Halbleiter und Atom-U-Boote
Ein Essay über Macht, Abhängigkeit und strategische Selbstbehauptung in der multipolaren Ordnung des 21. Jahrhunderts
Große Ordnungen sterben langsam – und werden oft erst dann sichtbar, wenn ihre Bruchlinien offen zutage treten. In den Fluchtlinien der Gegenwart, zwischen Halbleiterfabriken in Sachsen und Atom-U-Boot-Allianzen im Pazifik, beginnt sich die tektonische Verschiebung der globalen Machtarchitektur abzuzeichnen. Die alte Weltordnung – gegründet auf amerikanischer Hegemonie, westlicher Technologieüberlegenheit und transatlantischem Automatismus – ist im Erodieren begriffen. An ihre Stelle tritt keine neue Ordnung, sondern ein Ringen: um Einfluss, um Ressourcen, um Souveränität. In diesem geopolitischen Interregnum steht Europa an einer Weggabelung, wie sie historisch nur alle paar Generationen erscheint.
Die Parallelen zur Zwischenkriegszeit sind nicht zufällig. Auch damals glaubte man in Europa, durch institutionelle Rhetorik und ökonomische Verflechtung die Logik der Machtgeschichte überwinden zu können. Doch Macht macht Geschichte – nicht umgekehrt. Wer heute noch glaubt, Souveränität lasse sich outsourcen, wird morgen feststellen, dass strategische Selbstbeherrschung kein moralischer Luxus, sondern existenzielle Notwendigkeit ist.
Der Bau einer taiwanischen Halbleiterfabrik in Deutschland und die militärische Neuverkabelung des Pazifik durch AUKUS sind zwei Seiten derselben geopolitischen Medaille: Sie markieren die Rückkehr der Machtpolitik – und fordern Europa heraus, endlich als strategisches Subjekt zu handeln, nicht länger als Objekt fremder Prioritäten.
I. Die Geopolitik des Siliziums: Europas technologische Frontlinie
Die Entscheidung, TSMC – das taiwanische Kronjuwel der globalen Mikrochip-Industrie – in Dresden ansiedeln zu lassen, mag vordergründig industriepolitisch motiviert gewesen sein. In Wahrheit aber ist sie nichts Geringeres als ein Testfall europäischer Geostrategie. Denn in einer Welt, in der die Kontrolle über Mikrochips Macht über Infrastruktur, Rüstung, Energie und künstliche Intelligenz bedeutet, ist jede Fabrik ein strategischer Vorposten.
Deutschland hat diese Wahrheit spät, aber mit Nachdruck erkannt. Die pandemiebedingten Lieferengpässe wirkten wie ein geopolitischer Weckruf: Europas Abhängigkeit von asiatischen Lieferketten war nicht nur ökonomisch riskant, sondern sicherheitspolitisch naiv. Der Schritt nach Sachsen ist ein Signal – nicht nur an Brüssel, sondern auch an Peking und Washington: Europa will nicht länger Spielball sein, sondern Mitspieler.
Doch die Wahl des Partners ist brisant. Taiwan ist für China kein ausländischer Akteur, sondern eine verlorene Provinz. Jeder westliche Schulterschluss mit Taiwans strategischer Industrie wird in Peking als Provokation verstanden – gleichgültig, wie sehr Berlin sich auf ökonomische Argumente beruft. In Wahrheit ist jede Entscheidung in dieser Arena eine Machtentscheidung. Wer Halbleiterfertigung auf eigenem Boden verankert, verringert nicht nur wirtschaftliche Verwundbarkeit, sondern vergrößert seinen außenpolitischen Spielraum. Souveränität beginnt dort, wo die eigene Entscheidungsfreiheit nicht mehr vom Wohlwollen anderer abhängt.
II. Abschreckung als Abhängigkeit: Die Lektion von AUKUS
Ein ganz anderes Beispiel geopolitischer Selbstpositionierung liefert die indo-pazifische AUKUS-Allianz. Was offiziell als sicherheitspolitisches Bollwerk gegen die chinesische Expansion gefeiert wird, ist in Wirklichkeit ein System asymmetrischer Abhängigkeiten. Australien erhält nuklear betriebene U-Boote – aber zu amerikanischen Bedingungen, mit amerikanischer Technologie, und unter langfristiger Bindung an ein sicherheitspolitisches Paradigma, das die eigene Souveränität auf Jahrzehnte hinaus einschränkt.
Der tiefere Fehler liegt nicht in der Wahl des Bündnisses, sondern in der freiwilligen Unterordnung unter eine Ordnung, die nicht aus eigener Macht, sondern aus strategischer Notwendigkeit erwächst. AUKUS illustriert, wie Großmächte wie die USA heute ihre technologischen Fähigkeiten einsetzen, um Einfluss zu institutionalisieren und Bündnispartner in kontrollierte Abhängigkeiten zu führen. Canberra mag kurzfristige Sicherheit gewonnen haben – langfristig hat es Optionen verloren. Und Optionen sind in einer Welt multipolarer Unsicherheiten der einzige echte Machtfaktor.
Frankreich, das durch AUKUS den Verlust eines milliardenschweren U-Boot-Deals erlitt, reagierte mit berechtigtem Zorn. Doch mehr noch: Paris verstärkte seine Bemühungen um europäische strategische Autonomie. Die Lehre ist klar: Wer sich sicherheitspolitisch binden lässt, ohne selbst zu gestalten, verliert die Kontrolle über seine Zukunft.
III. Europas Machtoption: Souveränität durch Einheit
Was bedeutet all dies für Europa? Zwei Dinge.
Erstens: Der Kampf um technologische Souveränität ist die neue Frontlinie der Geopolitik. Wer seine Zukunft nicht selbst fertigt, wird sie fremdbestimmt erleben. Das bedeutet: Halbleiterproduktion, künstliche Intelligenz, Cybersicherheit und kritische Infrastruktur müssen auf europäischem Boden – und unter europäischer Kontrolle – ausgebaut werden. Dresden kann ein Leuchtturm sein, aber es braucht eine strategische Küste: ein ganzheitliches Technologiesystem, getragen von Forschung, industrieller Tiefe und politischem Willen.
Zweitens: Ohne militärische Handlungsfähigkeit ist jede politische Souveränität Illusion. Die Lehre aus AUKUS lautet nicht, sich vom Westen abzuwenden, sondern Europa zur dritten Macht im globalen Gleichgewicht zu formen. Das erfordert eine europäische Armee, die französische Nuklearwaffen integriert, über eigenständige Kommandozentralen verfügt und in der Lage ist, europäische Interessen unabhängig zu vertreten – sei es an den Außengrenzen oder im globalen Süden.
Diese Vision ist nur erreichbar durch einen europäischen Bundesstaat, der politische Kohärenz mit militärischer Fähigkeit verbindet. Ein fragmentiertes Europa ist machtlos. Ein geeintes Europa kann Ordnung schaffen – nicht nur für sich selbst, sondern als dritter Pol zwischen den Imperien des 21. Jahrhunderts.
IV. Deutschlands Rolle: Vom Moderator zum Architekt
Deutschland steht im Zentrum dieser Transformation. Als ökonomischer Motor Europas und geostrategische Mitte trägt Berlin besondere Verantwortung. Doch Verantwortung ohne Führung bleibt rhetorisch. Was es braucht, ist eine strategische Außenpolitik, die konsequent auf europäische Einheit ausgerichtet ist. Das bedeutet:
Militärische Integration mit Frankreich, Polen und Italien – nicht nur in Übungen, sondern in realer Kommando- und Truppenstruktur.
Nukleare Einbindung französischer Kapazitäten in eine gemeinsame Abschreckungsarchitektur.
Politische Führungsbereitschaft, die nicht auf Konsens setzt, sondern auf strategische Richtung.
Allianzen mit Indien, um eine multipolare Ordnung jenseits west-östlicher Blocklogik zu gestalten.
Europa braucht keine transatlantischen Instruktionen, sondern strategische Selbstachtung. Das bedeutet nicht Isolation, sondern Interdependenz auf Augenhöhe. Wer frei sein will, muss gestalten – nicht folgen.
Schluss: Macht, Ordnung, Selbstbeherrschung
Die Welt des 21. Jahrhunderts ist nicht die Fortsetzung der liberalen Nachkriegsordnung mit anderen Mitteln. Sie ist eine neue Arena, in der alte Gewissheiten erodieren und neue Machtzentren entstehen. In dieser Welt zählt nicht moralische Rhetorik, sondern strategische Rationalität.
Henry Kissinger schrieb einmal, dass die Kunst der Außenpolitik darin bestehe, Ordnung mit Gerechtigkeit zu verbinden. Heute aber geht es vor allem darum, Ordnung mit Macht zu verbinden – und Macht mit Selbstbeherrschung.
Europa hat nun die Wahl: Beobachter bleiben oder Akteur werden. Wer Chips baut und Allianzen hinterfragt, hat bereits begonnen, sich zu emanzipieren. Doch das genügt nicht. Die Stunde verlangt mehr als Signale. Sie verlangt eine neue europäische Entscheidung.
Nicht zwischen Ost und West – sondern zwischen Fremdbestimmung und strategischer Souveränität.


