Gaza, Lateinamerika und das Ende westlicher Illusionen
Ein Essay über die Erosion der amerikanischen Ordnung und Europas strategische Stunde
Der Essay analysiert zwei scheinbar getrennte geopolitische Entwicklungen – Trumps Umsiedlungsplan für Gaza und Chinas stille Expansion in Lateinamerika – als Symptome einer tieferliegenden tektonischen Machtverschiebung: dem Zerfall amerikanischer Ordnungsmacht und dem Aufstieg einer multipolaren Welt. Während die USA durch Kurzsichtigkeit und strategische Inkonsistenz Raum verlieren, agiert China mit systematischer Geduld. Europa steht an einem Scheideweg: Entweder es bleibt Zuschauer dieser Neuordnung – oder es entwickelt sich zu einem eigenständigen Machtpol. Der Text plädiert für strategische Selbstbehauptung Europas durch geopolitische Handlungsfähigkeit, sicherheitspolitische Eigenständigkeit und globale Interessenprojektion. Nur wer Ordnung schafft, wird im 21. Jahrhundert bestehen.
I. Die Welt nach der Ordnung: Ein historischer Wendepunkt
Es gibt Augenblicke in der Geschichte, in denen die tektonischen Platten der Weltordnung hörbar knirschen. Momente, in denen alte Imperien ihre Reichweite überschätzen und neue Mächte in die Lücken stoßen, die durch Überdehnung, Hybris oder strategische Erschöpfung entstehen. Wir befinden uns in einem solchen Moment. Was sich derzeit in Gaza und in den Häfen Perus, in den Flüchtlingslagern des Nahen Ostens wie in den Datenzentren Brasiliens vollzieht, sind keine voneinander getrennten Krisen. Es sind Facetten ein und derselben geostrategischen Umwälzung: das allmähliche Ende amerikanischer Weltordnung – und die Geburt einer multipolaren Epoche, in der Europa entscheiden muss, ob es Ordnungsmacht oder Spielball sein will.
Wie einst das späte Rom, das seinen Einfluss in Britannien verlor, während sich im Osten bereits die nächsten Bedrohungen formierten, so verliert auch die westliche Führungsmacht heute an zwei Fronten: im Herzen des Nahen Ostens – und im geopolitischen Hinterhof der USA, Lateinamerika. Der Unterschied: Die neuen Barbaren kommen nicht mit Schwertern, sondern mit Krediten, Infrastruktur und politischer Indifferenz. Und sie heißen nicht Attila oder Alarich, sondern Xi Jinping.
II. Gaza: Der geopolitische Sprengsatz im Südosten Europas
Was Donald Trump dieser Tage vorschlägt – oder vielmehr drohend ins geopolitische Spiel bringt – ist nicht bloß eine regionale Initiative. Es ist eine strategische Provokation von globaler Tragweite: die erzwungene Umsiedlung der gesamten Bevölkerung des Gazastreifens, deklariert als wirtschaftliches Entwicklungsprojekt, de facto aber ein Versuch, eine ethnische Tabula Rasa zu schaffen – im Zentrum eines der fragilsten geopolitischen Räume der Welt.
Die Idee, Gaza nach Ägypten und Jordanien zu „verlagern“, ist historisch blind, strategisch töricht und politisch brandgefährlich. Sie erinnert an imperiale Umsiedlungsprojekte des 20. Jahrhunderts – von der griechisch-türkischen Bevölkerungspolitik der 1920er über den „Transfer“-Diskurs der frühen zionistischen Bewegung bis hin zur Vertreibung der Deutschen nach 1945. Jedes dieser Beispiele zeigt: Solche Pläne erzeugen keine Ordnung – sie säen den Samen für Generationen von Gewalt.
Trumps Vorstoß trägt alle Merkmale seiner außenpolitischen Handschrift: maximalistisch in der Rhetorik, minimalistisch in der Strategie, gefährlich in der Wirkung. Weder Ägypten noch Jordanien – beide tief geprägt von den Erfahrungen des „Schwarzen Septembers“ und des islamistischen Aufstands auf der Sinai-Halbinsel – werden eine derartige demographische Bombe akzeptieren. Nicht aus moralischer Empörung, sondern aus klarem machtpolitischem Eigeninteresse.
Was bleibt, ist ein Drohszenario – ein Verhandlungshebel, um politische Konzessionen zu erzwingen: Freilassung israelischer Geiseln, Übergabe Gazas an eine arabische Ordnungsmacht, saudisch-israelische Annäherung ohne Palästinenserstaat. Doch selbst als Bluff hat die Idee strategische Konsequenzen: Sie könnte die fragile regionale Statik zum Einsturz bringen, eine neue Intifada provozieren und das Westjordanland in Brand setzen. Europa stünde – erneut – als Puffer zwischen amerikanischer Kurzsicht und arabischer Wut.
III. Lateinamerika: Das leise Vordringen der chinesischen Ordnung
Während Washington im Nahen Osten zündelt, verliert es im Süden seinen Griff. Lateinamerika, einst kontrolliert durch die eiserne Logik der Monroe-Doktrin, gleitet in Pekings Orbit – nicht durch Militär, sondern durch das Instrumentarium einer neuen, techno-strategischen Geopolitik: Schulden, Lieferketten, Infrastrukturnetze.
Chinas Präsenz ist kein Zufall, sondern Teil eines globalen Entwurfs. Mit Krediten, die an Rohstoffe gebunden sind, digitalen Netzwerken, die durch chinesische Firmen kontrolliert werden, und dem Bau strategischer Häfen wie Chancay in Peru entsteht eine neue Realität. Es ist eine stille Eroberung – ohne Schüsse, aber mit unumkehrbarer Wirkung.
Die USA, einst Hegemon der westlichen Hemisphäre, haben diese Entwicklung verschlafen. Ihre Reaktion gleicht der einer spät-römischen Administration: reaktiv, inkohärent, illusionsverhaftet. Die Ernennung Marco Rubios zum Chefdiplomaten mag ein Signal sein – doch Signale ersetzen keine Strategie.
Lateinamerika wird so zum geopolitischen Hinterhof eines neuen Kalten Krieges. Die Staaten der Region wenden sich nicht aus ideologischer Überzeugung China zu, sondern weil Europa und die USA keine ernsthaften Alternativen bieten. Was der Westen an Bedingungen knüpft, liefert China als Paket – schnell, effizient, autoritär-kompatibel.
IV. Europas Rolle: Zwischen Illusion und Souveränität
Was Gaza und Lateinamerika gemeinsam haben, ist ihre Funktion als Gradmesser für das strategische Vakuum Europas. Der alte Kontinent, gebunden an die moralischen Narrative der Nachkriegszeit und die institutionellen Träume einer liberalen Ordnung, wird nun von der Realität eingeholt: Macht entsteht nicht durch Deklarationen, sondern durch Handlungsfähigkeit.
Die USA zeigen sich – unter Trump wie unter Biden – unfähig oder unwillig, eine geordnete Weltpolitik zu betreiben. China agiert mit strategischer Geduld und methodischer Präzision. Russland bleibt ein regionaler Störfaktor mit globalem Erpressungspotenzial. Und Europa? Europa mahnt, verurteilt – und schweigt, wenn es handeln müsste.
Doch die Geschichte kennt keine Schonfrist. Wenn Europa nicht zu einem eigenständigen Machtpol wird – politisch, militärisch, wirtschaftlich –, wird es zum geopolitischen Objekt. Die multipolare Welt duldet keine Zuschauer. Wer sich nicht behauptet, wird definiert. Wer nicht projiziert, wird verdrängt.
Die Konsequenz muss klar sein:
Europa braucht eine eigene Sicherheitsarchitektur – nicht als Parallelstruktur zur NATO, sondern als Ausdruck geopolitischer Selbstbehauptung.
Europäische Außenpolitik muss strategisch denken – nicht als Vermittler moralischer Prinzipien, sondern als Akteur eigener Interessen.
Die Partnerschaft mit den USA muss neu definiert werden – auf Augenhöhe, nicht in Vasallentreue.
Die geopolitische Aufmerksamkeit Europas muss global sein – nicht nur in Kiew, sondern auch in Chancay, Gaza und Bamako.
V. Schluss: Die Rückkehr der Geschichte
Wir erleben keine temporäre Krise, sondern eine strukturelle Zäsur. Der Westen, wie wir ihn kannten, löst sich auf – nicht in einem dramatischen Finale, sondern in der schleichenden Erosion geopolitischer Handlungsfähigkeit. Die multipolare Welt ist keine Zukunftsvision, sie ist Gegenwart. Und sie verlangt von Europa eine Entscheidung.
Henry Kissinger schrieb einst: „Ordnung entsteht nicht von selbst, sie ist ein Akt des Willens.“ In diesem Sinne ist es Zeit für Europa, seinen Willen zur Ordnung zu beweisen – nicht als moralischer Kommentator der Weltpolitik, sondern als gestaltende Macht zwischen Washington, Peking und Moskau.
Wer Gaza ignoriert, verliert den Nahen Osten. Wer Lateinamerika abschreibt, verliert den globalen Süden. Und wer beides nicht ernst nimmt, verliert die Zukunft.
Europa steht an der Schwelle – nicht zum Untergang, aber zur Bedeutungslosigkeit. Die strategische Stunde ist gekommen. Jetzt entscheidet sich, ob dieser Kontinent Geschichte schreibt – oder bloß noch verwaltet, was andere ihm diktieren.


