Die Tomahawk Gleichung
Warum Amerika zögert und was das für Europa bedeutet
Vor einigen Tagen war Wolodymyr Selenskyj wieder in Washington. Ich habe seine dritte Reise in diesem Jahr aufmerksam verfolgt. Er wollte, was ihm bisher verweigert wurde: amerikanische Tomahawk Marschflugkörper. Mit ihnen könnte die Ukraine tief in russisches Gebiet vordringen und dort treffen, wo es weh tut, bei Energieanlagen, Nachschublinien und Rüstungsfabriken.
Auf den ersten Blick scheint das logisch. Wenn Russland seine Truppen aus der Distanz versorgt, dann muss man diese Distanz durchbrechen können. Doch Washington zögert. Dieses Zögern ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck strategischer Berechnung. Hinter der Frage nach ein paar Raketen steht eine viel größere: Wie weit ist Amerika bereit zu gehen in einem Krieg, der nicht seiner ist.
Die Rakete als Symbol
Die Tomahawk ist für mich ein Symbol amerikanischer Machtprojektion. Seit den achtziger Jahren begleitet sie fast jeden militärischen Einsatz der Vereinigten Staaten. Sie fliegt über tausend Kilometer weit, trifft präzise und zuverlässig. Sie ist kein technisches Wunderwerk, aber sie funktioniert. Genau das macht sie wertvoll.
Aber es gibt nicht unendlich viele davon. Von rund neuntausend produzierten Raketen sind nur etwa tausend modern und einsatzbereit. Viele davon sind bereits für den Pazifik vorgesehen, für Taiwan, für den Moment, in dem China entscheidet, Ernst zu machen.
Darum stellt sich für Amerika nicht nur die Frage, ob die Ukraine profitieren würde, sondern auch, ob man sich selbst schwächt, wenn man eigene Reserven angreift.
Ein Präsident zwischen zwei Fronten
Donald Trump steht vor einem klassischen Dilemma. Er will Russland zu Verhandlungen drängen, aber er will seine militärischen Karten nicht vorzeitig ausspielen, bevor er sie in Asien braucht. Eine Lieferung von Tomahawks wäre daher nicht nur ein Signal an Moskau, sondern auch an Peking.
Putin hat deutlich gemacht, dass er eine solche Lieferung als Eskalation betrachten würde. Und in Washington weiß man, was als Unterstützung für Kiew gedacht ist, kann rasch in eine globale Konfrontation führen.
Trumps Berater sind gespalten. Die einen glauben, dass Russland verhandeln muss, sobald die Ukraine Ziele tief im Hinterland treffen kann. Die anderen warnen, dass jeder Tomahawk, der in der Ukraine landet, in einem möglichen Konflikt mit China fehlt.
Ich sehe darin das strategische Dilemma einer Supermacht, die an zwei Fronten denken muss und beginnt, Prioritäten zu setzen.
Warum das Europa betrifft
Für mich liegt die eigentliche Botschaft dieser Debatte in ihrem Subtext. Wenn selbst Amerika beginnt abzuwägen, dann zeigt das, Macht ist endlich, und auch eine Weltmacht muss wählen. Zwischen Europa und Asien. Zwischen Russland und China.
Das amerikanische Zögern ist kein Zeichen von Gleichgültigkeit, sondern von Realismus. Der Fokus verschiebt sich nach Osten. Für die Ukraine bedeutet das weniger Waffen und weniger Aufmerksamkeit. Für Europa bedeutet es mehr Verantwortung.
Ich glaube, viele Europäer unterschätzen, wie schnell sich diese Verschiebung vollzieht. Wenn Washington seine Kräfte bündelt, steht Europa bald allein. Die Ukraine wäre das erste Opfer, aber Europa wäre das nächste.
Wir haben uns über Jahrzehnte an den amerikanischen Schutzschirm gewöhnt. Doch wer Schutz delegiert, verliert Handlungsspielraum. Sobald Amerika andere Prioritäten setzt, bleibt Europa auf sich gestellt, und das kann schneller eintreten, als viele glauben.
Europas Lektion
Die Tomahawk Gleichung ist am Ende auch eine europäische Gleichung. Sie zeigt mir, dass Sicherheit nicht teilbar ist und dass sie nicht selbstverständlich bleibt.
Europa muss wieder lernen, strategisch zu denken. Frankreich besitzt Nuklearwaffen. Deutschland die industrielle Basis. Polen militärische Härte. Italien den Zugang zum Mittelmeer. Wenn wir das politisch verbinden, entsteht eine Kraft, die mehr ist als die Summe ihrer Teile.
Ein souveränes Europa braucht eigene Waffen, eigene Energie, eigene Abschreckung. Keine Kopie der Vereinigten Staaten, sondern eine Macht, die sich selbst behaupten kann.
Das bedeutet nicht, sich von Amerika abzuwenden. Es bedeutet, die eigene Sicherheit nicht länger zu delegieren.
Der entscheidende Punkt
Selenskyjs Reise hat mir erneut gezeigt, dass Solidarität Grenzen hat. Amerika kann nicht überall Weltpolizist sein. Und Europa darf sich nicht ewig dahinter verstecken.
Die Tomahawk steht für mehr als eine Rakete. Sie steht für eine Wahrheit, die wir Europäer wieder begreifen müssen: Wer seine Sicherheit nicht selbst gestaltet, wird am Ende von anderen gestaltet.
Europa steht vor einer klaren Wahl: Stärke aus eigener Kraft oder Unsicherheit im Schatten anderer.


