Die Rückkehr der Macht: BRICS, Nahost und Europas strategische Stunde
Ein Essay über geopolitische Realität und die Notwendigkeit europäischer Selbstermächtigung
Der Essay analysiert den BRICS-Gipfel 2024 in Kazan und Israels gezielten Luftschlag gegen den Iran als Symptome einer globalen Machtverschiebung: Weg von westlicher Hegemonie, hin zu einer multipolaren Ordnung, in der Interessen und strategische Selbstbehauptung zentrale Leitprinzipien sind. Während der globale Süden zunehmend autonom agiert und selbst regionale Akteure wie Israel Macht mit Präzision demonstrieren, bleibt Europa ein machtloser Beobachter. Der Text fordert als Konsequenz die politische und militärische Selbstermächtigung Europas in Form eines europäischen Bundesstaats – mit nuklearer Abschreckung, strategischer Souveränität und geopolitischer Handlungsfähigkeit. Andernfalls droht Europas irrelevante Marginalisierung im neuen Zeitalter der Macht.
I. Der Schatten von Jalta
Seit dem Ende des Kalten Krieges lebte der Westen – vor allem Europa – in einer geopolitischen Illusion. Die liberale Weltordnung, geboren aus den Trümmern zweier Weltkriege und konsolidiert durch amerikanische Dominanz, erschien vielen nicht als historisches Arrangement, sondern als Zivilisationshöhepunkt. Globalisierung, Institutionen, Normen – all das wurde als unumkehrbarer Fortschritt missverstanden. Doch wie alle Ordnungen, die sich auf eine hegemoniale Macht stützen, war auch diese vergänglich.
Was sich nun im Jahr 2024 auf den Gipfeln von Kazan, in den Ruinen Gazas und in den Schaltzentralen des Nahen Ostens abzeichnet, ist die Rückkehr der Geschichte. Die Rückkehr der Macht. Nicht als bloßes Mittel der Gewalt, sondern als Strukturprinzip internationaler Ordnung. Wer heute von einer regelbasierten Welt spricht, ohne über die Fähigkeit zur Durchsetzung dieser Regeln zu verfügen, betreibt Selbsttäuschung – oder Täuschung anderer.
Der Westen, und insbesondere Europa, steht vor einem Scheideweg, der historisch an die Phase der Dekolonisation erinnert: Einstige Machtzentren werden zu Kommentatoren, während neue Akteure das Spielfeld definieren. Der Unterschied zu damals: Europa hätte die Möglichkeit zur Reorganisation – doch es fehlt an strategischem Willen.
II. Kazan 2024: Das neue Gravitationszentrum
Der BRICS-Gipfel in Kazan war weniger ein diplomatisches Großereignis als ein geopolitisches Menetekel. Er war ein Symbol für die tektonische Verschiebung der globalen Ordnung – weg von westlicher Hegemonie, hin zu einer multipolaren Weltarchitektur. Dass 36 Staaten, darunter Schwergewichte wie Saudi-Arabien, Ägypten, Äthiopien oder Indonesien, einem von Russland organisierten Forum beiwohnen, während europäische Hauptstädte weiterhin die Mär von Moskaus Isolation verkünden, offenbart die strategische Entkopplung des globalen Südens vom Westen.
Der entscheidende Punkt dabei ist nicht die institutionelle Kohärenz der BRICS, sondern ihre Attraktivität als Gegenentwurf. Staaten, die in der westlich dominierten Ordnung keine gleichberechtigte Mitsprache finden, wenden sich einer neuen Formel zu: Souveränität vor Systemexport, Machtbalance statt Wertegemeinschaft.
Die Türkei, einst transatlantisches Bindeglied, agiert heute als Prototyp strategischer Mehrdimensionalität: NATO-Mitglied, BRICS-Partner, Vermittler in Nahost. Was im Westen als Widerspruch erscheint, ist in Wahrheit Ausdruck geopolitischer Anpassungsfähigkeit. Die neue Weltordnung kennt keine Loyalitäten mehr – nur Interessen.
III. Israel, Iran und die neue Logik der Eskalation
Während in Kazan über Ordnung debattiert wurde, wurde sie im Nahen Osten durchgesetzt – mit chirurgischer Präzision. Israels gezielter Luftschlag auf iranisches Territorium war mehr als ein Akt der Vergeltung: Er war Ausdruck eines neuen strategischen Paradigmas. In einer Welt, in der offene Großkonflikte unbeherrschbar geworden sind, ersetzt das Prinzip der punktuellen Machtdemonstration die klassische Kriegslogik. Abschreckung ohne Entgrenzung – das ist die Maxime einer Macht, die weiß, dass sie nur durch strategische Selbstbeherrschung überleben kann.
Doch auch dieses Gleichgewicht ist instabil. Der Iran, innerlich zerrissen zwischen ideologischen Hardlinern und pragmatischen Technokraten, muss auf diese Demütigung reagieren – wenn nicht frontal, dann durch Stellvertreter. Die Schattenkriege über Syrien, den Libanon oder Jemen sind längst mehr als regionale Auseinandersetzungen: Sie sind Symptome eines globalen Machtkampfs, der auf allen Ebenen geführt wird – militärisch, ökonomisch, technologisch.
Und Europa? Beobachtet, verurteilt, appelliert – aber gestaltet nicht. Es fehlt nicht an Einsicht, sondern an Instrumenten. Wer keine Macht hat, kann auch keine Ordnung sichern. Wer keine strategischen Fähigkeiten entwickelt, bleibt Objekt fremder Interessen.
IV. Die strukturelle Schwäche Europas
Die geopolitischen Erschütterungen der letzten Jahre – vom US-Rückzug aus Afghanistan bis zum Ukrainekrieg, von chinesischer Rohstoffpolitik bis zur Nahosteskalation – haben eines offenbart: Europa ist kein strategischer Akteur, sondern ein geopolitischer Raum mit wirtschaftlicher Substanz, aber ohne politische Kohärenz.
Die transatlantische Partnerschaft, lange Zeit Garant westlicher Sicherheit, hat sich in ein asymmetrisches Abhängigkeitsverhältnis verwandelt. Die NATO – de facto unter amerikanischer Führung – ist nicht das Instrument europäischer Selbstverteidigung, sondern Ausdruck europäischer Ohnmacht. Eine EU, die außenpolitisch nur einstimmig handeln kann, wird niemals zur Macht – sondern bleibt Verwalterin.
Die Antwort darauf kann nicht in neuen Gremien liegen, sondern nur in einer strukturellen Neugründung: Ein europäischer Bundesstaat, getragen von einer klaren machtpolitischen Mission, ausgestattet mit gemeinsamer Außenpolitik, eigenständiger Verteidigung und nuklearer Abschreckungsfähigkeit.
V. Die strategische Stunde Europas
Die Welt der kommenden Dekade wird nicht von Normen, sondern von Knotenpunkten der Macht definiert. Washington, Peking, Neu-Delhi, Moskau, Ankara, Teheran – sie alle verfügen über klare Interessen, strategische Kapazitäten und geopolitische Zielbilder. Europa hingegen ist ein Kontinent des Konjunktivs: Es könnte – wenn es wollte.
Doch die Zeit des Wollens ist vorbei. Wer bestehen will, muss handeln. Das bedeutet:
Politische Union: Nicht als idealistische Vision, sondern als strategischer Imperativ. Nur ein zentralisierter europäischer Machtkern – unter Einschluss von Deutschland, Frankreich, Italien und Polen – kann globale Wirkung entfalten.
Militärische Souveränität: Aufbau einer europäischen Armee mit nuklearer Teilhabe und eigenem Kommandozentrum. Die französische Force de frappe muss europäisiert, nicht nationalisiert werden.
Geopolitische Initiative: Europa muss nicht Vermittler sein, sondern Akteur. In der Ukraine, im Mittelmeer, im Nahen Osten – nicht als Appendix der USA, sondern als eigene Ordnungsmacht.
Indien als Partner: Als Gegengewicht zu China, als Brücke zum Globalen Süden, als Pfeiler einer multipolaren Stabilitätsordnung.
VI. Schlussfolgerung: Macht oder Marginalisierung
Die Geschichte kennt keine Pausen. Sie belohnt jene, die sich anpassen – und bestraft jene, die zögern. Der BRICS-Gipfel in Kazan und die Eskalation zwischen Israel und Iran sind keine isolierten Episoden, sondern Ausdruck einer neuen Weltlogik: Souveränität ersetzt Universalismus, Macht ersetzt Moral.
Europa muss sich entscheiden. Entweder es bleibt Zuschauer einer Ordnung, die andere gestalten – oder es wird selbst zum Gestalter. Nicht durch große Worte, sondern durch strategische Institutionen. Nicht durch Appelle, sondern durch Abschreckung. Nicht durch Träume, sondern durch Macht.
Denn in der kommenden Ordnung wird nicht überlebt, wer recht hat – sondern wer bereit ist, seine Interessen durchzusetzen. Europas Stunde ist gekommen. Ob es sie nutzt, entscheidet über sein Schicksal im 21. Jahrhundert.


