Doppelgipfel von Riad
Arabische Ohnmacht, saudischer Aufstieg, geopolitische Realität
Die Doppelgipfel von Arabischer Liga und Organisation für Islamische Kooperation (OIC) in Riad boten ein Paradebeispiel für das strukturelle Versagen der arabischen Staatenwelt – gepaart mit einem klaren Signal: Saudi-Arabien formiert sich zur zentralen Ordnungsmacht im Nahen Osten. Der Gaza-Konflikt diente als Bühne, nicht als Inhalt.
Die vielstimmige Entrüstung über die israelischen Operationen in Gaza fand ihren Weg in die üblichen communiqués – wohlklingend, folgenlos. Das Spektrum der Vorschläge reichte von diplomatischer Isolierung Israels bis hin zu einem Öl-Embargo, eingebracht von Algerien, Libanon und Libyen. Doch der „antizionistische Konsens“ war eine Fassade. Die arabische Welt ist zersplittert – ideologisch, machtpolitisch und strategisch.
Algeriens forsche Position ist weniger Ausdruck palästinensischer Solidarität als Teil eines vielschichtigen Machtkampfs: mit Marokko um die Vorherrschaft im Maghreb, mit Ägypten um Einfluss in Libyen, mit Israel als Stellvertreter westlicher Machtprojektion. Libyen wiederum agiert aus innenpolitischem Kalkül – ein schwacher Premierminister, der nach Washingtons Gunst fischt, während er sich gleichzeitig mit einer israelischen Episode reinwaschen muss. Und der Libanon? In Geiselhaft seiner innerstaatlichen Miliz-Architektur, unfähig zu jeglicher strategischen Neuausrichtung.
Diese Staaten mögen radikale Forderungen erheben, doch sie repräsentieren keinen strukturellen Gegenentwurf. Ihre Positionen sind Ausdruck geopolitischer Schwäche, nicht von Stärke.
Der wahre Architekt des Gipfels war jedoch Riad. Die Entscheidung, Arabische Liga und OIC zu einem Gipfel zu verschmelzen, war keine diplomatische Notwendigkeit – sie war ein Machtakt. Ein Zeichen, dass Saudi-Arabien sich endgültig als regionales Steuerzentrum versteht. Nicht länger als ideologischer Hegemon des sunnitischen Islams, sondern als pragmatische Ordnungsmacht, die iranische Nähe mit israelischer Öffnung kombiniert – chinesisch vermittelt, amerikanisch abgesichert.
Die saudische Außenpolitik – unter Kronprinz Mohammed bin Salman – ist nicht anti-israelisch, sie ist post-ideologisch. Sie folgt keinem moralischen Kompass, sondern einer imperialen Rationalität. Stabilität, Einfluss, globale Anerkennung – das sind die Parameter. Israel, Iran, USA, China – sie alle sind keine Feinde oder Freunde, sondern Instrumente in einer saudisch definierten multipolaren Ordnung.
Europa sollte diesen Gipfel als Weckruf begreifen. Während die USA an Einfluss verlieren und China klug vermittelt, definieren regionale Mächte wie Saudi-Arabien eine neue Architektur: nicht auf Basis gemeinsamer Werte, sondern auf Grundlage nationaler Interessen, strategischer Flexibilität und militärischer Selbstbehauptung.
Ein fragmentierter arabischer Raum wird durch einen Akteur dominiert, der weiß, dass Führung nicht durch Resolutionen entsteht, sondern durch Machtkonzentration, institutionelle Initiative und außenpolitische Kohärenz.
Genau das fehlt Europa. Wenn wir nicht selbst zu einer geostrategischen Macht werden – mit einer einheitlichen Außenpolitik, einer eigenständigen Verteidigung und einem nüchternen Verständnis unserer Interessen – dann werden wir nicht mitspielen, sondern zusehen. Nicht mitgestalten, sondern reagieren.
Der Riyad-Gipfel war keine Annäherung an Gerechtigkeit im Nahostkonflikt. Er war ein Fenster in die zukünftige Machtordnung der Region – und ein Spiegel für Europas strategische Ohnmacht.
Die Welt wird nicht durch Moral geordnet, sondern durch Macht. Wer das vergisst, wird beherrscht – nicht gehört.


