Europas Rolle in der entstehenden Weltordnung
Ein Essay über geopolitische Realitäten und strategische Notwendigkeiten
Die liberale Weltordnung, einst getragen von den Trümmern des Zweiten Weltkriegs und genährt vom amerikanischen Jahrhundert, verliert ihre ordnende Kraft. Was sich als universaler Fortschritt tarnte, war in Wahrheit ein historischer Ausnahmezustand: eine Epoche, in der die militärische, ökonomische und ideologische Dominanz der Vereinigten Staaten die Illusion eines regelbasierten Systems aufrechterhielt. Doch Geschichte kehrt stets zurück – mit eiserner Konsequenz. Der Moment, den wir erleben, ist kein Umbruch, sondern eine Rückkehr zu den archaischen Gesetzen der internationalen Politik: Macht, Angst, Selbsterhaltung.
Diese Rückkehr vollzieht sich nicht in Washington oder Brüssel, sondern an den geopolitischen Rändern – in Pjöngjang, Manama, Teheran und Donezk. Die Annäherung zwischen Bahrain und Iran, die Waffenallianz zwischen Russland und Nordkorea, die stille Machtausdehnung Chinas: Sie alle sind Ausdruck einer neuen Weltordnung, die sich nicht an Normen, sondern an Notwendigkeiten orientiert. Für Europa ergibt sich daraus eine einzige strategische Frage: Will es gestalten – oder erdulden?
I. Die tektonische Verschiebung: Von der Pax Americana zur Machtmultipolarität
Die Öffnung Bahrains gegenüber Iran, vermittelt durch Moskau, ist kein diplomatisches Kuriosum. Es ist ein Menetekel für das Ende amerikanischer Ordnungsmacht am Golf. Die Vereinigten Staaten, einst Garant strategischer Stabilität in der Region, haben ihren Anspruch auf Vormacht faktisch aufgegeben. Was mit Obamas vorsichtiger Deeskalation begann, setzte sich unter Trump als erratischer Rückzug fort und findet unter Biden seine Fortsetzung: eine Politik der strategischen Absenz.
Diese Absenz erzeugt ein Vakuum – und Natur wie Geopolitik verabscheuen Vakuen. Russland und China füllen es mit einer Mischung aus Machtprojektion, diplomatischer Entschlossenheit und realistischer Interessenpolitik. Moskaus Rolle als Vermittler zwischen Bahrain und Iran offenbart, dass das klassische Spiel der Machtblöcke längst wieder begonnen hat. China wiederum hat mit der Riad-Teheran-Vermittlung seine eigene Ambition unmissverständlich signalisiert: das Streben nach weltpolitischer Parität, nicht im Diskurs, sondern im Einfluss.
Während sich neue Machtachsen formieren, bleibt der Westen in einer Illusion verhaftet: dem Glauben an eine wertebasierte Ordnung, die es real nie gab. Die Golfstaaten jedoch orientieren sich neu – nicht aus Sympathie, sondern aus Kalkül. Sie diversifizieren ihre Sicherheit, weil Washington kein verlässlicher Patron mehr ist. Es ist die Rückkehr zur Diplomatie der Balance, wie sie einst Metternich, später Bismarck verstanden.
II. Die Achse der Isolation – und ihre strategische Logik
Der Handschlag zwischen Wladimir Putin und Kim Jong-un ist kein Randphänomen autoritärer Verzweiflung. Er ist die Geburtsstunde einer asymmetrischen Allianz, wie sie im 21. Jahrhundert häufiger entstehen wird. Russland, durch Sanktionen und Kriegsökonomie isoliert, sucht operative Entlastung und strategische Rückversicherung. Nordkorea, technologisch rückständig, gewinnt durch russische Raketentechnologie einen Sprung nach vorn.
Was diese Allianz eint, ist nicht Ideologie, sondern Verwundbarkeit. Es ist die Politik der Notwendigkeit – und sie ist brandgefährlich. Die wechselseitige militärische Rückversicherung der beiden Staaten stellt nicht nur eine faktische Eskalationsbereitschaft her, sie erhöht auch den Preis für westliche Eindämmung. Die Frontlinien in der Ukraine und auf der koreanischen Halbinsel sind damit verbunden – nicht faktisch, aber funktional.
China wird diese Dynamik nicht unbegrenzt dulden. Peking verfolgt eigene Machtkalküle und wird Pjöngjang und Moskau taktisch instrumentalisieren, nicht strategisch entfesseln lassen. Doch der Präzedenzfall ist geschaffen: Kleine Mächte koppeln sich an größere, nicht im Sinne von Allianzen, sondern als Schutzgemeinschaften gegen ein Ordnungssystem, das sie ausschließt.
III. Europas strategischer Blindflug
Europa hingegen bleibt – erneut – Zuschauer. Die Brüsseler Rhetorik oszilliert zwischen normativer Selbstvergewisserung und realpolitischer Sprachlosigkeit. Die EU ist weder militärisch handlungsfähig noch geopolitisch souverän. Sie reagiert, wo sie agieren müsste, appelliert, wo sie handeln sollte.
Diese strategische Lähmung hat systemische Ursachen: nationale Egoismen, fehlende militärische Schlagkraft, eine transatlantische Hörigkeit, die aus dem Kalten Krieg stammt, aber in der multipolaren Weltordnung dysfunktional geworden ist. Die NATO, einst Schild des Westens, ist zur Projektionsplattform amerikanischer Interessen degeneriert. Die UNO, hoffnungsvoll als Friedensarchitektur gestartet, ist faktisch machtlos gegenüber den geopolitischen Realitäten einer neuen Welt.
Europa braucht eine radikale Kurskorrektur – nicht normativ, sondern strategisch. Die Alternative lautet nicht Amerika oder Autarkie, sondern: Eigenständigkeit oder Bedeutungslosigkeit.
IV. Der europäische Bundesstaat: Notwendigkeit und Ziel
In dieser Welt der Kräfte, nicht der Werte, kann nur ein vereintes Europa bestehen. Ein europäischer Bundesstaat – nicht als bürokratischer Überbau, sondern als strategischer Akteur mit klarer Machtprojektion – ist die einzige logische Antwort auf die tektonischen Verschiebungen unserer Zeit.
Ein solcher Staat braucht:
eine einheitliche Außenpolitik, die Interessen artikuliert, nicht Appelle;
eine europäische Armee, die mit französischer nuklearer Rückversicherung echte Abschreckung leisten kann;
eine strategische Achse Berlin–Paris–Warschau, ergänzt um Rom als mediterranen Anker;
eine Südpolitik, die Nordafrika und den Nahen Osten nicht als Problemzone, sondern als geopolitische Einflusssphäre Europas versteht;
eine Partnerschaft mit Indien, als Gegengewicht zu Chinas Aufstieg.
Das strategische Ziel ist klar: Europa muss ein eigenständiger Machtpol werden – zwischen Washington und Peking, aber von keinem abhängig.
V. Übergangsstrategie: Deutsche Führungsrolle und strategische Selbstbeherrschung
Bis dahin liegt die Verantwortung bei Deutschland – geografisch zentral, ökonomisch führend, aber strategisch zögerlich. Berlin muss seine Rolle neu denken: nicht als Moderator eines moralischen Europas, sondern als Gestalter einer realistischen europäischen Ordnung.
Konkret bedeutet das:
massive Investitionen in militärische Fähigkeiten, Luftabwehr und Cybersicherheit;
europäische Kommandozentralen und militärische Mobilität entlang gemeinsamer Infrastruktur;
Einbindung Frankreichs Nuklearpotenzial in eine europäische Abschreckung;
Aufbau einer trilateralen Führungsgruppe Deutschland–Frankreich–Polen;
strategische Südpolitik gemeinsam mit Italien;
Kooperationsarchitektur mit Indien zur Stabilisierung des indo-pazifischen Gleichgewichts.
Das Ziel ist keine Rückkehr zur Großmachtpolitik des 19. Jahrhunderts – sondern ihre Übersetzung in die Realitäten des 21. Jahrhunderts.
Schluss: Subjekt oder Objekt? Die Entscheidung Europas
Putins Handschlag mit Kim. Chinas diplomatischer Siegeszug am Golf. Bahrains strategische Neuausrichtung. Sie alle markieren eine tektonische Wahrheit: Die Regeln der internationalen Ordnung werden nicht mehr im Westen geschrieben. Europa steht an einem Scheideweg – zwischen Selbstbehauptung und Selbstaufgabe.
Die multipolare Welt ist kein ferner Horizont, sondern bereits Realität. In ihr wird nicht gefragt, wer die besseren Werte vertritt, sondern wer Macht besitzt, Ordnung zu schaffen. Europa kann Subjekt sein – wenn es seine politische Einheit vollendet und militärisch souverän wird. Oder Objekt – getrieben, ignoriert, benutzt.
Die Geschichte gibt keine Garantien. Aber sie lässt sich deuten. Und sie zeigt: Nur wer Macht, Ordnung und strategische Selbstbeherrschung vereint, überlebt die Stürme der Weltpolitik. Alles andere ist Hybris – oder Selbstbetrug.


