Die Schatten der Ordnung
Ein Essay über Stellvertreter, asymmetrische Macht und Europas strategische Selbstverleugnung
Als sich im 19. Jahrhundert das Zeitalter des Imperialismus über die Welt legte, waren es nicht die Ideale der Aufklärung, die die Ordnung bestimmten, sondern die Schiffe, Kanonen und Kartenräume der europäischen Mächte. Wer Einfluss wollte, musste präsent sein – militärisch, wirtschaftlich, diplomatisch. Wer es nicht war, wurde zum Objekt fremder Strategien.
Heute, in der Post-Hegemonialen Welt des 21. Jahrhunderts, kehren die Grundgesetze der Geopolitik in enthemmter Form zurück: Bündnisse entstehen nicht aus Freundschaft, sondern aus Notwendigkeit. Einfluss wird nicht durch Normen gesichert, sondern durch Resilienz, Präsenz und Gewaltfähigkeit. Europa jedoch hat sich – in einer Phase strategischer Amnesie – aus genau jenen Räumen zurückgezogen, in denen nun andere Mächte das Vakuum füllen.
Afrika, der Nahe Osten, der Globale Süden: Sie sind keine Peripherien. Sie sind die neuen Schlachtfelder im Kampf um Ordnungsmacht. Und Europa steht, trotz aller ökonomischen Potenz, sicherheitspolitisch nackt vor der Geschichte.
I. Afrika: Das unterschätzte Schlachtfeld der globalen Systemkonfrontation
Was sich zwischen Mali, Niger und der Ukraine in den letzten Monaten abgespielt hat, ist kein diplomatischer Betriebsunfall – es ist ein Symptom. Afrika ist heute mehr denn je geopolitischer Resonanzraum des globalen Systemkonflikts zwischen dem Westen und den revisionistischen Mächten Russland, China und Iran.
Kiews Versuch, durch Getreidelieferungen, symbolische Diplomatie und inoffizielle Operationen afrikanische Unterstützung im UN-System zu gewinnen, war strategisch durchschaubar – und ist gescheitert. Besonders folgenschwer war die mutmaßliche Zusammenarbeit ukrainischer Akteure mit separatistischen und dschihadistischen Kräften im Sahel. Sie mag aus taktischem Kalkül erfolgt sein – sie war jedoch geopolitisch fatal.
Russland hingegen agiert in Afrika mit Geduld und Systematik. Die Präsenz der Wagner-Söldner ist nur die sichtbare Spitze eines tiefer liegenden strategischen Netzes aus Militärkooperationen, Sicherheitsgarantien und politischer Patronage. Für viele afrikanische Regime ist Moskau kein moralischer Anker, sondern ein verlässlicher Machtgarant – frei von westlicher Besserwisserei und konditionalisierter Entwicklungshilfe.
Das Ergebnis ist deutlich: Die Ukraine erscheint in Afrika nicht als souveräner Akteur, sondern als westlicher Statthalter. Russland hingegen wird als alternatives Zentrum strategischer Autonomie wahrgenommen. Europa schaut zu – handlungsunfähig, abgelenkt, innerlich gespalten.
II. Hisbollah: Die asymmetrische Ordnungsmacht Teherans
Während Afrika zum geopolitischen Minenfeld für westliche Narrative wird, offenbart der Nahe Osten eine andere, nicht minder gefährliche Dynamik: Die militärische Evolution nichtstaatlicher Akteure.
Hisbollah ist kein gewöhnlicher Milizenverband. Sie ist eine hybride Struktur aus Geheimdienst, Militär und politischer Apparatur – strategisch eingebettet in Teherans regionale Hegemoniearchitektur. Ihre Stärke liegt nicht nur im Arsenal, sondern in der Fähigkeit zur operativen Disziplin und strukturellen Kohärenz.
Israel begegnet dieser Bedrohung mit technologischer Härte und strategischer Abschreckung. Europa hingegen bleibt Beobachter – unfähig, eine kohärente Nahostpolitik zu formulieren, geschweige denn umzusetzen. Die strategische Bedeutung Libanons, Syriens oder der Levante für die Sicherheitsarchitektur Europas wird bestenfalls rhetorisch anerkannt, praktisch aber ignoriert.
Dabei demonstriert Hisbollah eine Lektion, die Europa dringend lernen müsste: Macht entsteht nicht aus politischer Legitimation, sondern aus der Fähigkeit, Ordnung herzustellen – oder sie zu zerstören. Teheran hat verstanden, dass Stellvertreterarmeen in der neuen Weltordnung jene Rolle spielen, die einst die Garnisonen der Imperien innehatten.
Wer strategische Tiefe sucht, braucht nicht nur Staaten, sondern Instrumente. Europa hat keine.
III. Der Zerfall westlicher Einflussmodelle: Ukraine als Symptom
Im Versuch, gegen Russland auf globaler Ebene zu punkten, hat sich die Ukraine zu einem Akteur gemacht, der zunehmend aus seiner Rolle fällt. Die Eskalationen auf russischem Boden, die riskanten Operationen in Afrika, die Entgrenzung strategischer Kommunikation – all dies zeigt: Kiew kämpft nicht nur gegen Russland, sondern gegen die eigene geopolitische Isolierung.
Doch dieser Kampf ist asymmetrisch – und zum Scheitern verurteilt, wenn ihm keine substantielle Ordnungsmacht zur Seite steht. Die USA, zunehmend innenpolitisch paralysiert und strategisch desillusioniert, ziehen sich perspektivisch zurück. Europa, unfähig zur Machtprojektion, füllt das entstehende Vakuum nicht.
Die Ukraine wird nicht wegen ihrer eigenen Fehler scheitern – sondern wegen des strukturellen Machtverlusts des Westens. Ihre Politik in Afrika ist der verzweifelte Versuch, eine multipolare Weltordnung mit den Mitteln einer unipolaren Ära zu beeinflussen. Russland, China und Iran hingegen agieren bereits im neuen Paradigma.
IV. Was folgt daraus? Europas Rückkehr zur strategischen Realität
Europa muss aufwachen. Nicht aus moralischer Empörung – sondern aus strategischer Notwendigkeit.
Erstens: Die geopolitische Lücke im globalen Süden darf nicht autoritären Mächten überlassen werden. Europa braucht eine eigenständige Afrikapolitik – gestützt auf militärische Präsenz, wirtschaftliche Partnerschaften und strategische Geduld. Kein Wertekatalog ersetzt die Fähigkeit zur Sicherheitsgarantie.
Zweitens: Der Aufbau einer europäischen Ordnungsmacht ist alternativlos. Das bedeutet: politische Einigung zum Bundesstaat, Aufbau einer europäischen Armee, Europäisierung der nuklearen Abschreckung und technologische Autarkie in Verteidigungsfragen.
Drittens: Europa muss lernen, asymmetrisch zu denken. Bedrohungen wie Hisbollah oder Wagner sind keine Randphänomene, sondern systemische Akteure. Die Sicherheitsarchitektur Europas muss fähig sein, hybride Konflikte zu erkennen, zu verstehen und zu dominieren.
Viertens: Eine strategische Allianz mit Indien ist zentral. Als nicht-westliche Ordnungsmacht bietet Indien die Möglichkeit, globale Balance jenseits westlicher Dominanz zu sichern – pragmatisch, souverän, multipolar.
Fünftens: Deutschland muss Führung übernehmen – nicht als moralischer Moderator, sondern als strategischer Architekt eines souveränen Europas.
Schluss: Ordnung entsteht durch Macht – oder gar nicht
Die neue Weltordnung wird nicht auf Konferenzen verhandelt. Sie entsteht in den Schattenräumen asymmetrischer Konflikte, in Stellvertreterkriegen, in strategischen Zweckbündnissen.
Russland, Iran, China – sie haben ihre Ordnung bereits entworfen. Europa hingegen diskutiert noch über ihre Ethik.
Die Illusion, dass Frieden durch Dialog entsteht, wurde in Afrika zerschlagen. Die Hoffnung, dass Werte schützen, wurde in der Ukraine pulverisiert. Die Realität ist härter – und sie verlangt Antworten.
Europa muss Macht nicht wollen – es muss sie ausüben.
Sonst wird es zur Provinz einer Welt, die es einst gestaltet hat.


