Die Logik des Geldes
Wie China seine finanzielle Unabhängigkeit erzwingt und warum Europa den Euro zur Machtfrage machen muss
Ausgangspunkt
Während Europa über Zinsen und Haushaltsregeln debattiert, führt China längst einen anderen Kampf. In Peking geht es nicht um Inflation oder Wachstum, sondern um Souveränität. Die chinesische Führung betrachtet Geld nicht als ökonomisches, sondern als strategisches Instrument. Die Kontrolle über die eigene Währung ist für sie ein Akt der nationalen Selbstbehauptung. Der Westen spricht über Märkte, China spricht über Macht.
Die meisten europäischen Politiker sehen in der Währungspolitik eine technische Angelegenheit. Für Peking ist sie Teil der Außenpolitik. Der Renminbi ist kein Symbol, sondern ein Werkzeug. Er schützt die eigene Wirtschaft, erweitert den politischen Handlungsspielraum und macht China unabhängiger von fremden Finanzstrukturen. Hinter dieser nüchternen Logik steckt ein Prinzip, das Europa lange vergessen hat: Wer sein Geld nicht kontrolliert, kontrolliert seine Zukunft nicht.
Analyse
Chinas Währungsstrategie folgt einem klaren Ziel: Stabilität nach innen, Unabhängigkeit nach außen. Der Kurs des Yuan wird nicht dem freien Markt überlassen. Die Volksbank Chinas legt jeden Morgen einen Referenzwert fest und erlaubt nur minimale Schwankungen. Greift der Markt zu stark ein, antwortet der Staat. Über ein Netzwerk staatseigener Banken wird die Währung gestützt oder gedämpft.
Dieses System mag unorthodox erscheinen, doch es sichert Pekings Kontrolle über Kapitalflüsse. Seit der missglückten Abwertung im Jahr 2015, als Milliarden das Land verließen, hat China eine Lehre gezogen: Währungspolitik ist Machtpolitik. Wer die Geldströme beherrscht, beherrscht die Märkte. Wer sie öffnet, ohne sie zu sichern, wird von ihnen beherrscht.
Chinas Stärke ruht auf einem riesigen finanziellen Polster. Mit Devisenreserven von mehr als drei Billionen Dollar verfügt das Land über eine Versicherung, von der selbst Industriestaaten nur träumen. Diese Reserven sind kein Zeichen von Überfluss, sondern von strategischer Vorsicht. Sie ermöglichen Eingriffe, wenn Panik aufkommt, und garantieren dem Regime politische Stabilität.
Zugleich diversifiziert Peking seine Sicherheit. Der massive Ausbau der Goldreserven und der schrittweise Rückzug aus US-Staatsanleihen zeigen eine klare Tendenz: China will nicht mehr, dass sein Schicksal in westlichen Tresoren liegt. Nach dem Einfrieren russischer Guthaben im Jahr 2022 wurde jedem Strategen in Peking klar, dass finanzielle Abhängigkeit politische Ohnmacht bedeutet.
Parallel dazu baut China ein eigenes globales Zahlungssystem auf. CIPS, das Cross-Border Interbank Payment System, ist mehr als ein technisches Netzwerk. Es ist der Versuch, einen eigenen Korridor im Weltfinanzsystem zu schaffen. Noch ist CIPS auf SWIFT angewiesen, doch die Richtung ist eindeutig. Jeder neue Teilnehmer, jedes Land, das seine Handelsgeschäfte über CIPS abwickelt, wird Teil eines alternativen Ordnungsmodells.
Darüber hinaus hat China in den vergangenen Jahren ein Netz bilateraler Währungsabkommen geknüpft. Mehr als dreißig Zentralbanken können heute Yuan direkt bei der chinesischen Notenbank leihen. Damit schafft Peking nicht nur Vertrauen, sondern Abhängigkeit. Wenn Länder wie Pakistan in Zahlungsschwierigkeiten geraten, ist nicht Washington der Retter, sondern Peking.
Die logische Folge ist eine neue Form der stillen Einflussnahme. Durch Währungsswaplinien, Clearingbanken und die zunehmende Nutzung des Yuan im Rohstoffhandel entsteht ein finanzieller Gürtel um China. Besonders sichtbar ist das im Handel mit Russland und im Energiesektor des Nahen Ostens. Immer mehr Verträge werden in Yuan abgeschlossen. Der Dollar verliert zwar nicht seine Dominanz, aber seine Exklusivität.
Dennoch bleibt die chinesische Strategie ein Paradox. Die Regierung will internationale Bedeutung, aber keine völlige Öffnung. Kapitalverkehrskontrollen bleiben bestehen, weil sie politische Stabilität garantieren. Der Yuan wird weltweit verwendet, aber kaum als Wertreserve gehalten. China will einflussreich sein, ohne verletzlich zu werden. Diese Mischung aus Pragmatismus und Kontrolle ist der Kern seines Erfolges.
Anleitung für Europa und Deutschland
Europa kann aus dieser Strategie lernen, ohne sie zu kopieren. Chinas Ziel ist Unabhängigkeit. Europas Ziel muss Souveränität sein. Beides verlangt dieselbe Einsicht: Geld ist Macht.
Solange der Euro in einem von den Vereinigten Staaten dominierten Finanzsystem existiert, bleibt Europa politisch eingeschränkt. Die amerikanische Kontrolle über Zahlungsströme, über das Dollar-Clearing und über Sanktionen bedeutet, dass europäische Politik in entscheidenden Momenten nicht frei handeln kann. Wer Sanktionen gegen Russland beschließt, sollte das aus Überzeugung tun, nicht, weil Washington es technisch erzwingen kann.
Die Lehre aus Chinas Beispiel lautet daher: Europa muss die Finanzarchitektur des Kontinents strategisch denken. Dazu gehören eigene Zahlungssysteme, eigene Reservepolitik und eine institutionelle Bündelung von Kapitalmacht. Die Europäische Zentralbank darf nicht nur Hüterin der Preisstabilität sein, sondern Instrument einer gemeinsamen politischen Handlungsfähigkeit.
Deutschland spielt in diesem Prozess eine doppelte Rolle. Als ökonomisches Zentrum Europas muss es die industrielle Stärke sichern, die dem Euro Rückhalt gibt. Und es muss politisch dafür sorgen, dass der Euro nicht bloß eine Währung, sondern eine Waffe der Stabilität wird.
Europa braucht eine Finanzpolitik, die auf Selbstbehauptung zielt. Dazu gehört die Schaffung einer europäischen Kapitalunion, die Investitionen im Binnenraum hält, statt sie in den Dollarraum abfließen zu lassen. Es bedeutet auch, dass Europa eigene Mechanismen für Notfinanzierungen, Kriseninterventionen und Währungsabkommen mit Partnern im globalen Süden entwickeln muss. Nur so kann es ein Gegengewicht zur Dollarhegemonie bilden.
Die europäische Idee war nie nur wirtschaftlich. Sie war immer politisch. Wenn der Kontinent jetzt lernt, den Euro nicht als Haushaltsinstrument, sondern als Machtmittel zu begreifen, kann er seine Abhängigkeit verringern, ohne sich zu isolieren. Europa muss nicht gegen Amerika handeln, aber endlich für sich selbst.
Schlussgedanke
China hat verstanden, dass Kontrolle über Kapitalflüsse die Grundlage nationaler Macht ist. Europa muss dieselbe Lektion lernen, bevor es zu spät ist. Souveränität entsteht nicht durch Werte, sondern durch Kontrolle über Kapitalflüsse. Wer das Geld beherrscht, bestimmt die Ordnung.
Europa steht vor der Wahl: Ordnung aus eigener Kraft oder Chaos im Schatten anderer.


