Die Stunde der Entscheidung
Ein Essay über Macht, Ordnung und die Notwendigkeit einer europäischen Souveränität in einer multipolaren Welt
Geschichte kennt keine Gnade mit jenen, die ihre Epoche verschlafen. Als 476 n. Chr. das Weströmische Reich unterging, geschah dies nicht aus Mangel an Kultur oder Recht – sondern aus Mangel an Macht. Die germanischen Truppen, die einst im Dienst Roms standen, wandten sich gegen ihren Auftraggeber. Das Imperium, innerlich gespalten, äußerlich geschwächt, zerfiel unter dem Druck jener Kräfte, die es selbst einst instrumentalisierte.
Auch heute steht Europa an einem Wendepunkt. Die geopolitische Ordnung, die nach 1945 unter amerikanischer Vorherrschaft entstand, löst sich auf. Die vermeintliche „regelbasierte Weltordnung“ wird von einer realen Welt der Macht ersetzt. Während die USA sich in eine neue Phase innenpolitischer Instabilität hineinbewegen, China global expandiert und Russland trotz Schwäche zur Störungskraft bleibt, ist Europa – strategisch betrachtet – ein Fragment. Es hat wirtschaftliches Gewicht, aber keine strategische Gravitation. Es besitzt moralische Ambitionen, aber keine militärische Durchsetzungskraft. Kurz: Es existiert, aber es handelt nicht.
Die nun von Ursula von der Leyen angekündigte „Europäische Verteidigungsunion“ ist Ausdruck dieser Ambivalenz. Sie soll Stärke suggerieren, ohne Macht zu zentralisieren. Sie verspricht Souveränität, ohne Kontrolle abzugeben. Sie ist ein Versuch, Sicherheit zu simulieren – in einer Welt, die längst wieder durch reale Interessen, nicht durch idealistische Floskeln geprägt ist.
Doch die Zeit für Simulationen ist vorbei.
I. Macht entsteht nicht durch Koordination, sondern durch Entscheidung
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat Europas strategische Blöße offengelegt. Ohne amerikanische Waffen, Geheimdienste und politische Rückendeckung wäre Kiew längst gefallen. Diese Abhängigkeit ist kein Betriebsunfall, sondern Ergebnis jahrzehntelanger sicherheitspolitischer Fremdbestimmung. Die NATO, einst als Verteidigungsgemeinschaft Europas konzipiert, dient heute primär der geopolitischen Projektion amerikanischer Interessen – und Europa hat sich mit der Rolle des Juniorpartners abgefunden.
Die nun propagierte „Verteidigungsunion“ der EU ist ein Versuch, dieser Realität etwas Eigenständigkeit entgegenzusetzen. Doch sie bleibt in alten Mustern gefangen. Keine gemeinsame Kommandostruktur, keine europäische Nuklearstrategie, keine zentrale strategische Planung. Was bleibt, ist eine bessere Rüstungskoordinierung, einige Subventionen für die Rüstungsindustrie und eine Vielzahl wohlmeinender Papiere. Das aber ist kein Machtzuwachs, sondern Verwaltungsrealismus.
Clausewitz lehrte, dass der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei. Doch wer keine einheitliche Politik hat, kann auch keinen einheitlichen Krieg führen. Macht entsteht nicht durch industrielle Konsortien, sondern durch strategische Führung. Wer die Kontrolle über die Einsatzdoktrin und das Gewaltmonopol nicht vergemeinschaftet, bleibt ein Bündel nationaler Absichten – aber keine Großmacht.
II. Eine Welt im Umbruch: Die multipolare Realität des 21. Jahrhunderts
Die globale Ordnung formiert sich neu. Der Westen, getragen vom Mythos universeller Normen, verliert an Überzeugungskraft. Die USA bleiben zwar militärisch dominant, agieren aber zunehmend eigennützig und erratisch. China hat seine strategische Geduld abgelegt und tritt offensiv auf – in Asien, Afrika, Europa und im Cyberspace. Russland ist geschwächt, aber als nukleare und psychologische Störmacht präsent. Und Indien, oft übersehen, tritt als strategischer Akteur aus dem Schatten.
Gerade Neu-Delhi demonstriert, wie souveräne Außenpolitik heute aussieht. Modis Besuch in Moskau, ausgerechnet während des NATO-Gipfels, war kein Affront, sondern ein Signal: Indien agiert autonom. Es umarmt Russland nicht aus Freundschaft, sondern um dessen Abhängigkeit von China zu schwächen – im Dienst der eigenen Interessen. Gleichzeitig bleibt Indien im Westen wirtschaftlich, technologisch und sicherheitspolitisch eingebunden. Es spielt auf mehreren Klavieren – und zwingt damit selbst die Großmächte in eine multipolare Balance.
Der Westen täte gut daran, diesen machtpolitischen Pragmatismus zu verstehen. Indien folgt keiner Werteagenda, sondern betreibt Interessenpolitik mit geopolitischem Feingefühl. Für Europa liegt hier eine Lektion: Wer strategisch überleben will, muss nicht folgen, sondern balancieren. Nicht moralisieren, sondern gestalten.
III. Europa zwischen Fragment und Föderation
Die Antwort auf diese Weltlage kann nicht ein Mehr an Verwaltung, sondern nur ein Weniger an Zersplitterung sein. Ein verteidigungspolitisch zersplittertes Europa ist strategisch wehrlos – ganz gleich, wie viele Milliarden in Rüstungsfonds fließen. Wenn Europa mehr sein will als ein geopolitischer Markt, muss es ein Akteur werden – mit Stimme, Macht und Ziel.
Das bedeutet: Der Aufbau eines europäischen Bundesstaats mit einer einheitlichen Außen- und Sicherheitspolitik, mit einer europäischen Armee unter gemeinsamer Führung, mit einer europäischen Nuklearstrategie – notfalls unter Nutzung des französischen Arsenals. Diese Armee muss fähig sein, nicht nur zu verteidigen, sondern auch zu projizieren: Macht in den Nahen Osten, ins Mittelmeer, in die Sahelzone – überall dort, wo Europas Interessen heute existenziell bedroht sind.
Ein solcher Bundesstaat ist kein utopischer Traum, sondern eine historische Notwendigkeit. Frankreich bringt militärische Schlagkraft und nukleare Abschreckung ein. Deutschland liefert wirtschaftliche Stärke und logistische Tiefe. Polen sichert die Ostflanke, Italien den Mittelmeerraum. Diese vier sind der strategische Kern einer europäischen Großmacht neuen Typs.
IV. Übergangsstrategie: Deutschlands Rolle auf dem Weg zur Souveränität Europas
Bis zur Realisierung eines europäischen Bundesstaats bleibt Deutschland das Rückgrat jeder ernstzunehmenden europäischen Sicherheitsarchitektur. Berlin muss weg vom Modus des Moderierens – hin zum Modus des Führens. Das bedeutet:
massive Investitionen in Verteidigung, Luftabwehr, Cybersicherheit und militärische Mobilität,
Vertiefung bilateraler und trilateraler Kooperationen – v.a. mit Frankreich, Polen und Italien,
europäische Einbindung der französischen Atomwaffen zu einer gemeinsamen Abschreckung,
Aufbau eigener europäischer Kommandostrukturen parallel zur NATO,
Entwicklung einer strategischen Partnerschaft mit Indien, auf Augenhöhe und frei von moralischer Belehrung.
Diese Agenda ist kein Bruch mit der NATO, sondern deren europäische Ergänzung. Der transatlantische Schulterschluss bleibt wertvoll – aber nicht alternativlos. Europa muss in der Lage sein, auch ohne Washington zu handeln. Nur dann ist Zusammenarbeit tatsächlich eine Entscheidung – und keine Abhängigkeit.
Schluss: Macht, Ordnung, Selbstbeherrschung – die drei Säulen europäischer Zukunft
In einer Welt, die wieder von Machtpolitik bestimmt wird, ist technokratische Sicherheitsarchitektur ein Luxus, den sich nur jene leisten können, die in imperialen Schutzstrukturen leben. Europa gehört nicht mehr dazu. Die Pax Americana bröckelt, die Weltordnung driftet in eine neue Form des Gleichgewichts – eine multipolare Konstellation aus Interessen, Allianzen und Konkurrenz.
Wer in dieser Welt bestehen will, braucht drei Dinge: Macht, um zu schützen; Ordnung, um zu stabilisieren; und Selbstbeherrschung, um nicht in Hybris oder Fragmentierung zu verfallen.
Die „Verteidigungsunion“ der Kommission ist ein Schritt – aber kein Sprung. Europas Zukunft hängt nicht an neuen Fördertöpfen, sondern an politischer Willensbildung, an strategischer Führung, an der Bereitschaft, Verantwortung nicht zu delegieren, sondern zu tragen.
Ein europäischer Bundesstaat ist kein utopisches Fernziel, sondern das geopolitische Minimum für Souveränität. Die Stunde der Entscheidung ist gekommen. Wer jetzt zögert, wird verwaltet. Wer handelt, könnte Geschichte schreiben.


