Ein historischer Wendepunkt: Die direkte iranische Attacke auf Israel offenbart die neue Realität der Machtpolitik
Zwischen symbolischer Abschreckung und geopolitischer Eskalation – warum Europa jetzt endlich lernen muss, strategisch zu denken
Die jüngste direkte Attacke Irans auf Israel markiert einen geopolitischen Dammbruch – nicht wegen ihres militärischen Effekts, sondern wegen ihres strategischen Signals. Erstmals hat Teheran offen und mit eigenem Staatsabzeichen Israel aus mehreren Richtungen mit über 300 Raketen und Drohnen angegriffen – in Reaktion auf den gezielten israelischen Angriff auf ein iranisches Konsulatsgebäude in Damaskus. Dass der iranische Schlag militärisch weitgehend abgefangen wurde, ist nebensächlich. Die eigentliche Botschaft lautet: Der Schattenkrieg zwischen Iran und Israel ist in die Phase offener staatlicher Konfrontation eingetreten.
Was wir hier erleben, ist ein paradigmatischer Moment der neuen Weltunordnung. Iran hat den Angriff nicht gestartet, um Israel zu treffen, sondern um seine Abschreckungskraft zu retten. Damit folgt das Regime seiner bekannten „kalibrierten Eskalationslogik“: zeigen, nicht treffen; antworten, ohne den Gegner zur Vergeltung zu zwingen. Doch hinter der Fassade dieser „kontrollierten“ Eskalation verbirgt sich eine tiefere strategische Realität – eine Realität, die Europa seit Jahren ignoriert.
Denn was sagt es über die internationale Ordnung, wenn westliche Diplomatie keinen Einfluss mehr hat, wenn Sicherheitsinstitutionen wie die UN völlig abgemeldet sind und wenn die Großmächte – USA, Russland und China – nur noch über Backchannels versuchen, eine regionale Eskalation zu verhindern? Die Antwort ist eindeutig: Wir leben nicht mehr in einer Werteordnung, sondern in einer Welt der Machtzentren.
Iran hat mit dieser Aktion zwei Dinge getan: Erstens, es hat seine eigene strategische Glaubwürdigkeit innerhalb der „Achse des Widerstands“ gesichert – vom Libanon bis zum Jemen. Zweitens hat es ein Signal an seine Rivalen gesendet, dass der Preis für direkte Schläge gegen iranische Interessen steigen wird – auch wenn die Antwort derzeit noch symbolisch bleibt.
Doch wie wird Israel reagieren? Die innenpolitische Lage, Netanyahus Machtinstinkt und die strukturelle Nähe zu Washington lassen verschiedene Optionen offen. Ein Angriff auf iranische Drohnenfabriken wäre nicht nur ein innenpolitisches Signal, sondern könnte in Washington sogar Zustimmung finden – wegen des Ukraine-Kriegs. Was wir jedoch nicht erwarten dürfen, ist ein strategisches Umdenken Israels – denn es handelt längst aus einem Sicherheitsverständnis, das auf Prävention, Dominanz und technologischer Überlegenheit beruht.
Europa hingegen? Spielt militärisch keine Rolle. Politisch ist es gespalten. Strategisch ist es blind. Der Nahe Osten brennt – und Europa schaut zu, abhängig von amerikanischer Luftverteidigung, unfähig zu eigenständigem Handeln.
Der Angriff Irans zeigt uns: Die Schwelle zu offener Staatenkonfrontation sinkt. Was bisher über Proxys ausgefochten wurde, findet nun zunehmend direkt statt. Die Zeit asymmetrischer „grauer Zonen“ geht zu Ende – und Europa ist auf die kommende Ära klassischer Machtpolitik nicht vorbereitet.
Deshalb braucht es endlich eine sicherheitspolitische Revolution:
den Aufbau einer eigenständigen europäischen Armee,
die europäische Kontrolle über nukleare Abschreckung,
strategische Autonomie gegenüber Washington,
und die außenpolitische Fokussierung auf eine neue, multipolare Ordnung, in der Europa nicht Zuschauer, sondern Akteur ist.
Wer jetzt noch glaubt, man könne mit Normen, Appellen und Konferenzen strategische Realität aufhalten, verkennt das Zeitalter, in das wir eingetreten sind. Nur wer Macht zu denken wagt, wird bestehen. Der Rest wird Zuschauer des eigenen Bedeutungsverlusts.


