Esequibo
Ein geopolitisches Lehrstück über Machtprojektion, Ablenkungsmanöver und das Ende westlicher Illusionen
Die aktuelle Zuspitzung des Territorialkonflikts zwischen Venezuela und Guyana über die rohstoffreiche Region Esequibo ist mehr als ein bilateraler Streit zwischen zwei Staaten Südamerikas. Es ist ein strategisches Lehrstück darüber, wie Staaten in einer sich neu ordnenden Welt ihre Interessen durchsetzen – nicht durch Werte, sondern durch Macht, Drohung und geopolitische Berechnung. Wer glaubt, internationale Gerichtsurteile oder regionale Friedensappelle könnten den Verlauf solcher Konflikte dauerhaft bestimmen, verwechselt politische Rhetorik mit strategischer Realität.
Venezuelas Vorgehen folgt einem bekannten Muster: Innenpolitischer Druck, wirtschaftlicher Niedergang, wachsende Opposition – und ein außenpolitisches Ablenkungsmanöver zur Mobilisierung nationalistischer Gefühle. Der Griff nach Esequibo ist weniger Ausdruck territorialer Nostalgie als ein Versuch der politischen Selbsterhaltung. Maduro braucht den Konflikt, um sein Regime zu stabilisieren. Der „Volkswille“ zur Annexion wurde inszeniert, nicht ermittelt – ein klassischer PR-Schachzug mit militärischem Nachhall.
Doch was diesen Fall geopolitisch brisant macht, ist nicht die aggressive Rhetorik Venezuelas – sondern die Reaktion und Einmischung externer Großmächte. Die USA sichern ihre Interessen in Guyana militärisch ab, während China auf stille Einflussbalance setzt. Russland wiederum könnte den Konflikt gezielt befeuern, um Washington strategisch zu überdehnen und von der Ukraine abzulenken.
Das Szenario zeigt exemplarisch: Die multipolare Weltordnung ist Realität. Ihre Spielregeln lauten nicht Kooperation, sondern Konkurrenz. Nicht Recht, sondern Macht.
China verfolgt in Guyana wie in Venezuela eine Doppelstrategie: ökonomische Penetration gepaart mit politischer Zurückhaltung. Sollte ein Krieg ausbrechen, würde Peking neutral bleiben, um in jedem Fall auf der Gewinnerseite zu stehen – Hauptsache, der Zugang zu Ressourcen bleibt gesichert. Russland hingegen denkt kurzfristig und militärisch: Ein Krieg in Südamerika wäre ein willkommener Nebenschauplatz, um westliche Kapazitäten zu binden. In dieser Gemengelage wirkt der amerikanische Versuch, Stabilität durch militärische Präsenz zu erzwingen, fast nostalgisch – als gäbe es noch so etwas wie eine hegemoniale Ordnung des Westens.
Für Europa ergibt sich daraus eine doppelte Lehre:
Erstens, es darf sich keine Illusionen über die Friedfertigkeit internationaler Konfliktregelung machen. Der Fall Esequibo zeigt, wie schnell ökonomische Interessen, innenpolitischer Machterhalt und geopolitische Rivalitäten zu einer militärischen Eskalation führen können – selbst in Regionen, die lange als „peripher“ galten.
Zweitens, Europa braucht eine eigenständige strategische Fähigkeit zur Analyse, Interessenformulierung und Einflussnahme. Der transatlantische Reflex allein greift zu kurz. Europa muss begreifen, dass auch sein Rohstoffzugang, seine Sicherheitsarchitektur und seine geopolitische Handlungsfähigkeit zunehmend durch Konflikte beeinflusst werden, die außerhalb des Kontinents entstehen – aber weltweite Auswirkungen haben.
Ein europäischer Bundesstaat mit eigener strategischer Intelligenz und militärischer Handlungsfähigkeit wäre nicht nur Beobachter in solchen Szenarien – sondern Mitgestalter. Nur wer selbst Macht projizieren kann, bleibt nicht Spielball fremder Interessen.
Der Fall Esequibo ist kein regionaler Streit. Er ist ein Spiegel der Welt, wie sie ist – nicht wie sie zu sein vorgibt.Und wer bestehen will in dieser Welt, muss sich nicht auf das Recht verlassen – sondern auf seine Fähigkeit, es durchzusetzen.


