Geopolitik der Peripherie
Ein Essay über die Wiederkehr der Großmachtpolitik und das Ringen um Machtachsen zwischen Washington, Moskau und Peking
Die Geschichte kennt keine Endzustände, nur Zwischenbilanzen. Wer meint, in der liberalen Weltordnung des Westens das Ende der Geschichte zu erkennen, hat die tektonischen Platten der Geopolitik nie wirklich verstanden. In den Dschungeln Mittelamerikas wie in den Bergen Koreas, in den Tiefseehäfen Chiles wie in den Raketensilos Nordkoreas, formiert sich eine Welt, die sich längst von westlichen Kategorien emanzipiert hat. Was wir erleben, ist kein Unfall, sondern der Ausdruck eines globalen Strukturwandels, in dem die Peripherie zur neuen Frontlinie geworden ist. Die neuen Machtfragen werden nicht in Brüssel oder Washington entschieden, sondern in Managua, Caracas, Pjöngjang und Neu-Delhi. Wer heute Geopolitik betreibt, muss bereit sein, sich auf lange Sicht die Finger schmutzig zu machen – mit Realitäten, nicht mit Idealen.
Die geopolitische Ordnung des 21. Jahrhunderts ist eine Ordnung der Relativität. In einer Welt, in der die liberale Hegemonie des Westens an Strahlkraft verliert und autoritäre Akteure strategisch reüssieren, wird Macht nicht mehr durch moralische Rhetorik legitimiert, sondern durch das Vermögen, Ordnungen zu stören, Allianzen zu destabilisieren und geopolitische Vakuumräume zu besetzen. Moskaus Vorstoß nach Lateinamerika und das atomare Muskelspiel Pjöngjangs sind keine isolierten Phänomene – sie sind Ausdruck einer neuen Phase der multipolaren Systemkonkurrenz, in der der Westen nicht mehr die Spielregeln diktiert.
Russlands strategische Rückeroberung Lateinamerikas folgt dabei keinem klassischen Expansionsmuster. Es ist eine Strategie der Umzingelung, des diplomatischen Nadelstichs, der asymmetrischen Hebelwirkung. Moskau weiß, dass es dem Westen in ökonomischer wie technologischer Hinsicht unterlegen ist. Doch gerade deshalb operiert Russland an den geopolitischen Rändern des westlichen Einflusses, dort, wo das imperiale Selbstverständnis Washingtons besonders verletzlich ist: in dessen unmittelbarer Nachbarschaft. In Venezuela, Nicaragua und Kuba hat Moskau Stützpunkte der Gegengewichte errichtet, nicht aus ideologischer Verbundenheit, sondern aus machtstrategischem Kalkül. Die Botschaft ist eindeutig: Was ihr in Osteuropa tut, können wir in eurer Hemisphäre spiegeln.
Lateinamerika dient dabei als geopolitischer Resonanzraum. Jede Partnerschaft, jedes Waffenabkommen, jeder Staudammvertrag mit russischer Beteiligung ist ein Nadelstich gegen die US-Dominanz in der westlichen Hemisphäre. Und doch bleibt Moskaus Einfluss fragmentarisch. Die wirtschaftliche Basis ist schmal, der Handel mit dem Kontinent marginal. Doch geopolitisch reicht oft schon die Illusion der Alternative, um bestehende Ordnungen zu unterminieren. Russland verkauft keine Werte, sondern Optionen: Souveränität im Schatten der Sanktionen, Neutralität als Strategie der Einflussnahme. Wo der Westen fordert, bietet Moskau Umgehungsmöglichkeiten.
Noch deutlicher zeigt sich die tektonische Verschiebung der Machtarchitektur in Ostasien. Nordkorea verkörpert in seiner Reinform, was strategische Autonomie unter multipolaren Bedingungen bedeuten kann: maximale Irrationalität im Dienste kalter Rationalität. Pjöngjangs atomare Aufrüstung ist kein Selbstzweck, sondern Mittel zur Sicherung eines Status quo, der jede Einhegung unmöglich macht. Die USA, die lange glaubten, durch Drohung und Sanktionsregime eine Denuklearisierung erzwingen zu können, sehen sich heute einem Regime gegenüber, das jede Verhandlung als Plattform zur Legitimation seiner nuklearen Existenz nutzt.
Kim Jong Uns Kalkül ist einfach: Die Welt akzeptiert Indiens und Pakistans Atomwaffen als Faktum, also wird sie sich auch mit Nordkorea arrangieren müssen. Die Logik ist brutal, aber stichhaltig. Weder Tokio noch Seoul sind bereit, eine nukleare Eskalation zu riskieren. Und Washington fehlt es an strategischer Kohärenz, die über bloße Symbolpolitik hinausreicht. Solange der Westen auf Totaldenuklearisierung pocht, bleibt der Dialog blockiert. Ein hybrider Ansatz, der Rückbau statt Abrüstung fordert, wäre realpolitisch angemessen, aber politisch kaum vermittelbar. Das strategische Dilemma ist damit komplett.
Hinzu kommt: Russlands Annäherung an Nordkorea ist mehr als ein Zweckbündnis. Es ist Ausdruck einer weltanschaulichen Koalition gegen die liberale Hegemonialordnung. Indem Moskau ballistische Expertise liefert und Pjöngjang im Ukrainekrieg unterstützt, wird ein neuer geopolitischer Korridor sichtbar: Von der koreanischen Halbinsel über Moskau bis nach Havanna spannt sich ein Netz antizipierter Alternativen zum Westen. Dies ist keine Achse des Bösen, sondern eine Allianz strategischer Zweckrationalität.
In dieser neuen Weltordnung ist Neutralität keine Tugend mehr, sondern eine riskante Illusion. Die Staaten des globalen Südens, insbesondere in Lateinamerika, müssen sich entscheiden, wie lange sie noch auf der geopolitischen Rasierklinge balancieren wollen. Denn wer sich der Einflussnahme entziehen möchte, muss eigene Ordnungs- und Machtstrukturen entwickeln. Andernfalls bleibt man Objekt fremder Strategien. Der Mythos der Blockfreiheit hat ausgedient. In der Welt multipler Machtpole ist jede Unentschiedenheit ein Machtverzicht.
Für den Westen ergibt sich daraus eine bittere Lehre: Wer globale Ordnung sichern will, muss bereit sein, regionale Ordnungen anzuerkennen, die nicht dem eigenen Wertekanon entsprechen. Machtbalance, nicht Moraldominanz, ist das Gebot der Stunde. Die strategische Tiefe liegt nicht in normativer Umerziehung, sondern in resilienter Selbstbeherrschung. Nur wer seine eigenen Einflusszonen strategisch absichert, kann die Spielräume anderer akzeptieren, ohne die Ordnung insgesamt zu verlieren.
Am Ende bleibt ein ernüchternder Befund: Die Welt ist nicht aus den Fugen geraten. Sie ist dabei, sich neu zu fügen – entlang der Linien alter Mächte, neuer Allianzen und unerlöster Konflikte. Wer darin bestehen will, braucht nicht den Glauben an das Gute, sondern die Bereitschaft zur Gestaltung des Machbaren. Macht ist kein Ziel, sondern Voraussetzung. Ordnung ist kein Geschenk, sondern Produkt. Und strategische Tiefe ist keine Pose, sondern Pflicht. Nur wer beides verbindet, wird das 21. Jahrhundert politisch überleben.


