakteur, könnte diese Rolle einnehmen, doch seine Ambitionen sind noch unklar. Europa, fragmentiert und abhängig, muss seine strategische Autonomie finden, oder es wird in der kommenden chaotischen Ordnung untergehen.
Geopolitische Stabilität entsteht nicht durch Ideale, sondern durch Gleichgewichte. Die Welt von morgen wird von denen gestaltet, die die Peripherie kontrollieren, Zurückhaltung üben und ihre Interessen mit kalter Präzision verfolgen. Frankreichs Rückzug und BRICS’ Zersplitterung sind Mahnungen: Ohne strategische Selbstbeherrschung und die Fähigkeit, Machtbalancen zu formen, wird jede Ordnung zerbrechen. Die Geschichte, unbestechlich wie immer, wartet auf diejenigen, die ihre Lektionen lernen.


