Geopolitik im Zeitalter des ökonomischen Zwangs
Ein Essay über die tektonische Verschiebung globaler Realitäten
Wer die Welt begreifen will, darf nicht ihren Anschein betrachten, sondern ihre Triebkräfte. In den Hauptstädten wird debattiert, in den Wüsten wird gestorben. Das diplomatische Parkett ist oft nur das Nachspiel dessen, was zuvor mit Waffen, Zöllen oder Sanktionen vorbereitet wurde. In einer Epoche, in der sich die tektonischen Platten der Weltordnung neu verschieben, ist es geboten, nicht Illusionen zu analysieren, sondern Interessen. Und davon gibt es viele, aber nur wenige, die zukunftsfähig sind. Es folgt eine geopolitische Denkschrift über zwei Schauplätze, die mehr miteinander zu tun haben, als auf den ersten Blick erkennbar ist: die Handelskriege der USA mit China und die fortgesetzte militärische Konfrontation zwischen Russland und der Ukraine.
Im Schatten der globalen Schlagzeilen entstehen neue Koordinaten der Weltordnung. Zwei Vorgänge, scheinbar getrennt durch Geographie und Mittel, zeugen von der gleichen Wahrheit: Die internationale Arena kehrt zur nackten Geopolitik zurück. In der amerikanischen Tariffpolitik gegen China ebenso wie im russischen Vormarsch in der Ukraine liegt die kalte Logik einer Welt, in der Macht, nicht Moral, den Takt vorgibt.
Die Vereinigten Staaten, unter dem Banner des wirtschaftlichen Patriotismus, setzen auf einen globalen Zwangsmechanismus: Wer mit China Handel treibt, soll die Konsequenzen spüre. Mit Zöllen, Strafmaßnahmen und diplomatischer Erpressung betreibt Washington eine Politik, die weniger dem Abbau von Handelsdefiziten dient als vielmehr der langfristigen strategischen Einkreisung Pekings. Was als protektionistisches Manöver erscheint, ist in Wahrheit ein globales Decoupling-Projekt. Das Ziel: Die chinesische Exportmaschine drosseln, ihre Investitionsreichweite beschneiden, ihre technologischen Ambitionen bremsen. Und: andere Staaten zwingen, sich zu entscheiden. Neutralität wird zur Unmöglichkeit.
Die Instrumente dieser Strategie sind facettenreich, aber konsistent: Tarife bis zu 145%, Exportkontrollen, Sanktionen gegen Drittländer, die als Umschlagplatz für chinesische Waren fungieren. Mexiko, Vietnam, Malaysia, die Türkei und die Golfstaaten geraten ins Visier. Zugleich signalisiert Washington – subtil, aber eindeutig –, dass Länder, die sich dem Sanktionsregime fügen, mit Erleichterungen rechnen können.
Was in den 1990er Jahren als globalisierte Arbeitsteilung gefeiert wurde, wird heute zur strategischen Schwachstelle. Die USA zwingen die Welt zur Entkopplung – nicht aus wirtschaftlicher Notwendigkeit, sondern aus geopolitischer Kalkulation. Chinas Exportanteil am BIP liegt bei rund 20 Prozent. Wer die Ventile dieser Wirtschaftsstruktur abklemmt, schneidet in die industrielle Substanz der Volksrepublik. Und genau das ist die Absicht. Die Modernisierung der Volksbefreiungsarmee, Investitionen in Künstliche Intelligenz, Halbleiter und Raumfahrt – all das kostet. Die wirtschaftliche Schwächung Chinas ist nicht das Ziel selbst, sondern das Mittel, seine strategische Entfaltung zu bremsen. Das ist wirtschaftliche Kriegsführung im Kleid der Zollpolitik.
Peking antwortet nicht spiegelbildlich, sondern asymmetrisch. Statt bloßer Gegenzölle setzt die chinesische Führung auf selektive Repression amerikanischer Konzerne, auf Investitionshemmnisse, auf Exportkontrollen bei seltenen Erden – und auf eine gezielte Erschütterung amerikanischer Dienstleistungsüberschüsse. Die Signalwirkung ist klar: China kann nicht nur leiden, es kann zurückschlagen. Und es hat Geduld. Xi Jinping weiß, dass ein kurzfristiges Nachgeben langfristige Schwäche bedeutet. In Peking denkt man in Dekaden, nicht in Legislaturperioden.
Währenddessen wird auf europäischem Boden mit anderen Mitteln dieselbe Logik verfolgt: der Aufbau strategischer Hebel für künftige Verhandlungen. Russland führt einen Krieg, der über seine geografischen Grenzen hinausweist. In der Ukraine geht es nicht allein um Territorium, sondern um das Wiederherstellen von Handlungsmacht auf dem internationalen Parkett. Die Offensive auf Sumy, das Vorrücken in Richtung Dnipropetrowsk – das sind keine spontanen Impulse, sondern Teile eines langfristigen Plans. Es geht darum, Fakten zu schaffen, die bei jeder Verhandlung als Ausgangsbasis dienen werden. Jede Ortschaft, die genommen wird, ist eine Chip im Poker um einen Waffenstillstand, der den Namen Frieden nicht verdient.
Russlands Vorgehen ist brutal, aber rational. Die Mischung aus langsamer Erosion ukrainischer Ressourcen und punktuellen Offensiven zeigt, dass Moskau nicht auf einen raschen Sieg setzt, sondern auf strategische Ermüdung. Das Ziel: eine Teilung der Ukraine entlang militärisch kontrollierter Linien – mit einem entmilitarisierten Puffer als künftige Sicherheitszone. Die geopolitische Schablone erinnert an Korea 1953 oder Deutschland 1949. Nicht die Ordnung der Nachkriegszeit wird angestrebt, sondern ein neuer status quo, gestützt auf Kontrolle, nicht auf Konsens.
Die Kombination beider Konflikte – des wirtschaftlichen und des militärischen – macht deutlich, dass die Welt in eine Phase eintritt, in der Ordnung nicht mehr durch Normen, sondern durch Fakten geschaffen wird. Und diese Fakten sind immer territorial, wirtschaftlich oder militärisch. Diplomatie ist kein Ersatz für Macht, sondern deren Funktion. Die Frage ist nicht, ob sich ein neues Gleichgewicht bildet, sondern wer es gestaltet. Die USA setzen auf globale Koalitionen zur Eindämmung Chinas, Russland auf lokale Offensiven zur Absicherung seines geopolitischen Hinterhofs. In beiden Fällen zeigt sich: Wer über strategische Tiefenschärfe verfügt, diktiert die Bedingungen.
Europa steht in dieser Entwicklung vor einer existenziellen Herausforderung. Die alten Gewissheiten – NATO-Schutzschirm, wirtschaftliche Integration, regelbasierte Ordnung – zerbröckeln vor unseren Augen. Wenn die Welt sich entlang machtpolitischer Linien neu ordnet, kann Europa nur bestehen, wenn es sich selbst zur Macht formt. Die Zeit der Vermittlung ist vorbei. Es ist die Stunde der Entscheidung. Nur wer militärisch handlungsfähig, politisch geeint und strategisch autonom ist, wird in der kommenden Epoche bestehen. Andernfalls wird Europa zur Arena fremder Interessen.
Macht ohne Ordnung ist Chaos. Ordnung ohne Macht ist Illusion. Strategische Tiefenschärfe besteht darin, beides zu vereinen und im richtigen Moment zu handeln. Die Welt von morgen entsteht heute. Nicht in den Erklärungen, sondern in den Handlungen. Nicht in der Moral, sondern in der Macht.


