Die unsichtbare Front
Warum Russlands elektronische Kriegsführung ein geopolitischer Wendepunkt ist
Die Analyse über Russlands Erfolge in der elektronischen Kriegsführung (EW) im Ukrainekrieg ist mehr als ein militärischer Lagebericht – sie ist ein strategischer Weckruf. Wer glaubt, dass moderne Kriege primär durch Panzerdivisionen oder Luftangriffe entschieden werden, verkennt die Realität. Die entscheidende Front verläuft heute unsichtbar – durch elektromagnetische Felder, Satellitenverbindungen und Frequenzspektren.
Russland hat – trotz seiner Schwächen in anderen Bereichen – eines unter Beweis gestellt: die Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen und asymmetrische Vorteile in technologische Überlegenheit zu verwandeln. Die Anpassung der russischen EW-Taktiken, insbesondere durch Systeme wie Leer-3, R-330Zh Zhitel und Krasukha-4, zeigt, wie effektiv der Gegner auf dynamische Bedrohungen reagiert. Wo der Westen in linearer Planung verharrt, agiert Russland adaptiv – mit klarer Zielsetzung: Kontrolle des Informationsraums als Voraussetzung für Kontrolle des Schlachtfeldes.
Was bedeutet das geopolitisch?
Erstens: Die westliche Annahme, man könne mit überlegener Technologie und präzisen Waffensystemen einen „clean victory“ erringen, ist nicht mehr haltbar. Systeme wie HIMARS oder JDAM verlieren ihre Wirkung, sobald elektromagnetische Dominanz aufseiten des Gegners liegt. Der „technologische Vorteil“ des Westens ist relativ – nicht absolut. Wer den Gegner unterschätzt, verliert nicht nur Schlachten, sondern die strategische Initiative.
Zweitens: Die Ukraine wird zunehmend Opfer eines systemischen Versagens westlicher Militärdoktrin. Man hat sich auf kinetische Effekte konzentriert, aber die elektromagnetische Dimension des Krieges weitgehend ignoriert. Das Ergebnis: Eine ins Stocken geratene Offensive, fallende Drohnen und fehlgeleitete Präzisionswaffen.
Drittens: Für Europa ist diese Entwicklung ein Warnsignal. Unsere Streitkräfte sind weder materiell noch doktrinär auf einen elektromagnetisch durchdrungenen Krieg vorbereitet. Die EU-Armeen operieren in einem digitalen Zeitalter mit analoger Mentalität. Das macht uns verwundbar – nicht nur gegenüber Russland, sondern auch gegenüber China, das seine EW-Fähigkeiten massiv ausbaut.
Viertens: Die NATO, die sich immer noch als Garant europäischer Sicherheit inszeniert, hat keine Antwort auf die systemische Bedrohung durch EW. Die USA reagieren nun hektisch mit Nachbesserungen, doch strategische Resilienz erfordert mehr als Software-Updates. Sie erfordert eine Neuausrichtung der militärischen Paradigmen – weg vom klassischen Plattformdenken hin zur Dominanz im Informationsraum.
Europa muss seine eigene elektronische Kriegsführungsfähigkeit entwickeln – unabhängig, strategisch koordiniert und tief integriert in eine europäische Verteidigungsarchitektur. Frankreichs nukleare Abschreckung muss durch eine europäische Cyber- und EW-Abschreckung ergänzt werden. Deutschland, Frankreich und Polen sollten die Führung übernehmen und eine eigene europäische EW-Brigade aufbauen – mit vereinten Kapazitäten in Forschung, Entwicklung, Ausbildung und operativem Einsatz.
Wir stehen am Beginn einer neuen Ära kriegerischer Auseinandersetzung – in der „Schlachtfeldkontrolle“ nicht mehr durch Feuerkraft, sondern durch Frequenzhoheit entschieden wird. Wer in dieser neuen Dimension blind bleibt, wird in der kommenden geopolitischen Ordnung keine Rolle mehr spielen.
Europa hat die Wahl: Beobachter bleiben oder souveräner Akteur werden. Die Zeit der Entscheidung ist jetzt.


