Ein Krieg der Schatten wird sichtbar: Warum der israelisch-iranische Konflikt Europa alarmieren muss
Der Angriff auf das iranische Konsulat in Damaskus markiert eine neue Eskalationsstufe – und zeigt einmal mehr, wie strategische Kurzsichtigkeit das internationale System destabilisiert.
Der israelische Angriff auf das iranische Konsulat in Damaskus ist nicht einfach ein weiterer Schlag im regionalen Scharmützel zwischen Teheran und Tel Aviv. Er ist ein geopolitisches Beben – und ein Warnsignal für alle, die noch an ein System internationaler Normen glauben. Wenn ein Staat ein diplomatisches Gebäude in einem Drittstaat zerstört und dabei ranghohe Funktionäre eines rivalisierenden Machtzentrums tötet, ist das faktisch ein direkter Angriff. Völkerrechtlich steht dieser Schritt der Kriegserklärung gefährlich nahe.
Israel handelt aus einer veränderten strategischen Lage heraus. Der 7. Oktober 2023 war für Jerusalem, ob man es zugesteht oder nicht, ein Schock von 1973er Dimension. Seither hat sich Israels Risikokalkül verschoben – von vorsichtiger Zurückhaltung hin zu aggressiver Vorwärtsverteidigung. Man will den nächsten Überraschungsschlag verhindern, koste es, was es wolle. Der operative Gedanke hinter dem Angriff in Damaskus ist klar: Die Zerschlagung des iranischen Kommando- und Logistiknetzwerks, das vom Libanon bis in den Irak reicht.
Doch was bedeutet das für die strategische Lage?
Erstens: Der Schlag gegen das iranische Konsulat ist kein taktischer Unfall, sondern Teil eines systemischen Trends – das Ende der strategischen Ambiguität zwischen Israel und Iran. Was bislang als Schattenkrieg ablief, wird zunehmend offen ausgetragen. Die Logik der Eskalation übernimmt das Ruder.
Zweitens: Iran muss reagieren – nicht, weil es will, sondern weil es muss. Das Regime in Teheran lebt von der Illusion ungebrochener Handlungsfähigkeit. Selbst wenn es einen offenen Krieg vermeiden will, wird es durch asymmetrische Mittel (Milizen, Cyberangriffe, Stellvertreteroperationen) antworten. Es ist nicht die Frage ob, sondern wie und wo die Reaktion erfolgen wird.
Drittens – und aus europäischer Sicht entscheidend: Der Nahe Osten bleibt der geopolitische Zündfunke globaler Krisen. Wer glaubt, Europa könne sich heraushalten, verkennt die tektonischen Kräfte des internationalen Systems. Jede Eskalation zwischen Israel, Iran und ihren jeweiligen Bündnispartnern zieht die Großmächte in ihren Strudel. Die USA sind ohnehin tief involviert. Russland, in Syrien präsent, spielt mit. Und China beobachtet, wie der Westen sich erneut in Stellvertreterkriegen verheddert.
Europa dagegen – schaut zu.
Dabei müsste Europa endlich handeln. Nicht moralisch, sondern strategisch. Denn die permanente Destabilisierung des Nahen Ostens bedeutet mittel- bis langfristig: Flüchtlingsbewegungen, Energiekrisen, Terrorgefahr – und ein weiterer Kontrollverlust über die eigene Peripherie. Vor allem aber bedeutet sie: der Testfall für Europas sicherheitspolitische Souveränität.
Was es jetzt braucht, ist Klartext:
Erstens: Europa muss seine eigene Lage erkennen. Es ist nicht mehr Beobachter, sondern Akteur wider Willen.
Zweitens: Die Sicherheitsarchitektur Europas darf nicht weiter in der Abhängigkeit von Washington verharren. Die USA agieren zunehmend eigeninteressiert – was ihr gutes Recht ist –, aber Europa muss sich fragen, welche Interessen es selbst verfolgt.
Drittens: Wir brauchen eine europäische Interventionsfähigkeit. Keine Appelle, keine Mahnungen, sondern Machtmittel. Wer in einer Welt der Eskalation überleben will, braucht strategische Selbstbeherrschung und glaubwürdige Abschreckung.
Der Angriff in Damaskus ist ein Vorbote – kein Einzelfall. Die Weltordnung zerfällt weiter, weil das Prinzip des Gewaltmonopols kollabiert. Was folgt, ist nicht Chaos, sondern eine neue Form von Ordnung: post-westlich, machtbasiert, multipolar. Wer darin bestehen will, muss souverän denken – und handeln.
Europa hat keine Zeit mehr.


