Die schleichende Offensive: Iran und der neue Wettlauf um Afrika
Teherans Strategie in Afrika ist Teil eines größeren Spiels um geopolitische Machtprojektion, Ressourcen und Systemkonflikte – Europa muss jetzt handeln, bevor der Kontinent endgültig zum geopolitisch
Die Entwicklungen im Sahel, insbesondere der Rauswurf amerikanischer Truppen aus Niger, markieren mehr als nur das Scheitern westlicher Stabilisierungspolitik – sie sind ein deutliches Signal für den Beginn einer neuen Phase geopolitischer Rivalität auf dem afrikanischen Kontinent. Inmitten dieser tektonischen Verschiebung erhebt sich Iran als neuer, aber nicht unerfahrener Akteur, der strategisch auf eine Expansion seiner Machtprojektion hinarbeitet. Afrikas Ressourcen, politische Instabilität und die Schwäche westlicher Präsenz bieten hierfür das perfekte Operationsfeld.
Seit der Islamischen Revolution 1979 verfolgt Teheran das Ziel, westliche Einflusszonen zu unterminieren. Was in den ersten Jahrzehnten ideologisch motiviert war, ist heute pragmatisch und machtstrategisch – iranische Milizen, Infrastrukturdeals, Ausbildungspakete und Rohstoffhandel sind Mittel zur Sicherung von Zugriff auf Uran und politischer Gefolgschaft. Die neue Allianz mit Russland beschleunigt diese Dynamik. Während Moskau seine Wagner-Kontingente an die Ostfront verlegt, füllt Teheran die Lücken – nicht aus Loyalität, sondern zur geopolitischen Flankensicherung der eigenen Interessen.
Die Schwäche westlicher Politik – militärisch wie diplomatisch – ermöglicht es autoritären Mächten, politische Ordnungsräume in Afrika zu besetzen. Russland, Iran, aber auch die Türkei und China setzen auf Deals statt auf Deklarationen. Sie bieten Sicherheit, Getreide, Waffen – und erwarten im Gegenzug Zugang zu strategischen Rohstoffen, politische Kooperation und Einfluss auf multilateralen Bühnen. Iran mag wirtschaftlich limitiert sein, aber geopolitisch agiert es mit zunehmender Professionalität. Und während westliche Akteure noch über Konditionalitäten und Demokratisierung debattieren, schaffen die neuen Mächte Fakten – durch Militärberater, Handelsmissionen und gezielte Destabilisierung westlich orientierter Regierungen.
Für Europa ergibt sich daraus eine dreifache strategische Herausforderung:
Sicherheitspolitisch: Der Verlust des Sahel an russisch-iranische Interessen bedeutet eine direkte Bedrohung europäischer Peripherie. Die Vorstellung, Terrorismus, Migration und Destabilisierung seien durch “Kooperation mit Partnern vor Ort” einzuhegen, ist endgültig gescheitert. Wir benötigen eine eigenständige militärische Präsenz und Interventionsfähigkeit in der Region – ohne Rückgriff auf US-Kapazitäten.
Geopolitisch: Iran nutzt Afrika zur Umgehung westlicher Sanktionen und zur langfristigen Absicherung seines Atomprogramms. Wer Uranpolitik in Afrika ignoriert, wird morgen bei der nuklearen Aufrüstung in Teheran überrascht sein. Auch China, die Türkei und Marokko betreiben systematisch Machtpolitik auf dem Kontinent – Europa hingegen fehlt eine strategische Afrika-Agenda jenseits von Entwicklungshilfe.
Ordnungspolitisch: Der afrikanische Kontinent wird zum Labor einer neuen multipolaren Weltordnung, in der Regeln durch Macht ersetzt werden. Teheran nutzt Religion, Infrastruktur und asymmetrische Kriegführung, um Einfluss zu sichern – und schafft damit langfristig einen Ordnungsraum, der europäische Normen unterminiert.
Die Konsequenz ist klar: Europa muss strategisch denken – und endlich wie eine Macht handeln. Eine eigenständige Afrika-Strategie braucht militärische Fähigkeiten, wirtschaftliche Hebel und politische Klarheit. Wer dem Iran den Kontinent überlässt, darf sich nicht wundern, wenn Afrika in Zukunft nicht nur Rohstoffe exportiert – sondern auch Systemkonflikte zurück nach Europa trägt.
In der Welt von morgen zählt nicht mehr, wer recht hat – sondern wer handelt. Europa muss sich entscheiden, ob es Beobachter eines neuen Großspiels bleibt oder selbst zum Spieler wird. Die Zeit des Zauderns ist vorbei. Der Iran handelt längst.


