Die Rückkehr der Ordnungsfrage
Ein Essay über Macht, strategische Belastbarkeit und die Illusionen Europas
Wer den Krieg verstehen will, darf sich nicht an seinen Parolen orientieren, sondern an seinen Strukturen. Im Nebel der Propaganda, der Zahlen und der täglichen Schlagzeilen liegt die größere Wahrheit oft verborgen: dass Geschichte nicht linear verläuft, sondern zyklisch. Dass große Ordnungen nicht zusammenbrechen, weil sie moralisch scheitern, sondern weil ihr Machtfundament erodiert. Und dass das Weltgeschehen stets von den Mächten bestimmt wird, die bereit und fähig sind, Gewalt als ein Mittel politischer Gestaltung zu begreifen. In dieser Logik, die unbarmherzig und präzise ist, bewegen wir uns heute. Die Ukraine ist nicht das Ende, sondern der Anfang eines neuen Zeitalters, in dem Macht, Ordnung und strategische Selbstbeherrschung über das Überleben von Staaten entscheiden werden.
Seit 2022 tobt ein Krieg in der Ukraine, der im Westen gern als Angriffskrieg eines isolierten Autokraten gegen eine demokratische Ordnung beschrieben wird. Diese Deutung ist bequem, aber strategisch kurzsichtig. Denn sie blendet aus, was in Wirklichkeit auf dem Spiel steht: nicht ein Kampf zwischen Gut und Böse, sondern ein Konflikt um die Neuordnung Europas und der Welt. Die russische Offensive ist keine Anomalie, sondern Ausdruck einer machtpolitischen Konstante: Großmächte handeln nicht aus Laune, sondern aus Logik. Moskaus Ziel ist nicht primär Zerstörung, sondern Rückeroberung von Einflusszonen, die historisch zum Kernimperium gehörten. Die ukrainischen Einschätzungen zur Kriegsbereitschaft Russlands zeigen: Der Kreml denkt nicht in Wahlperioden, sondern in geopolitischen Epochen.
Die russische Fähigkeit, militärische Verluste zu absorbieren, übertrifft westliche Erwartungen. Mit dem Ausbau der Drohnenproduktion, der kontinuierlichen Versorgung über iranische, nordkoreanische und chinesische Kanäle und der Nutzung sowjetischer Altbestände zeigt Russland, dass es auf eine lange Konfrontation eingestellt ist. Auch die vielzitierte wirtschaftliche Erschöpfung Russlands ist ambivalent: Zwar sinken die Rücklagen des Staatsfonds, aber Moskaus Priorität liegt auf strategischer Durchhaltefähigkeit, nicht auf Wohlstand. Die russische Gesellschaft wurde nie nach den Maßstäben westlicher Konsumkultur regiert. Ihr historisches Selbstbild ist eines der Entbehrung im Dienste des Staates.
Auf der anderen Seite steht die Ukraine, die trotz bemerkenswerter Moral zunehmend unter strukturellem Druck steht. Ihre industrielle Basis ist geschwächt, ihre Demographie ein Risiko. Während Russland viermal mehr Männer im wehrfähigen Alter zählt, fällt es Kiew zunehmend schwer, seine Reihen zu füllen. Der Westen liefert Waffen, aber keine Menschen. Und selbst bei der Munition hinken NATO-Staaten hinterher: Russland feuert im Verhältnis 5:1 mehr Artilleriegeschosse pro Tag ab als die Ukraine. Die westliche Annahme, Russland werde aus logistischen oder politischen Gründen bald kollabieren, verkennt die zyklenhafte Natur geopolitischer Konflikte: Der Gegner mit der größeren strategischen Resilienz gewinnt, nicht der mit der größeren moralischen Rhetorik.
Noch gravierender als die Frontlinie in der Ukraine ist jedoch die tektonische Verschiebung im transatlantischen Verhältnis. Der von den USA ausgerufene Zollkrieg gegen Europa markiert mehr als nur eine wirtschaftspolitische Meinungsverschiedenheit. Er ist Ausdruck einer tiefgreifenden strategischen Divergenz. Dass ein amerikanischer Präsident offen 50%-Zölle gegen europäische Waren “empfiehlt”, ist nicht bloß Wahlkampfgetöse. Es ist ein Signal an Europa: Der Westen als Wertegemeinschaft ist eine Illusion. Die Vereinigten Staaten handeln nicht für Europa, sondern für Amerika.
Die europäische Reaktion darauf ist bislang defensiv: Retorsionsdrohungen, Tariflisten, Appelle an Vernunft. Doch wer die strukturelle Ebene betrachtet, erkennt: Die USA sehen Europa nicht mehr als Partner, sondern als Konkurrenten. Die Zeit der Sicherheitsgarantie als geopolitische Gegenleistung ist vorbei. Wer seine wirtschaftliche und militärische Souveränität nicht selbst behauptet, wird zum Spielball. Deshalb ist die eigentliche Lehre dieser Zollpolitik nicht handelspolitischer, sondern ordnungspolitischer Natur: Europa braucht eine strategische Eigenmacht.
Diese Eigenmacht muss militärisch abgesichert werden. Die Zeiten, in denen Atomwaffen, Abschreckung und Rüstungsindustrien als anachronistisch galten, sind vorbei. Russland, China, Indien und die USA investieren massiv in ihre Verteidigungsfähigkeit. Europa hingegen klammert sich an PESCO, an halbherzige Kompromisse und an eine NATO, deren Loyalität einseitig geworden ist. Nur eine europäische Armee, gegründet auf der Achse Berlin-Paris-Warschau, kann diesem Trend begegnen. Frankreichs Nukleararsenal muss europäisiert, Deutschlands industrielle Kapazitäten mobilisiert, Polens Frontkompetenz systematisch eingebunden werden.
Gleichzeitig muss Europa lernen, mit neuen Mächten strategisch zu verhandeln. Indien ist kein Nebenschauplatz, sondern der entscheidende Ausgleichsfaktor im multipolaren Kräftefeld des 21. Jahrhunderts. Wer Indien gewinnt, sichert das Gleichgewicht zwischen dem atlantischen und dem asiatischen Machtblock. Und wer das Gleichgewicht sichert, schafft Ordnung. Es geht nicht mehr um die Exportfähigkeit von Maschinen, sondern um die Überlebensfähigkeit einer Zivilisation.
Die strategische Herausforderung unserer Zeit ist nicht die Abwehr einzelner Bedrohungen, sondern die Wiederherstellung der strategischen Tiefenschärfe. Wer die Peripherie verliert – in der Ukraine, im Mittelmeer, im Indopazifik – wird auch das Zentrum nicht halten können. Europa muss zur kontinentaleigenen Großmacht werden oder es wird verschwinden: fragmentiert, überdehnt und schutzbedürftig. Die Alternative ist eine europäische Ordnung, die auf drei Pfeilern ruht: militärischer Eigenständigkeit, wirtschaftlicher Resilienz und geopolitischer Selbstbeherrschung.
Die Geschichte hat ihre Richtung ändert. Nicht der Idealist wird bestehen, sondern der Realist mit strategischem Instinkt. Europa muss aufhören zu hoffen und beginnen zu handeln. Denn Macht ist keine Funktion von Absicht, sondern von Fähigkeit. Und Ordnung entsteht nicht aus Konsens, sondern aus Struktur. Wer diese Lektion nicht lernt, wird sie erleiden.


