Die Lektion von Afghanistan
Warum Europa seine Nachbarschaften nicht verlieren darf
Ausgangspunkt
Ich verfolge seit Monaten, wie Pakistan und die Taliban sich gegenseitig bekämpfen. Zwei Akteure, die einst Verbündete waren. Islamabad war lange der wichtigste Unterstützer der Taliban. Jetzt greifen sie sich über die Grenze hinweg an. Was als strategisches Bündnis begann, endete in Feindschaft. Pakistan wollte Einfluss, bekam Instabilität. Es wollte Kontrolle, bekam Chaos.
Die Taliban, die Pakistan über Jahre mit Geld und Waffen gestärkt hatte, handeln heute souverän. Sie öffnen sich Indien, sie weisen pakistanische Forderungen zurück. Aus Loyalität wurde Unabhängigkeit, aus Partnerschaft Rivalität. Das zeigt, wie schnell ein Machtinstrument zu einer Bedrohung werden kann. Und es zeigt, dass Kontrolle keine Stabilität schafft. Wer seine Nachbarschaft als Werkzeug behandelt, verliert sie. Diese Lektion gilt weit über Süd- und Zentralasien hinaus. Sie betrifft auch uns Europäer.
Analyse
Pakistans Politik gegenüber Afghanistan beruhte auf einem alten strategischen Gedanken. Das Land liegt eingeengt zwischen Indien im Osten und Afghanistan im Westen. In einem möglichen Krieg sollte Afghanistan als Rückzugsraum dienen. Ein befreundetes Kabul bedeutete Sicherheit, ein feindliches Gefahr.
Deshalb unterstützte Pakistan in den neunziger Jahren die Taliban. Man glaubte, sie würden für Islamabad handeln. Geld, Ausbildung, Waffen, religiöse Legitimation, all das floss über Jahre. Als die Taliban 1996 an die Macht kamen, fühlte sich Pakistan bestätigt. Doch es hatte einen Verbündeten geschaffen, der seine eigene Agenda entwickelte.
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde das Verhältnis komplizierter. Pakistan half offiziell den Vereinigten Staaten im Kampf gegen den Terror, unterstützte aber heimlich weiterhin die Taliban. Es wollte Einfluss behalten, während sich die Weltordnung neu formierte. Diese Doppelstrategie schien erfolgreich, bis die Taliban 2021 zurückkehrten. Doch sie kehrten nicht als Verbündete zurück, sondern als Herren im eigenen Haus.
Die neue Regierung in Kabul wies pakistanische Forderungen ab, schützte radikale Gruppen, die in Pakistan Anschläge verübten, und öffnete sich diplomatisch Indien. Islamabad verlor Kontrolle über die Grenze und mit ihr den Kern seiner Sicherheitsstrategie. Die Idee der strategischen Tiefe war Geschichte.
Während Pakistan seine Position verlor, nutzten andere Mächte das entstehende Vakuum. China sorgte sich um die Sicherheit seiner großen Infrastrukturprojekte. Indien nutzte die Chance, um seinen Einfluss zu vergrößern. Iran versuchte, Wasser und Energie als Druckmittel zu verwenden. Russland und die Vereinigten Staaten zogen ihre eigenen Linien. Das Ergebnis war ein Durcheinander konkurrierender Interessen.
Pakistan hatte auf Kontrolle gesetzt und Einfluss verloren. Es wollte Stabilität schaffen, doch seine Politik der Stellvertretung führte zu neuen Konflikten. Die Lehre ist eindeutig: Macht, die man nur verleiht, zerfällt. Einfluss ersetzt keine Ordnung. Loyalität kann man nicht erzwingen, wenn der andere eigene Interessen verfolgt.
Lehre für Europa
Ich sehe in dieser Entwicklung ein warnendes Beispiel für Europa. Auch wir erleben, dass unsere Ränder brüchig werden. Der Balkan bleibt fragil, Nordafrika ist instabil, der Kaukasus wird wieder zum Konfliktraum. Europa beobachtet, reagiert, verhandelt, aber es gestaltet nicht.
Pakistan hat Afghanistan verloren, weil es Einfluss mit Stabilität verwechselte. Europa droht denselben Fehler zu wiederholen. Wir behandeln unsere Nachbarschaften oft wie Pufferzonen, nicht wie strategische Räume. Doch Sicherheit entsteht nicht durch Distanz, sondern durch Präsenz.
Wenn wir nicht handeln, füllen andere das Vakuum. Russland nutzt militärische Macht, China wirtschaftliche Abhängigkeit, islamistische Gruppen soziale Verzweiflung. Wo Europa fehlt, entsteht Unordnung.
Darum müssen wir die Lektion verstehen. Europa braucht keine Stellvertreterpolitik, sondern eine Politik der Einbindung. Wir müssen wirtschaftliche Entwicklung, militärische Sicherheit und politische Stabilität gemeinsam denken. Wir müssen wieder Akteur werden, nicht Beobachter.
Deutschland spielt dabei die entscheidende Rolle. Unsere wirtschaftliche Stärke verpflichtet uns, Verantwortung zu übernehmen. Nicht um zu dominieren, sondern um Ordnung zu schaffen. Das bedeutet, unsere Außenpolitik auf strategische Stabilität auszurichten. Es bedeutet, an den Rändern Europas präsent zu sein, militärisch, diplomatisch und wirtschaftlich. Es bedeutet, Nachbarschaften zu vernetzen, bevor andere sie aufbrechen.
Europa muss lernen, was Pakistan verlor. Stabilität braucht Nähe, Geduld und Machtbewusstsein. Sie entsteht nicht durch Appelle, sondern durch Handlungsfähigkeit.
Schlussgedanke
Pakistan verlor Afghanistan, weil es Kontrolle für Stärke hielt. Europa steht heute an einem ähnlichen Punkt. Wenn wir unsere Nachbarschaften nur verwalten, werden andere sie gestalten. Wer die Ränder aufgibt, verliert die Mitte.


