Gaza: Waffenruhe oder Waffenstillstand?
Die Einigung zwischen Israel und Hamas ist kein Frieden, sondern eine taktische Pause. Sie zeigt, dass Machtkonfigurationen erschöpft sind; nicht, dass sie sich aufgelöst hätten.
Die Logik der Erschöpfung
Zwei Jahre Krieg haben Gaza verwüstet, Israels Gesellschaft zermürbt und die regionale Ordnung ins Wanken gebracht. Dass es nun zu einem Abkommen kam, ist kein Ausdruck neuer Einsicht, sondern das Resultat struktureller Überlastung. Auf beiden Seiten war die Fähigkeit, den Konflikt militärisch fortzusetzen, geschwächt.
In Israel hatte die Dauer des Krieges die politische Kohäsion aufgelöst. Premierminister Netanyahu sah sich mit einem wachsenden innenpolitischen Druck konfrontiert. Der Konsens, wonach Sicherheit nur durch Stärke zu haben sei, begann zu bröckeln. Familien der Geiseln forderten einen Tausch, Teile der Sicherheitselite mahnten zur Diplomatie. Der Preis für den Krieg überstieg den politischen Nutzen.
Parallel dazu verlor Israel international Rückhalt. Die Anerkennung Palästinas durch mehrere europäische Staaten war ein symbolischer Bruch mit der bisherigen westlichen Linie. Sie machte deutlich, dass Israels Regierung das moralische Kapital ihrer Politik aufgebraucht hatte. Selbst Washington begann, den Ton zu verschärfen. Der fehlgeschlagene Luftangriff auf Hamas-Kader in Doha beschädigte Israels Ansehen im Golf und entzog dem Land wertvolle politische Rückendeckung.
Auf der Gegenseite war Hamas militärisch schwer angeschlagen und politisch isoliert. Der Krieg hatte die Bewegung dezentralisiert, ihre Kontrolle über Gaza geschwächt und die Bevölkerung gegen sie aufgebracht. Gleichzeitig wuchs der Druck aus arabischen Hauptstädten, endlich einem Waffenstillstand zuzustimmen. Hamas stand zwischen der Notwendigkeit, ihr Überleben zu sichern, und dem Anspruch, weiterhin als Stimme des Widerstands zu gelten.
Die Vereinbarung war daher kein Durchbruch, sondern das kleinste gemeinsame Viable. Beide Seiten handeln aus Erschöpfung, nicht aus Vertrauen.
Die Architektur des Abkommens
Das Abkommen folgt einer klassischen Logik erzwungener Deeskalation. Es ist mehrstufig angelegt: Waffenruhe, Austausch von Gefangenen, Rückzug israelischer Truppen, Aufbau einer Übergangsverwaltung, internationale Stabilisierung. Doch jeder dieser Schritte ist mit Ambiguitäten versehen, die von vornherein Konfliktpotenzial bergen.
Der entscheidende Begriff lautet „Demilitarisierung“. Was auf dem Papier nach Frieden klingt, bedeutet in der Praxis Kontrolle. Die Formulierung bleibt vage, weil keine Seite bereit war, konkrete Fristen oder Mechanismen zu akzeptieren. Israel will die Tunnelstrukturen zerstört sehen; Hamas verweigert den vollständigen Verzicht auf Waffen. Die Unschärfe ist also Methode. Sie verschiebt die Entscheidung über Kernfragen in die Zukunft; in der Hoffnung, dass sich Realitäten vor Ort von selbst verfestigen.
Dasselbe gilt für den geplanten Rückzug der israelischen Armee. „Bis zu einer vereinbarten Linie“ heißt im Klartext: solange Israel will. Ob diese Linie dem sogenannten Gelben Streifen entspricht oder eine neue Trennlinie markiert, ist unklar. Damit bleibt das Machtverhältnis asymmetrisch. Israel behält die operative Kontrolle, Hamas die politische Präsenz.
Das Governance-Element des Abkommens (eine Übergangsverwaltung aus palästinensischen Technokraten) ist ein klassisches diplomatisches Provisorium. Die beteiligten Staaten vermeiden die heikle Frage, ob Hamas Teil der künftigen Ordnung bleibt oder ausgeschlossen wird. Stattdessen setzen sie auf eine Formel, die Legitimation verschiebt: lokale Expertise unter internationaler Aufsicht. Das klingt pragmatisch, ist aber ein Zeichen fehlender politischer Einheit.
Ägypten als Machtanker
Im regionalen Kräftefeld ragt Ägypten als eigentlicher Architekt des Deals hervor. Kairo hat sowohl den geographischen Hebel (Grenzübergang Rafah) als auch die historische Legitimation, als Vermittler zwischen Israel und den Palästinensern zu agieren. Es ist zugleich Nachbar, Sicherheitsakteur und Zivilisationsmacht, und damit der einzige Akteur, der über direkte Kanäle zu beiden Seiten verfügt.
Die ägyptische Diplomatie kombiniert Druck und Schutz. Sie hält Hamas politisch am Leben, um Gaza stabil zu halten, und hält Israel zurück, um eine Eskalation zu verhindern. Diese Doppelrolle verschafft Kairo Einfluss, aber auch Verantwortung. Das Land weiß, dass ein unkontrolliertes Gaza zur eigenen sicherheitspolitischen Bedrohung werden kann: durch Flüchtlingsströme, Schmuggel und islamistische Netzwerke auf Sinai.
Cairo agiert daher aus Eigeninteresse. Das erklärt auch den Aufbau einer palästinensischen Polizeieinheit unter ägyptischer Aufsicht. Diese soll langfristig die Sicherheitsarchitektur Gazas prägen, ohne dass Ägypten formal Verantwortung übernimmt. Es ist der Versuch, Stabilität zu exportieren, ohne sich zu binden. Eine Balance, die nur solange funktioniert, wie beide Seiten die ägyptische Präsenz als unverzichtbar akzeptieren.
Die Rollenverschiebung Israels
Das Abkommen markiert für den jüdischen Staat einen Rollenwechsel. Israel war lange ein klassischer Zivilisationsakteur: ein Staat, der seine Existenz nicht nur in politischen, sondern in historischen Kategorien denkt. Sicherheit ist für Israel keine Funktion von Diplomatie, sondern Ausdruck kollektiver Selbsterhaltung.
Doch der Krieg gegen Hamas hat diese Rolle verändert. Das Land bleibt Zivilisationsakteur, wird aber zugleich zum Protektorat der eigenen Allianzen. Ohne die Rückendeckung der Vereinigten Staaten (finanziell, diplomatisch, militärisch) könnte Israel diese Operation weder führen noch beenden. Washingtons Druck war ausschlaggebend für die Zustimmung zum Abkommen.
Israel verliert damit ein Stück strategischer Autonomie. Die Fähigkeit, eigenständig über Krieg und Frieden zu entscheiden, wird relativiert. Der Preis für dauerhafte Sicherheit ist wachsende Abhängigkeit. Strategisch gesehen steht Israel vor der Herausforderung, seine Rolle neu zu kalibrieren: zwischen Selbstbehauptung und Systembindung.
Hamas zwischen Überleben und Identität
Hamas steht am anderen Ende derselben Skala. Auch sie ist, im Sinne meines Verständnisses der Welt, ein Zivilisationsakteur. Allerdings ein stark geschwächter. Ihre Legitimität beruht auf der Idee des Widerstands, ihr politisches Überleben auf der Fähigkeit, diesen Widerstand in Macht zu übersetzen.
Der Waffenstillstand ist für Hamas kein Friedensschluss, sondern ein taktischer Rückzug. Sie braucht Zeit, um sich neu zu organisieren, interne Spaltungen zu kitten und ihre Position in der palästinensischen Landschaft zu behaupten. Der Verlust der Geiseln als Verhandlungspfand zwingt sie zu einer neuen Legitimationsquelle, welche sie in der Kontrolle über den Wiederaufbau finden will.
Das Ziel ist klar: politische Rehabilitierung durch soziale Rekonstruktion. Wenn Hamas es schafft, den Wiederaufbau zu beeinflussen, behält sie Macht, selbst wenn sie formal entwaffnet wird. Genau darin liegt der strukturelle Widerspruch des Abkommens: Die Gruppe, die für die Zerstörung mitverantwortlich ist, wird indirekt zum Partner beim Wiederaufbau.
Das strukturelle Dilemma der Vermittler
Für die Vereinigten Staaten, Katar und die Türkei ist das Abkommen ein Erfolg, allerdings ein fragiler. Washington sieht in ihm eine Gelegenheit, regionale Spannungen zu senken, um sich stärker auf China zu konzentrieren. Doha will zeigen, dass seine Kanäle zu Hamas unersetzlich sind. Ankara wiederum nutzt das Abkommen, um seine diplomatische Relevanz zurückzugewinnen.
Doch die Interessen der Vermittler divergieren. Die USA wollen Stabilität, Ägypten Kontrolle, Katar Einfluss, die Türkei Sichtbarkeit. Dieses institutionelle Polyzentrum erzeugt eine Paradoxie: Je mehr Vermittler beteiligt sind, desto geringer die Durchsetzungskraft des Ergebnisses. Das Abkommen ist ein Netzwerk aus konkurrierenden Patronatsansprüchen.
Der Wiederaufbau als geopolitischer Test
Die ökonomische Dimension ist die Achillesferse des gesamten Arrangements. Der Wiederaufbau Gazas wird über fünfzig Milliarden Dollar kosten. Eine Summe, die nur mit massiver Unterstützung der Golfstaaten aufgebracht werden kann. Doch Riad und auch Abu Dhabi halten sich zurück. Sie wollen klare Garantien, dass Hamas keinen Einfluss auf die Verwendung der Mittel behält.
Damit entsteht ein klassisches Dilemma: Ohne Geld kein Aufbau, ohne Aufbau keine Stabilität, ohne Stabilität kein Frieden. In der Praxis bedeutet das eine Phase eingefrorener Unsicherheit, in der humanitäre Hilfen fließen, aber politische Strukturen unklar bleiben.
Die Rückkehr der strategischen Unordnung
Was sich in Gaza zeigt, ist ein Paradebeispiel für das, was ich als strategische Unordnung bezeichne: eine Ordnung ohne Zentrum, mit zu vielen Akteuren und zu wenigen Regeln. Das Abkommen ist weniger ein Friedensvertrag als eine Methode, Zeit zu kaufen. Jeder Beteiligte liest es anders, jeder will daraus etwas anderes ableiten.
Israel sucht Entlastung, Hamas Überleben, Ägypten Kontrolle, die USA Ruhe, die Golfstaaten Abstand. Doch keiner dieser Faktoren schafft Struktur. Die multipolare Unordnung bleibt bestehen. Sie wird verwaltet, nicht gelöst.
Was Europa daraus lernen muss
Für Europa liegt die Lehre in der eigenen Begrenztheit. Die EU hat die Palästinafrage normativ beantwortet, nicht strategisch. Die Anerkennung eines palästinensischen Staates war moralisch folgerichtig, aber machtpolitisch folgenlos. Europa hat keinen Hebel, weder militärisch noch diplomatisch, um die Nachkriegsordnung von Gaza mitzugestalten.
Will Europa künftig mehr als symbolische Politik betreiben, muss es eine Rolle definieren, die über Humanität hinausgeht. Dazu gehören drei Schritte: erstens der Aufbau eigener Kanäle zu regionalen Akteuren jenseits der USA; zweitens eine gemeinsame sicherheitspolitische Linie gegenüber Israel und Ägypten; drittens die Bereitschaft, Wiederaufbaupolitik als geopolitisches Instrument zu verstehen.
Strategische Einsichten
Frieden entsteht nicht aus Erschöpfung, sondern aus Struktur. Solange die Machtachsen in Gaza unklar bleiben, ist jeder Waffenstillstand nur vertagt.
Israel verliert strategische Autonomie, gewinnt aber Stabilität. Der Preis für amerikanische Rückendeckung ist eine schrittweise Funktionalisierung seiner Politik.
Hamas bleibt Akteur, weil niemand sie ersetzen kann. Der Versuch, sie auszuschließen, wird die Instabilität verlängern.


