Die Rückkehr des Staates zur Verteidigung
Wehrpflicht ist kein Rückschritt, sondern eine Antwort auf die Anforderungen einer neuen Zeit.
Gestern gingen in vielen Städten Menschen auf die Straße, um gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht zu protestieren. Und ich sage: Es ist gut, dass sie es tun. Proteste sind kein Zeichen eines schwachen Landes. Sie zeigen, dass die Demokratie lebt, dass Bürger ihre Stimme erheben, dass ein Gemeinwesen noch spürt, wie sehr es vom Engagement seiner Menschen abhängt. Doch mitten in diesem lebendigen Lärm braucht es einen Moment der Einordnung. Denn jede Gesellschaft gründet nicht nur auf Rechten, sondern auch auf Pflichten. Und eine Generation, die ohne Krieg aufgewachsen ist, hat viel, wofür sie dankbar sein kann. Sie musste nicht live oder im TV erleben, wie Flugzeuge in Hochhäuser krachen. Sie musste nicht live oder im TV sehen, wie Menschen aus Verzweiflung in den Tod springen. Diese Erfahrung blieb ihr erspart. Und wir gönnen es ihr.
Doch genau daraus erwächst auch Verantwortung. Frieden entsteht nicht, weil wir ihn wünschen. Er bleibt bestehen, weil wir ihn schützen. Die Wehrpflicht ist kein Kriegsdienst. So wenig, wie die Existenz einer Polizei Verbrechen hervorbringt, so wenig erzeugt eine Verteidigungsstruktur den Krieg, den sie verhindern soll. Staaten schaffen solche Institutionen nicht aus Lust am Militärischen, sondern weil sie wissen, dass Sicherheit nicht aus Hoffnung entsteht, sondern aus Vorbereitung.
Die Wiedereinführung der Wehrpflicht ist in diesem Sinne kein isoliertes deutsches Ereignis, sondern Teil eines größeren europäischen Musters. Überall auf dem Kontinent erkennen Staaten, dass die Geschichte zurückgekehrt ist. Dass Machtpolitik wieder die Sprache der Welt bestimmt. Und dass Zeiten heranbrechen, in denen man nicht nur reagieren, sondern vorausschauend handeln muss. Europa hat lange geglaubt, seine Sicherheit delegieren zu können: an die NATO, an die Vereinigten Staaten, an eine internationale Ordnung, die dauerhaft stabil bleibt. Doch die geopolitische Realität hat sich verschoben. Amerika richtet seinen strategischen Fokus zunehmend auf den Indopazifik, Russland hat seine Kriegsökonomie verstetigt, die NATO ist nicht mehr jene unerschütterliche Sicherheitsgarantie früherer Jahrzehnte. Europa versteht: Wer seine Zukunft gestalten will, darf seine Sicherheit nicht anderen überlassen.
In diesem Kontext ist die Wehrpflicht kein nostalgischer Rückgriff, sondern eine notwendige Modernisierung. Sie schafft Durchhaltefähigkeit, sie erweitert die personelle Basis, sie bindet die Gesellschaft stärker ein. Und sie sendet ein Signal, das in der Sprache der internationalen Politik weit mehr zählt als die moralische Aufladung, die ihr im Inland entgegengebracht wird. Ein Staat, der bereit ist, Verteidigungsfähigkeit zu teilen, wirkt stabil. Ein Staat, der seine Bürger befähigt, Verantwortung zu tragen, wirkt verlässlich. Ein Staat, der seine Sicherheit ernst nimmt, wirkt glaubwürdig.
Die Proteste von gestern sind Ausdruck einer friedlichen, selbstbewussten Generation. Einer Generation, die gelernt hat, Konflikte durch Worte zu lösen, nicht durch Waffen. Und das ist ein Geschenk. Aber politisches Handeln darf sich nicht allein nach Stimmungen richten. Es muss sich nach der Lage richten. Und die Lage verlangt von Europa, sich neu aufzustellen. Nicht aus Leidenschaft. Sondern aus Notwendigkeit.
Am Ende markiert die Rückkehr der Wehrpflicht keine dramatische Zeitenwende, sondern eine stille Korrektur. Ein Land besinnt sich auf etwas, das es lange für selbstverständlich hielt: Sicherheit. Und die Verantwortung, die zu ihr gehört. Wer gestern demonstrierte, tat es aus Überzeugung. Wer die Wehrpflicht beschließt, tut es aus Pflicht. Beide Seiten gehören zu einer reifen Demokratie. Doch nur eine dieser Perspektiven beantwortet die Frage, wie wir Frieden bewahren. Frieden ist kein Zustand, der sich selbst erhält. Frieden ist ein Auftrag. Und er verlangt etwas von uns allen.


