Frieden auf Widerruf: Der Nahe Osten als Prüfstein europäischer Machtlosigkeit
Ein Essay über Waffenruhen, Machtpakte und das Ende westlicher Ordnungsmacht
Der Essay analysiert die fragile geopolitische Lage im Nahen Osten am Beispiel der Waffenruhe zwischen Israel und Hisbollah sowie der saudisch-iranischen Annäherung. Beide Entwicklungen markieren keinen Frieden, sondern taktische Zwischenphasen im Zeichen strategischer Selbstbegrenzung. Israel verfolgt eine Doktrin der systematischen Kapazitätsschwächung, während Iran und Saudi-Arabien in kontrollierter Rivalität Stabilität suchen – vermittelt nicht vom Westen, sondern von China. Europa hingegen bleibt machtpolitisch abwesend: unfähig zur Abschreckung, unfähig zur Ordnung. Der Text plädiert für einen neuen europäischen Realismus, der Macht, strategische Handlungsfähigkeit und außenpolitische Einheit in den Mittelpunkt stellt. Nur wer Ordnung stiften kann, wird im multipolaren Zeitalter bestehen.
I. Einleitung: Der Rauch von Versailles und der Staub von Beirut
Die Geschichte kennt keine Pausen – nur Intervallen zwischen zwei Erschütterungen. So wie der Friede von Versailles weniger ein Ende als ein Intermezzo zwischen Weltkriegen war, so offenbart auch die gegenwärtige „Stabilisierung“ im Nahen Osten nicht Ordnung, sondern die Ruhe vor dem nächsten Sturm. In Beirut, in Riad, in Teheran – dort formieren sich die Akteure neu. Nicht mit dem Ziel des Friedens, sondern der strategischen Selbstbehauptung. Die Welt, die einst von westlichen Prinzipien getragen wurde, weicht einer Ordnung, in der Macht das Maß aller Dinge ist. Wer heute vom „Friedensprozess“ spricht, beschönigt eine tektonische Verschiebung: vom Werteexport zur Hegemonialsphäre, von amerikanischer Vormacht zu multipolarem Wettbewerb.
Gerade Europa steht dabei wie ein blinder Kartograph am Rande des Geschehens – gutmeinend, aber ohne Einfluss. Zwischen saudisch-iranischer Entente und israelisch-libanesischem Waffenstillstand offenbart sich das strategische Defizit eines ganzen Kontinents. Der Nahe Osten ist dabei nicht Ursache, sondern Symptom einer geopolitischen Realität: Der Westen verliert an Schwerkraft. Und Europa? Es hat nicht verstanden, dass Ordnung nicht verkündet, sondern durchgesetzt wird.
II. Libanon: Waffenruhe als Illusion
Die jüngste Waffenruhe zwischen Israel und der Hisbollah wird im Westen gefeiert – in Washington als Erfolg stiller Diplomatie, in Paris als Rückgriff auf historische Verantwortung. Doch was als Friedensformel erscheint, ist in Wahrheit ein taktisches Innehalten. Die Realität vor Ort ist fragil, ja brüchig. Israel hat mit chirurgischer Präzision Kommandeure ausgeschaltet und Infrastruktur zerstört. Die Abschreckungskapazität der Hisbollah ist schwer beschädigt, ihr Rückzug hinter den Litani-Fluss ein strategischer Dämpfer. Doch dieser Rückzug ist kein Einknicken, sondern eine Verschiebung – verordnet aus Teheran, das Zeit gewinnen muss, um seine Stellvertreterstruktur zu rekonfigurieren.
Die libanesische Armee, der nun die Kontrolle über den Süden zufällt, ist keine echte Ordnungskraft. Ihre chronische Unterfinanzierung, politische Fragmentierung und strukturelle Schwäche machen sie zu einem Papierschild gegen eine asymmetrische Bedrohung. Jeder gezielte israelische Luftschlag, jeder Zwischenfall mit zivilen Opfern kann das fragile Gleichgewicht sprengen. Nicht die Frage ob die Eskalation zurückkehrt, ist entscheidend – sondern wann.
Hinzu tritt die politische Krise im Innern. Die konfessionelle Architektur des libanesischen Systems verhindert jede Form zentralstaatlicher Konsolidierung. Die kommenden Präsidentschaftswahlen werden kein Wendepunkt sein, sondern ein weiteres Kapitel einer Staatskrise, deren Ausgang nicht in Beirut entschieden wird, sondern in Teheran, Jerusalem und – zunehmend – in Ankara und Riad.
III. Iran und Saudi-Arabien: Rivalen im Modus der Selbstbeschränkung
Parallel zur libanesischen Frontlinie verläuft ein zweites geopolitisches Experiment: die Annäherung zwischen Saudi-Arabien und dem Iran. Was wie ein diplomatischer Durchbruch erscheint, ist in Wahrheit Ausdruck strategischer Nüchternheit – eine Form kontrollierter Rivalität, wie sie nur Imperien im Zustand wechselseitiger Erschöpfung praktizieren. Diese „Entente der Selbstbegrenzung“ ist kein Ausdruck gegenseitigen Vertrauens, sondern eine Reaktion auf die Unsicherheit, die der schleichende Rückzug der USA aus der Region hinterlässt.
Auffällig ist dabei der neue Architekt dieser Ordnung: China. Nicht Washington, nicht Brüssel, sondern Peking vermittelte zwischen den Erzrivalen. Das ist mehr als ein symbolischer Akt – es ist eine geopolitische Zeitenwende. Peking ist bereit, dort Ordnung zu stiften, wo die USA abgetreten sind und Europa nie anwesend war. Die Golfstaaten ziehen ihre Konsequenzen: Wer Sicherheit will, muss nicht mehr um amerikanische Gunst werben – er kann sie in Fernost einkaufen.
Für Riad ist diese Neuorientierung kein Vertrauensvorschuss, sondern sicherheitspolitische Diversifikation. Spätestens seit den Huthi-Angriffen auf saudische Ölterminals 2019 wurde klar: Die amerikanische Schutzmacht ist nicht mehr verlässlich. Also sucht man Stabilität nicht durch Dominanz, sondern durch Balance – ein pragmatischer Nichtangriffspakt, vergleichbar mit der koordinierten Koexistenz rivalisierender Systeme im Kalten Krieg.
Iran wiederum braucht diesen modus vivendi ebenso dringend. Die massive militärische, wirtschaftliche und diplomatische Isolation zwingt Teheran zu einer Phase relativer Zurückhaltung. Auch deshalb wird die Hisbollah im Libanon gebremst – nicht weil der Wille fehlt, sondern weil die Ressourcen erschöpft sind.
IV. Europas Abwesenheit: Zwischen moralischer Hybris und strategischer Ohnmacht
Zwischen diesen Brennpunkten wirkt Europa wie ein Akteur von gestern. Frankreich, historisch tief mit dem Libanon verbunden, kann nicht mehr als symbolische Rhetorik liefern. Die UNIFIL-Truppen sind machtlos, Brüssel bleibt stumm, Berlin abwartend. Die saudisch-iranische Annäherung wurde nicht nur ohne Europa vermittelt – sie wurde an Europa vorbei organisiert. Stattdessen bleibt der Kontinent gefangen in der Illusion, mit normativer Sprache und Konferenzen geopolitische Realitäten gestalten zu können.
Doch Ordnung entsteht nicht durch Deklarationen – sie wird durchgesetzt. Wer, wie Europa, weder über glaubwürdige Abschreckung noch über politische Einheit verfügt, ist kein Vermittler, sondern Zuschauer. Der Nahe Osten zeigt dies exemplarisch: Macht ersetzt Moral, Interessen verdrängen Ideale. Der Rückzug der USA zwingt die Regionen zur Eigenverantwortung – aber Europa verweigert sich dieser Realität.
V. Schlussfolgerung: Machtpolitische These und strategische Konsequenz
Der Nahe Osten steht am Beginn eines neuen Zyklus. Nicht Frieden, sondern kontrollierte Feindschaft prägt das Verhältnis der Regionalmächte. Nicht Werte, sondern strategische Selbstbeherrschung sichert die fragile Ordnung. Der Libanon ist dabei ein Spiegel dieser Zeit: Er zeigt, dass Waffenruhen keine Stabilität bringen, wenn sie nicht von Machtstrukturen getragen werden. Die saudisch-iranische Entente wiederum beweist, dass selbst Todfeinde zu einer Koexistenz fähig sind – sofern die Notwendigkeit sie dazu zwingt.
Für Europa ist beides eine Mahnung: In einer multipolaren Welt entscheidet nicht, wer das moralisch Richtige sagt, sondern wer strategisch handlungsfähig ist. Wer Einfluss will, muss über Mittel verfügen. Wer Ordnung wahren will, muss bereit sein, sie zu erzwingen. Europa muss aus seiner historischen Amnesie erwachen – und zur Einsicht gelangen, dass der Verzicht auf Macht nicht zur Ordnung führt, sondern zur Irrelevanz.
Es ist Zeit für einen neuen europäischen Realismus. Einen, der sich nicht in Appellen verliert, sondern in Allianzen investiert. Der mit Indien, Saudi-Arabien und Ägypten verhandelt – nicht im Schatten Washingtons, sondern mit eigener Agenda. Der militärische Fähigkeiten aufbaut, um Ordnung stiften zu können. Und der begreift, dass wer in dieser Welt bestehen will, nicht hoffen darf – sondern handeln muss.
Denn das 21. Jahrhundert wird nicht von denen geprägt, die mahnen, sondern von denen, die ordnen. Europa steht an einem Scheideweg. Es kann Zuschauer bleiben – oder Ordnungsmacht werden. Dazwischen gibt es nichts.


